Bereits bei einer Erderwärmung um zwei Grad Celsius können Wetterereignisse auftreten, wie sie bisher für eine Erwärmung um drei oder vier Grad vorhergesagt werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Fachjournal »Nature« veröffentlichte Untersuchung , die sich vorwiegend auf Klimarisiken in drei Bereichen konzentriert: Starkregen in dicht besiedelten Regionen, Dürren in bedeutsamen Agrargebieten und Wetterverhältnisse, die Waldbrände begünstigen. Unabhängige Experten halten die Studie unter Federführung von Emanuele Bevacqua und Jakob Zscheischler vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig für einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des Klimawandels.
Das Pariser Klimaabkommen sieht vor, die Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf deutlich unter 2 Grad, nach Möglichkeit aber auf 1,5 Grad zu beschränken. In diesem Jahr wird das 1,5-Grad-Ziel wohl halten, aber nur knapp. Mehr dazu, wie heiß es 2026 werden könnte, lesen Sie hier . Allerdings mehren sich die Anzeichen, dass im Herbst ein neuer und starker El Niño entstehen könnte. Dieses Klimaphänomen im tropischen Pazifik sorgt dafür, dass sich die oberste Wasserschicht im Ozean erwärmt. Dadurch könnte sich der ganze Planet vorrangig 2027 über viele komplexe Wechselwirkungen zusätzlich aufheizen.
Simulationen zu Folgen des Klimawandels sind noch immer mit großen Unsicherheiten behaftet. »Im Sinne einer verantwortungsvollen Risikobewertung sollten wir deshalb über die wahrscheinlichsten Entwicklungen hinausblicken und auch extreme Szenarien berücksichtigen, die schwerwiegende gesellschaftliche oder ökologische Folgen haben könnten«, sagte Emanuele Bevacqua mit Verweis auf die von ihm geleitete neue »Nature«-Studie.
Dürren und Starkregen könnten extremer ausfallen
Er und seine Kollegen werteten globale Simulationen zahlreicher Klimamodelle aus, die auch den Berichten des Weltklimarates zugrunde liegen. Während üblicherweise die Werte aus verschiedenen Simulationen gemittelt werden, blickten die Forscher diesmal auf die Extremwerte – also auf sogenannte Worst-Case-Szenarien.
Die extremen Werte bei einer Erwärmung um zwei Grad fanden sie bei der Analyse von Dürren in Agrargebieten, die für die weltweite Sicherung der Ernährung wichtig sind. So nahm die Häufigkeit von Dürren in diesen Gebieten in zwei Klimamodellen um mehr als 35 Prozent zu, in einem Modell sogar um mehr als 50 Prozent, wie das Team berichtet.
Der Mittelwert dafür lag bei einem Plus von 11 Prozent. Zum Vergleich: Selbst im Falle einer Erwärmung um vier Grad liegt der Mittelwert bei 16 Prozent mehr Dürren. »Zehn der 42 untersuchten Modelle liefern bei zwei Grad Ergebnisse, die deutlich über dem Modellmittel bei vier Grad Erwärmung liegen«, sagte Bevacqua mit Blick auf die Simulationen zu den Dürren.
Aber auch die Extremwerte für heftige Niederschläge in dicht besiedelten Regionen, die Menschenleben kosten und große wirtschaftliche Schäden anrichten können, sind beachtlich. Die Forscher betrachteten die maximale Niederschlagsmenge an fünf aufeinanderfolgenden Tagen eines Jahres in einer um zwei Grad wärmeren Welt im Vergleich zum Zeitraum 1851 bis 1900. Diese Niederschlagsmenge nimmt im Durchschnitt der Modelle um etwa 8,5 Prozent zu, in extremen Fällen jedoch um 13 bis 15 Prozent. Der höchste Modellwert liegt dabei höher als der Mittelwert zahlreicher Modelle für eine um drei Grad wärmere Welt.
Auch bei Simulationen zu Wetterverhältnissen, die Waldbrände begünstigen, liegt der höchste für eine Zwei-Grad-Welt simulierte Wert höher als der Durchschnittswert für eine Drei-Grad-Welt. »Unsere Ergebnisse bedeuten nicht, dass eine Zwei-Grad-Erwärmung insgesamt so gravierend wäre wie eine deutlich stärkere Erwärmung«, erklärte Co-Autor Jakob Zscheischler. Aber in besonders verwundbaren oder gesellschaftlich wichtigen Sektoren könnten schon zwei Grad extreme Auswirkungen haben.
In einem »Nature«-Kommentar weist Rachel Warren von der britischen University of East Anglia in Norwich darauf hin, dass derzeit geplante Maßnahmen gegen den Klimawandel vermutlich zu einer Erderwärmung um 2,8 Grad führen werden. Der nicht an der Untersuchung beteiligte Klimaforscher Douglas Maraun von der Universität Graz erklärte: »Die Studie veranschaulicht deutlich, dass extreme Änderungen – wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit – selbst bei einer Erwärmung von »nur« zwei Grad nicht mehr auszuschließen sind.«
Risikoabschätzungen und die Planung von Anpassungsmaßnahmen könnten zu kurz greifen, wenn sie nur auf den wahrscheinlichsten Bereich klimatischer Änderungen ausgelegt würden, sagt Helge Gößling vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Und Carl-Friedrich Schleussner vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse in Österreich hält die Untersuchung für einen wichtigen Beitrag zur Klimawandelforschung. Er fordert politisches Handeln: »Die Studie sollte ein Weckruf sein, dass dringendes Umsteuern erforderlich ist.«

vor 2 Stunden
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