Landtagswahl in Baden-Württemberg: Warum erste Hochrechnungen oft ungenau sind

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Als am Sonntagabend um 18 Uhr die ersten Prognosen über die Bildschirme liefen, war der Jubel bei den Grünen groß. Fast drei Prozent Abstand zur CDU, der Wahlsieg schien sicher. Und das, obwohl die Umfragen die CDU vorn gesehen hatten. Doch mit jeder neuen Vorhersage schrumpfte der Abstand zwischen den beiden Parteien. Gegen 23 Uhr trennte sie in den Hochrechnungen nur noch ein halber Prozentpunkt. Wie aber kann es sein, dass sich die Vorhersagen im Laufe des Abends so stark verändern und warum gibt es diese Berechnungen kurz vor dem tatsächlichen Ergebnis überhaupt?

Die Umfragen vor einer Wahl sind nicht frei von Unsicherheiten

Bevor es überhaupt zu Prognosen und Hochrechnungen kommt, zeigt die Sonntagsfrage den möglichen Wahlausgang. Umfrageinstitute befragen im Auftrag verschiedener Medien und Parteien regelmäßig um die tausend Wählerinnen und Wähler nach ihren Wahlabsichten. Tausend Befragte, das klingt nicht nach viel. „Diese Stichprobengröße reicht statistisch, um auf die gewünschte Grundgesamtheit hochzurechnen“, sagt Jörg Siegmund von der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Die Grundgesamtheit ist die gesamte Wählerschaft. Die Gruppe der Befragten wird zufällig per Telefonanruf, Tür-zu-Tür- oder Online-Befragung ausgewählt. Dabei achten die Umfrageinstitute darauf, demografische Gruppen passend zu ihrem Vorkommen in der Gesamtwählerschaft abzubilden und die Ergebnisse der Umfrage entsprechend zu gewichten.

Trotzdem sind die Umfragen nicht frei von Unsicherheiten, beispielsweise, weil sich Befragte nicht ehrlich zu ihrer Parteipräferenz bekennen wollen. Deshalb geben die Institute Schwankungsbreiten an. Eine Vorhersage des Wahlergebnisses ist die Sonntagsfrage nicht. „Sie ist eine Momentaufnahme im Wahlkampf“, sagt Siegmund, ein Werkzeug für Politik und Wählende gleichermaßen. Letztere können damit ihre Meinung zeigen. Die Parteien können diese wahrnehmen und gegebenenfalls ihren Kurs ändern.

Die sogenannten Exit-Polls geben auch Aufschluss darüber, wer wen gewählt hat

Am Wahlabend arbeiten Medien (auch die Süddeutsche Zeitung) mit den Ergebnissen der Exit-Polls. Diese Nachwahlbefragungen sind die ersten Prognosen für den Wahlausgang. Mitarbeitende der Umfrageinstitute befragen dafür Wählerinnen und Wähler direkt nach dem Gang zur Urne. Mehrere Faktoren wie die Wahlergebnisse der Vergangenheit und die demografische Zusammensetzung der Wählerschaft vor Ort werden bei der Auswahl der einfließenden Stimmkreise berücksichtigt. Auch hier werden frühere Telefon- und Onlinebefragungen eingerechnet, um Briefwähler zu berücksichtigen.

Datenanalyse zur Landtagswahl

:So haben die Wählergruppen in Baden-Württemberg abgestimmt

Die Grünen gewinnen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg knapp. Wer hat für sie gestimmt? Wie unterschiedlich haben Männer und Frauen gewählt? Welchen Einfluss hatten Beruf und Bildung? Eine erste Datenanalyse.

Doch genau das könnte es diesmal besonders schwierig gemacht haben, schrieb Wahlforscher Thorsten Faas schon vor dem Wahlabend auf der Social-Media-Plattform Bluesky. Denn die vergangene Wahl fand während der Corona-Pandemie statt. Das habe zu „extrem hohen Briefwahlquoten“ geführt. Weil diesmal viel weniger Menschen per Briefwahl gewählt haben, unterscheide sich die Basis für die Exit-Polls nun so sehr, dass die Prognose ungenauer werden könne, schrieb Faas.

Auch die Hochrechnungen am Abend sind fehleranfällig

Tatsächlich ausgezählte Stimmen ausgewählter Wahllokale fließen erst ab 18.30 in die Hochrechnungen ein. Ganz zufällig ist die Stichprobe nicht, die Umfrageinstitute achten darauf, die Wählerschaft möglichst genau abzubilden. Die Ergebnisse der so geschichteten Stichprobe werden dann nach etlichen Faktoren miteinander verrechnet, um auf das wahrscheinliche Gesamtergebnis hochzurechnen. Wie genau die Wahlforscher dabei vorgehen, ist ihr Betriebsgeheimnis.

Das Problem: Um 18.30 Uhr sind die Wahllokale erst seit einer halben Stunde geschlossen und noch nicht genug Stimmen ausgezählt. Die Hochrechnungen basieren auf Teilauszählungen und das bringt Fehlerquellen mit sich. Weil die Auszählung in urbanen Stimmbezirken aufgrund ihrer Größe häufig länger dauert als im ländlichen Raum, laufen frühe Hochrechnungen zum Beispiel Gefahr, die Präferenz von Stadtbewohnern zu unterschätzen. In die ersten Prognosen lassen die Umfrageinstitute deshalb verstärkt Schätzwerte einfließen.

„Die Hochrechnungen sind nicht so zu bewerkstelligen, wie es das statistische Lehrbuch vorsieht“, erklärt Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Dafür müssten alle Stimmkreise der Stichprobe fertig ausgezählt sein. „Das ist inzwischen aber erst gegen 20 Uhr der Fall.“ Kommen im Verlauf des Wahlabends ausgezählte Stimmen hinzu, werden die Schätzwerte durch diese Ergebnisse ersetzt und die Hochrechnung wird genauer.

Hochrechnungen unterstützen den politischen Diskurs

Aber warum werden überhaupt so viele Prognosen veröffentlicht, bevor alle Stimmen ausgezählt sind? „Der mediale Bedarf ist einfach um 18 Uhr da“, sagt Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Die Journalisten brauchen Informationen, mit denen sie die Politik zu Aussagen zwingen können. Würde stattdessen auf den benötigten Auszählungsstand nach Lehrbuch gewartet, läge das Stichprobenergebnis erst kurz vor dem vorläufigen amtlichen Endergebnis vor – wenn die meisten Bürgerinnen und Bürger im Bett sind.

„Die Hochrechnungen bedienen aber nicht nur die Neugierde, sie sind auch für die Parteien und den politischen Diskurs wichtig“, sagt Jörg Siegmund. Mit ihnen könnten sich die Politiker Strategien zurechtlegen, wie sie mit dem Ergebnis umgehen. Für die SPD etwa waren schon die ersten Hochrechnungen eindeutig genug: Die Partei landete demnach nur knapp über der Fünf-Prozent-Hürde. Spitzenkandidat Andreas Stoch wartete daraufhin gar nicht mehr das Ergebnis ab. Er kündigte sofort an, als Partei- und Fraktionschef zurückzutreten.

Eine frühere Fassung dieses Artikels erschien bereits zur Landtagswahl in Brandenburg.

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