Kolumne „Lost and Found“: Der Frost als Waffe der Russen

vor 1 Tag 1

Ein Video aus Kiew: Eine dunkle Landschaft, in der Ferne fahren einzelne Autos auf einer Straße. Ich ahne überall Wohnblöcke; aus einem wird gefilmt, die Umrisse der Häuser sind deutlich zu erkennen. „Guten Abend“, hört man eine junge Frau am Telefon sagen. „Guten Abend“, antwortet eine alte Frauenstimme. „Haben Sie Gas? Strom? Wasser?“ – „Wir haben nur einen guten Abend“, antwortet die alte Frau. Ich lache auf, mich überfällt ein Schauder.

Bei uns in Berlin streikt die BVG: Eine leere Straßenbahn fährt an mir vorbei; die Oberleitungen sollen nicht vereisen, aber Fahrgäste werden nicht mitgenommen. Es ist glatt, der kälteste Winter in Berlin seit sechzehn Jahren, und die Stadt ist nicht vorbereitet. Ich soll meinen Geburtstag feiern, doch ich fühle eine Lähmung wie am Anfang des Krieges. Ich komme nicht zurecht mit der Diskrepanz zwischen meinem Leben hier und der Katastrophe dort. In der Zeit, die ich hier für diesen Text brauche, kann dort jemand erfrieren. Die guten Texte sind schon alle da, man weiß, was in der Ukraine gerade passiert und warum.

Der Ziegelstein wird zum Helden

Meine Freunde aus Kiew erzählen mir, was man braucht fürs Überleben: Akkulampen, Ladestationen, Thermodecken. Eine Expertin für moderne Oper erzählt von Gaskesseln, Gaskochern und Keramikplatten. Der Ziegelstein wird zum Helden – aber nur für jene, die Gas haben. In vielen Wohnungen wird alles mit Strom betrieben, den es kaum oder gar nicht mehr gibt. Kein Wasser, keine Kanalisation, keine Aufzüge. Ich höre immer neue Geschichten über heldenhaften Zusammenhalt und neue Gemeinschaften. Wie lange werden wir noch daran glauben, dass die Ukrainer es mit ihren erfinderischen Überlebenstechniken irgendwie schaffen werden?

Ein Bekannter von mir betreut seit Beginn des Krieges in Kiew Dutzende Alte in seinem Quartier, eine Initiative richtet warme Küchen zwischen riesigen Wohnblöcken ein, eine andere stellt Zelte auf. Eine angesagte Bar bietet Obdach, dort versammeln sich Familien mit Kleinkindern und vornehme alte Damen mit ihren Pelzen sowie Obdachlose. Eine Drogerie heißt die Straßenhunde des Bezirks willkommen, ein französischer Bäcker, mittlerweile legendär, backt in seiner mobilen Bäckerei jeden Tag Tausende Brote. In Deutschland wurde eine Initiative gegründet, die Wärmepakete an Bedürftigste liefert.

Auch ich sammle Geld und bin überrascht, wie viele Menschen bereit waren zu spenden, auch wenn es nur zehn Euro waren. Damit kaufte ich Radiatoren für meine frühere Schule, half einem vierzehnstöckigen Haus mit einem Generator und mit Filzschuhen, unterstützte ein kleines Team, das in Trojeschina, dem am stärksten betroffenen Bezirk Kiews, die Wohnungen alter Menschen wärmedämmt. Nebenbei sorgen sie dafür, dass die Menschen nicht hungern. Ich bin von Angst getrieben. Es wird viel getan, aber es ist der Katastrophe nicht angemessen. Ein Tropfen im Meer. Wie viele einsame Menschen werden den Frostschlaf nicht überleben?

Kontrolle durch Angst

Die Situation in der Ukraine ist präzedenzlos. Millionenstädte sind tagelang ohne Strom, Heizung und oft auch ohne Wasser. Humorausbrüche wie zur Tschernobyl-Zeit. Eine Fernsehmoderatorin berichtet von der Lichtversorgung in der Stadt: Die Sonne geht gegen sieben Uhr auf und gegen fünf Uhr unter, Ende der Meldung.

Das Schlimmste: Niemand weiß, was geschieht, wenn es wärmer wird. Es gibt ein Szenario, das sich an ­manchen Orten bereits ereignet hat. Die Rohre platzen, überschwemmen Wohnungen und machen ganze Hochhäuser unbewohnbar. Die Kommunaldienste sind überfordert, die Elektriker reparieren ununterbrochen Kraftwerke, die ständig bombardiert werden. Sie arbeiten unter Wasser oder in völlig vereisten Anlagen; einige sind dabei schon ums Leben gekommen.

Der Terror der willkürlichen Angriffe hat zum Ziel, die gesamte ukrainische Bevölkerung durch Angst zu kontrollieren. Alle können sterben, überall. Russland rächt seine Misserfolge an der Front, indem es ukrainische Kraftwerke zerstört. Die russische Armee macht sich den Frost zum Komplizen, sie hat die ganze Ukraine in eine Folterkammer der Kälte verwandelt. Die vom Westen versprochenen Abwehrraketen wurden mit großer Verzögerung geliefert (Weihnachten ist heilig!), und so entstand eine Lücke in der Verteidigung. Warum, verdammt noch mal, haben wir es in Europa nicht geschafft, der Ukraine zumindest diesen Schutz rechtzeitig zu geben?

Am Abend rufen Olga und Katja aus Kiew an. Sie haben mir einen Geburtstagskuchen gebacken. Sie trösten mich damit, dass sie es gut haben: Gas, Heizung, 14 Grad in der Küche. Es gibt keinen Strom, und über den beiden schwebt eine Bloggerlampe: ein runder, leuchtender Ring. Olga sitzt in diesem Nimbus, die Kerzen auf dem Kuchen leuchten. „Vergiss nicht, dir etwas zu wünschen!“ Ich denke keine Sekunde nach und puste.

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