Als Peter Bogdanovich Orson Welles erzählte, er wolle seinen nächsten Film „Paper Moon“ nennen, antwortete dieser lakonisch: „Der Titel ist so gut, du solltest nur den Titel veröffentlichen!“ Die Suche nach einem werbeträchtigen, publikumswirksamen Titel beschäftigt nicht nur die Film-, sie beschäftigt ebenso die Theaterbranche. Die Titelfrage ist sogar eine der Gretchenfragen des Betriebs, gerade für die zeitgenössische Dramatik, die ja (noch) unbekannte Stücke auf den Markt bringt und im Verruf steht, mitunter besonders weltfremd zu tun und zu klingen. Welche Strategien der Titelfindung sind gerade zu erkennen im Betrieb?
Da gibt es auf der einen Seite die Imitationsstrategie. Denn natürlich kann es helfen, wenn man einen Titel wählt, der sich an bekannte Klassiker anlehnt. David Greigs „Eine Sommernacht“ etwa rekurriert offensichtlich auf Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“. John von Düffels „Döner zweier Herren“ parodiert Goldonis Klassiker, und Felix Krakaus „Faust 1+2+3“ tut gleich so, als könne er das Nationalstück der Deutschen nonchalant fortschreiben.
Paradies fluten, Paradies hungern, Paradies spielen
Aber heiligt der Zweck die Titel, wie es der Autor Manfred Hinrich einmal wortspielhaft formuliert hat? Und wie kann man originelle Titel finden, ohne sich im postdramatischen Anspielungsdschungel zu verirren? Darüber wurde auch beim sogenannten „Bembel Salon“ des S. Fischer Theater Verlages, dem alljährlichen Autorentreffen in Berlin, lebhaft diskutiert.
Thomas Köcks „Klimatrilogie“ mit den aufgeplusterten Einzeltiteln „paradies fluten. / paradies hungern. / paradies spielen“ versucht, den Zeitgeist einzufangen und größtmögliche Themenrelevanz zu behaupten – wen sprechen solche Titel an? Wahrscheinlich eine betriebsinterne Blase, aber eher nicht die Breite eines potentiell auch betriebsferneren Publikums.
Natürlich kann man argumentieren, dass neue Dramatik ohnehin unbekannt ist und der Erfolg daher gar nicht am Titel zu messen sei. Aber der Blick auf Auslastungszahlen verzeichnet dennoch bei griffigeren, knapperen, abenteuerlustigeren Titeln höhere Zahlen als bei langen, komplizierten oder tristen. Wie bei der Wahl von Kindernamen hat natürlich auch das subjektive Empfinden, nämlich der Klang und der proustsche Madeleinemoment in Bezug auf Assoziationen und Erinnerungen viel mit der Durchsetzungskraft eines Titels zu tun.
Aus „Farragut North“ werden „Tage des Verrats“
Ein Titel wie „Liebes Arschloch“ von Virginie Despentes kann beispielsweise provozieren und Strahlkraft über große Plakate entwickeln, aber natürlich ebenso abschreckend wirken. Viele legendäre Titel bestehen nur aus Eigennamen, viele von ihnen sind allerdings eigentlich ewig lang (schauen wir bei Gelegenheit nur einmal den Originaltitel von „Robinson Crusoe“ nach. . .). Es ist wirklich nicht leicht mit der Titelfindung: Die Stücke nur mit Zahlen zu betiteln, klingt eher nach mathematischer Formelsprache, Alliterationstitel können leicht gewollt klingen, und Titel in Klammern können sie schnell opak wirken lassen. Noch schwieriger wird es oft bei Übersetzungen, da die Titel auf ortsspezifische Hintergründe anspielen („Farragut North“ von Beau Willimon bezeichnet etwa eine U-Bahn-Station in Washington, die Treffpunkt von Politikern und ihren Intrigen ist – in Deutsch wurde dann daraus „Tage des Verrats“).
Was aber wären Titel, die ein branchenfremdes Publikum, etwa den Geschäftsführer eines mittelständischen Betriebs, erreichen könnten? „Extrawurst“, die Komödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, mag da ein populäres Beispiel sein, die Karnivoren, aber auch Veganer ex negativo gleichzeitig „abholen“ könnte. Gleichzeitig gibt es aber auch Titel wie etwa „Dem Marder die Taube“ von Caren Jeß, die durch das enigmatische Moment Interesse erwecken könnten.
Vorhang zu und alle Titelfragen offen? Vielleicht holt man sich am Ende einfach Rat beim Schöpfer der Hamburgischen Dramaturgie, auf die man ja im Theater immer noch öfter zurückgreift, als man zugeben mag – denn Lessing sagte einst: „Ein Titel muß kein Küchenzettel sein. Je weniger er von dem Inhalt verrät, desto besser.“

vor 10 Stunden
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