Alles wird teurer, auch die Museen. Für das „Selma“, das Museum für Einwanderungsgeschichte, das 2029 in einer ehemaligen Industriehalle in Köln-Kalk eröffnet werden sollte, haben der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen gut vierzig Millionen Euro bereitgestellt, jetzt beläuft sich der Finanzbedarf auf fast das Doppelte, nämlich auf 77 Millionen. Vor vier Monaten wurde der Architekturentwurf des Stuttgarter Ateliers Brückner mit dem German Design Award ausgezeichnet, jetzt ist er Makulatur. Denn zum einen seien die Baukosten dramatisch gestiegen, zum anderen sei leider, leider der Zustand der Industriehallen in Kalk schlechter als erwartet.
Ach so, man hatte einen besseren Zustand erwartet? Wann prüft man eigentlich idealerweise den Zustand einer Immobilie, die man für eine bestimmte Nutzung ins Auge gefasst hat? Bevor man die Entscheidung fällt oder erst danach? In Köln, der Stadt, in der noch immer alles gut gegangen ist, hatte man sich offenbar für die zweite Variante entschieden.
Woraus sich auf dreierlei schließen lässt: auf eine gewisse Zuversicht als Grundhaltung, eine große Portion Gottvertrauen und eine noch größere Portion Inkompetenz. Jetzt wird die Integration des Selma in das Kulturzentrum am Neumarkt diskutiert – womöglich nur als Interimslösung. Der Vorschlag scheint aus der Not, wenn nicht aus Panik geboren, denn die Förderzusage von Bund und Land läuft Ende des Jahres aus.
Der Stadtteil Kalk tritts ins Dunkle zurück
Auf zehntausend Quadratmetern sollte Selma in Kalk die Geschichte der Migration in Deutschland erzählen. Im Haus am Neumarkt, wo bereits das Rautenstrauch-Joest-Museum, das Schnütgen-Museum, ein Forum der Volkshochschule und der städtische Museumsdienst untergebracht sind, stünde dem neuen Museum gerade einmal ein Fünftel dieser Fläche zur Verfügung. Diese 2000 Quadratmeter will man gewinnen, indem man dem RJM die Fläche für Wechselausstellungen wegnimmt.
Dass das ethnologische Museum, für das gerade eine neue Direktion gesucht wird, ohne die Möglichkeit, auch in Zukunft noch Wechselausstellungen einzurichten, dramatisch an Attraktivität verlöre, versteht sich eigentlich von selbst. Der Kölner Kulturpolitik muss man es aber offenbar ins Ohr brüllen.
Groß ist die Enttäuschung in Kalk, einem Stadtteil, der seit Jahrzehnten besonders stark von Zuwanderung geprägt ist. Jetzt werde Kalk, das auf Kölns notorisch benachteiligter rechter Rheinseite liegt, wieder ins Dunkel getreten, klagte ein Mitarbeiter der Kalker Geschichtswerkstatt voller Bitterkeit gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Fast jeder dritte Deutsche hat einen persönlichen oder familiären Migrationshintergrund. Wenn Politiker, ob in Köln oder anderenorts, glauben, ein bundesweites Museum für die Geschichte der Einwanderung sei eine Marginalie, eine Art Hinterzimmer-Bespaßungsprojekt für eine Randgruppe, das man im Zweifel ins alte Völkerkundemuseum stopfen kann, dann wissen sie nichts über das Land, in dem sie leben.

vor 2 Stunden
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