Christlicher Zionismus: Auch Christen wünschen sich Israel größer

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Mit Äußerungen in einem Interview mit dem rechten Kommentator Tucker Carlson machte der Botschafter der Vereinigten Staaten in Israel, Mike Huckabee, kürzlich Schlagzeilen. Israel habe einen biblisch fundierten Anspruch auf weite Teile Westasiens und Nordafrikas, den er gutheiße, wenngleich die israelische Regierung diesen Anspruch wohl kaum einlösen werde. Seit dem Beginn des Gazakrieges haben hochrangige israelische Politiker ähnliche Vorstellungen geäußert. So berief sich der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich wiederholt auf das Konzept eines sogenannten Greater Israel, das zumindest die palästinensischen Territorien, Teile Jordaniens, Libanons, Syriens und des Irak einschließen könne.

Smotrichs Positionen werden in Europa oft als randständig wahrgenommen, doch hat auch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Sympathie für dieses Konzept erkennen lassen. In den Vereinigten Staaten ist Huckabee, ein Baptistenpastor, ehemaliger Gouverneur von Arkansas und republikanischer Präsidentschaftsbewerber der Jahre 2008 und 2016, keineswegs der einzige Politiker, der derartige Forderungen unterstützt. Vielmehr wurzelt diese Form der Unterstützung in Positionen, die im evangelikalen Protestantismus seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts artikuliert wurden, und zwar nicht nur in Amerika, sondern auch in Großbritannien und in Deutschland.

Langzeitwirkungen des Puritanismus

Nach der Gründung der Vereinigten Staaten war es Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zu einer Erneuerung des Protestantismus gekommen. Im sogenannten „zweiten großen Erwachen“ setzte sich die Auffassung durch, die Wiederkehr des Messias auf die Erde stehe kurz bevor. Diese Überzeugungen beförderten auch missionarische Bestrebungen, die sich auf die Region richteten, in der das Christentum entstanden war: das Heilige Land. Während Vertreter der Erweckungsbewegung im deutschen Sprachraum ebenfalls auf die Konversion aller Nichtprotestanten in Palästina setzten, wollten prominente Evangelikale in Großbritannien die Wiederkehr des Messias auf anderem Weg befördern: Sie waren der Ansicht, dass diese erst erfolgen könne, wenn alle Juden ins Heilige Land zurückgekehrt seien, wo man sie zum Christentum bekehren wollte. Der biblische Grundtext für dieses Vorhaben, das auf den Puritanismus des siebzehnten Jahrhunderts zurückgeht, ist die Aussage des Apostels Paulus im Römerbrief (11, 26), ganz Israel werde gerettet werden.

Die evangelikalen Positionen blieben keine frommen Wünsche. Vielmehr führten sie, im Zuge eines gesteigerten geopolitischen Interesses an der strategisch wichtigen Region, zur Entstehung protestantischer Strukturen vor Ort, wobei die Missionen stets nicht nur auf Palästina, sondern auf das gesamte Osmanische Reich, Ägypten eingeschlossen, zielten. Das American Board of Commissioners for Foreign Missions entsandte 1819 seine ersten Missionare, und 1841 gründeten Großbritannien und Preußen ein gemeinsames Bistum in Jerusalem, das als solches bis 1886 bestand und bis heute als anglikanischer Bischofssitz fortbesteht. Von 1851 an wurden die Kaiserswerther Diakonissen in Krankenhäusern und Schulen in Jerusalem, später auch in Beirut, Alexandria, Kairo und Konstantinopel aktiv. Später folgten die Templer, eine evangelikale Gemeinschaft aus Württemberg, die in Palästina verschiedene, von ihnen so bezeichnete „Kolonien“ gründete.

Palästinensische Christen feiern das Fest der Erscheinung des Herrn auf dem Jordan im Jahre 1910, noch unter osmanischer Herrschaft.Palästinensische Christen feiern das Fest der Erscheinung des Herrn auf dem Jordan im Jahre 1910, noch unter osmanischer Herrschaft.Picture Alliance

In Deutschland unterstützten Missionsvereine wie der Jerusalemsverein, der zur Unterstützung des Bistums entstanden war, die missionarischen Bemühungen in Palästina. Alle preußisch-deutschen Monarchen von Friedrich Wilhelm IV. bis Wilhelm II. förderten die protestantischen Bestrebungen in der Region. So unterschiedlich diese Akteure und ihre Interessen waren, einte sie doch ein Ziel: Sie alle hofften, die Region und ihre Bewohner für das protestantische Christentum gewinnen zu können, und beriefen sich bei ihren Bemühungen auf die Kreuzzüge, wenngleich etwa die Kaiserswerther Diakonie euphemistisch von einem „Kreuzzug der Liebe“ sprach.

Indirekte Modernisierungseffekte

Das „Heilige Land“ als Ort expansionistischer Phantasien war daher im neunzehnten Jahrhundert keineswegs ausschließlich ein US-amerikanisches, sondern auch ein europäisches und nicht zuletzt deutsches Phänomen, auch im Katholizismus. Heute ist diese Geschichte in Deutschland weitgehend vergessen, zumal die deutschen Einrichtungen nach dem Ersten Weltkrieg schließen mussten.

Damals erwies sich die Umsetzung der missionarischen Agenda als schwierig. Die Missionen fanden durchaus Zuspruch bei vielen Einwohnern Palästinas, allerdings nicht, weil sie daran interessiert waren, ihren Glauben zu wechseln, sondern weil Missionen gratis medizinische Leistungen und moderne Bildung boten. Auch boten sie die Möglichkeit, Fremdsprachen zu erlernen, was in Zeiten des globalen Handels und des Tourismus attraktiv erschien. Aufgrund der klar religiösen Ausrichtung dieser Einrichtungen gründeten die nichtprotestantischen Gemeinschaften der Region bald eigene Krankenhäuser und Schulen.

Diese Entwicklungen beförderten lokale Debatten über kulturelle und gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, die vor Ort bald unter dem Begriff al-Nahda, ins Deutsche als „arabische Renaissance“ oder „Aufklärung“ übersetzt, verhandelt wurden. Schüler von Missionsschulen wurden zu Vertretern eines sich herausbildenden lokalen Nationalismus, besonders prominent Edward Said, der ebenso wie seine Geschwister, seine Tante und seine Mutter, die zeitweilig auch an solchen Anstalten lehrten, protestantische Schulen besucht hatte. Ebenso wurden jüdische Schülerinnen und Schüler von Missionsschulen später als Lehrpersonal in den Einrichtungen der Alliance Israélite Universelle tätig. Diese in Frankreich gegründete Organisation verfolgte im gesamten Mittelmeerraum ihre eigene Strategie der Zivilisierungsmission. Demnach fanden europäische und amerikanische Missionen zwar Zulauf, scheiterten jedoch mit ihrem Ziel einer religiös fundierten Rückeroberung der Region.

Israeltag mit der Polizeipräsidentin

In den Publikationen der Organisationen, die in den jeweiligen Herkunftsländern erschienen, wurden jedoch genau diese Träume weiterhin beschworen. So blieb das vermeintlich „Heilige Land“ für bestens in die Politik vernetzte Protagonisten in Europa und den Vereinigten Staaten auch weiterhin eine Projektionsfläche imperialer, religiös konnotierter Träume. Durch die britischen und französischen Völkerbundsmandate ergaben sich neue konkrete Möglichkeiten der Intervention.

Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel nahm am 21. Februar am „Israeltag“ eines evangelikalen Vereins teil, bei dem nach Angaben des Veranstalters „inbrünstig gesungen und hoffnungsvoll gebetet“ wurde, „insbesondere für unsere Berliner Polizei“.Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel nahm am 21. Februar am „Israeltag“ eines evangelikalen Vereins teil, bei dem nach Angaben des Veranstalters „inbrünstig gesungen und hoffnungsvoll gebetet“ wurde, „insbesondere für unsere Berliner Polizei“.dpa

Auch der Zionismus profitierte von der Euphorie für das „Heilige Land“ – zum einen, weil er von nichtjüdischen Akteuren aus diesen Gründen Unterstützung erfuhr, zum anderen, weil die kolonisatorische Logik des vermeintlich friedlichen Kreuzzugs auch zionistische Akteure in ihren Bestrebungen inspirierte – teilweise mit wenig friedlichen Konsequenzen im Verhältnis zur arabischen Bevölkerung vor Ort, vor allem im Gewand des gewaltbereiten revisionistischen Zionismus von Wladimir Jabotinsky.

Heute sind Evangelikalismus und christlicher Zionismus in den Vereinigten Staaten enorm verbreitet und einflussreich. In Deutschland ist die Erinnerung an sie kaum mehr präsent, aber erloschen ist der Eifer auch im Land der Reformation nicht. 1998, am fünfzigsten Jahrestag der Staatsgründung Israels, gründete sich der Verein „Christen an der Seite Israels“ mit Sitz in Herrenberg, im Herzland des württembergischen Pietismus, mit der Losung „Israel verstehen, und zwar aus Gottes Sicht“. Wie die „taz“ berichtete, nahm die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel am 21. Februar als Ehrengast am „Israeltag Berlin-Brandenburg 2026“ des Vereins in der methodistischen Kreuzkirche in Lankwitz teil. Laut einer Instagram-Mitteilung des Vereins „gab es tiefgehende biblische Impulse zu Gottes Plänen mit Israel und dem Nahen Osten“.

Als ausführende Organe dieser Pläne setzen sich führende Politiker der Vereinigten Staaten in Szene. Kriegsminister Pete Hegseth trägt Tattoos mit dem Kreuz des Malteserordens und dem Kreuzzugs-Motto „Deus vult“. Auch die Verlegung der Botschaft der Vereinigten Staaten nach Jerusalem, dem Zentrum aller Heilig-Land-Phantasien, die Präsident Trump schon 2018 anordnete, dokumentiert den Schulterschluss zwischen den Regierungen Trump und Netanjahu im Zeichen religiös verklärter Expansionspolitik.

Julia Hauser lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Kassel. Sie veröffentlichte 2015 das Buch „German Religious Women in Late Ottoman Beirut. Competing Missions“.

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