„Mensch, toll, wie du das machst“, ruft die junge Frau dem jungen Mann zu. Sie hält lächelnd, aber angestrengt ihren strampelnden Sprössling mit beiden Händen fest. Der Kleine quengelt und fühlt sich unwohl. Er will sich losreißen, was ungünstig wäre. Denn dann würde er untergehen. Etwas neidisch schaut sie zu dem jungen Mann rüber. Der hält seine Tochter an den Schultern und bewegt sie ganz ruhig im Zickzack durch das Wasser. Die Kleine findet das wunderbar und jauchzt vor Vergnügen.
Die Szene ist offensichtlich: Wir sind beim Babyschwimmen. Gemeinsam mit dem Quartett befinden sich zehn andere Menschen im Becken: fünf Mütter und ihre Kinder. Draußen gibt die Schwimmlehrerin Kommandos, die die Eltern mehr oder weniger eifrig befolgen. Der einzige Mann in der Runde ist mein Bruder.
Matthias Heinrich
ist Niedersachse. Nach Jahren in Berlin ist er mit seiner Familie wieder in der Provinz gelandet – allerdings in der fränkischen. Im Vergleich mit seinen Kindern fiel ihm die Eingewöhnung deutlich schwerer. Inzwischen hat er sich dank seiner Kinder und des Fußballvereins an Schäuferla und Seidla gewöhnt. Mit dem bayerischen Schulsystem hadert er aber noch. Hier schreibt er unter Pseudonym.
Bild: F.A.Z.
Mein Bruder ist im Sommer zum ersten Mal Vater geworden. Ohne eine große Welle daraus zu machen, war ihm immer klar: Er will so viel wie möglich mit seiner Tochter unternehmen. Da er kurz vor der Geburt einen neuen Job angefangen hat, hat er dafür weniger Zeit als er ursprünglich gehofft. Das Babyschwimmen aber übernimmt er. Auch wenn es etwas unbequem ist.
Väter, die sich um ihre Babys kümmern, sind Exoten
Während sich die Mütter in einer geräumigen Kabine umziehen, verschwindet mein Bruder hinter einem Vorhang und hofft, dass den niemand aufreißt. Eine Kabine für Väter gibt es in der Schwimmschule nicht. Auch kein Schließfach. Er lässt seine Habseligkeiten auf einem einsamen Stuhl zurück. Nach dem Schwimmen verschwindet er allerdings zum Umziehen auf der Toilette, weil die etwas mehr Intimsphäre bietet. Seine Tochter ist im Maxi‑Cosi dabei.
„Das ist halt so“, sagt er, „ist aber okay“. Es ist ja auch nicht schlimm. Aber doch irgendwie seltsam. Junge Väter, die sich um ihre Babys kümmern, sind in unserer Gesellschaft nach wie vor Exoten. Auch in den Städten – mögen sie noch so modern sein und sich selbst als progressiv darstellen. Mein Bruder wohnt in einer der größten Städte Nordrhein-Westfalens. Mit einem großen Angebot für Eltern mit Babys. Trotzdem ist er in der Schwimmschule der Paradiesvogel.
Sätze wie „Toll, dass du machst“ oder „Toll, wie du das machst“ hat er schon ein paarmal gehört. Immer von Frauen, meistens anderen Müttern. Die Sätze sind nicht böse, sondern nett gemeint, aber es steckt mehr dahinter. Etwa: „Bei uns macht das alles die Mutter.“ Oder: „Wo ist denn die Mama?“ Oder: „Dass du dir als Mann so was zutraust.“ Manchmal verbirgt sich auch ein Wunsch dahinter: „Ich wünschte, mein Mann würde das auch machen.“ Oder: „Was will der denn hier? Ich dachte, hier sind wir unter uns.“
Nett gemeint, aber ein Zeichen für getrennte Sphären
Frauen wundern sich, dass ein Mann (ein Vater) einen Bereich betritt, der ihnen (Müttern) vorbehalten war. Es ist wie in so vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen auch: Eigentlich müssten wir schon weiter sein. Sind wir aber nicht.
Mein Bruder ist nicht der Einzige, der diese Form des Sexismus erlebt hat. Wir waren gerade nach Berlin gezogen, als ich vor 13 Jahren mit unserem sechs Monate alten Sohn Theo in Elternzeit war. Natürlich suchte ich Anschluss in unserem Kiez.
Ob im Elterncafé, in der Krabbelgruppe („Du machst Elternzeit, hm? Wo ist denn die Mutter?“) oder auf dem Spielplatz, überall wurde ich als Paradiesvogel angesehen. Ich war der einzige Mann. Als ich zwei Jahre später bei unserer Tochter ebenfalls wieder sechs Monate Elternzeit nahm, hatte sich nichts verändert. Väter mit Kinderwagen an einem Werktag sind Paradiesvögel.
Leicht gibt man ein völlig falsches Bild ab
Einmal sind wir mit einer befreundeten Familie für ein Wochenende raus nach Brandenburg gefahren. Als wir mit den Einkaufswagen und den beiden Kindern in den Sitzen nebeneinander durch die Gänge schoben, fauchte uns eine ältere Frau an: „So etwas Ekelhaftes habe ich noch nie gesehen.“ Als wir später unseren Frauen davon erzählten, lachten die beiden: „Klar, die Gute hat euch für ein schwules Pärchen gehalten.“
Auch mein Bruder hat merkwürdige Erfahrungen gemacht. Als er Ende vergangenen Jahres mit seiner Tochter im Kinderwagen über einen Weihnachtsmarkt schlenderte, fühlte sich eine ältere Frau genötigt, ihn auf das offene Verdeck des Wagens hinzuweisen. „Sie müssen das hochmachen, das ist gefährlich für das Kind“, wies die Frau ihn kopfschüttelnd und vorwurfsvoll an und zeigte auf das Verdeck, „da kann was reinfallen“.
Dass das Kind die ganze Zeit Blickkontakt mit ihrem Vater hatte und bester Dinge war, spielte keine Rolle. Mein Bruder bezweifelt, dass die Weihnachtsmarktbesucherin seine Frau auf ähnliche Weise angesprochen hätte. Männern wird offenbar weniger Kompetenz im Umgang mit ihren Kindern zugetraut als Frauen.
Und was machen wir jetzt? Einfach weiter, etwas anderes bleibt uns nicht übrig. Irgendwann wird es normal sein, dass Väter mit ihren Babys zum Schwimmen gehen. Vielleicht haben sie dann sogar eigene Umkleidekabinen. Und vielleicht können zwei Väter mit ihren Kindern im Einkaufswagen irgendwann durch Brandenburger Supermärkte schlendern, ohne homophob beleidigt zu werden.

vor 2 Stunden
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