Der Druck war zu groß geworden – von allen Seiten kam er, selbst aus den eigenen Reihen. Jack Lang, Frankreichs bedeutendster und prägendster Kulturpolitiker der vergangenen fünfzig Jahre, stürzt über den Großskandal um Jeffrey Epstein. In den Files des amerikanischen Financiers und Sexualstraftäters scheint Lang, heute 86 Jahre alt, fast siebenhundert Mal auf. Seine Tochter Caroline, Managerin in der Filmindustrie, wird etwa tausend Mal genannt. Es geht darin meist um Finanzgeschäfte unter Freunden.
Zunächst hat Jack Lang versucht, sich zu wehren in den Medien. „Weiß wie Schnee“ sei er, ohne Makel, sagte er. Dass Epstein ein Unhold war, habe er nicht gewusst, vielleicht sei er naiv gewesen. Von seinem Posten als Präsident des Instituts du monde arabe werde er aber bestimmt nicht zurücktreten, warum auch? Man erinnerte ihn daran, dass Epstein, als er ihn 2012 kennengelernt habe, schon als Sexualstraftäter bekannt war, dass der bereits 2008 für das Vergehen an einem minderjährigen Mädchen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Lang sagte dazu, er verlange von Leuten, die er kennenlerne, nie einen Strafregisterauszug.
Verdacht auf „Geldwäsche im Zusammenhang mit schwerem Steuerbetrug“
Der Auftritt wirkte auf viele Franzosen so, als redete da jemand aus dem alten Establishment, der sich für unantastbar hält, beseelt von verquerem Hochmut. Der Sozialist und Netzwerker hatte in der Vergangenheit auch viele Stürme unbeschadet überstanden.
Als dann aber am Wochenende die Pariser Staatsanwaltschaft für Finanzdelikte eine Ermittlung gegen Vater und Tochter Lang eröffnete, war die Parade dahin. Untersucht wird der Verdacht auf „Geldwäsche im Zusammenhang mit schwerem Steuerbetrug“. Die Investigativplattform Mediapart hat herausgefunden, dass Epstein mit den Langs 2016 auf den Jungferninseln einen Fonds über mehrere Millionen eingerichtet hatte.
Es gab offenbar zudem einen Plan, dass Jack Lang mit Epsteins Millionen Kunst erwerben sollte, ohne dass der Freund aus New York darin aufscheint. Die Prämie würde man sich teilen, schrieb Epstein in einer Mail. Erstaunlich ist auch, dass Caroline Lang in Epsteins Testament erwähnt wird: Fünf Millionen Dollar sollte sie demnach erhalten. Warum nur?
Nun also räumt Jack Lang seinen Posten, nach 13 Jahren an der Spitze des Instituts du monde arabe. Im Brief an die Regierung, die ebenfalls auf seinen Rücktritt gedrängt hatte, schreibt er, die Vorwürfe gegen ihn seien „inexakt“. Das werde er als freier Mann vor der Justiz beweisen. Wenn er dennoch demissioniere, dann nur, um die Institution zu schützen, der er vorgestanden habe. „Das gegenwärtige Klima ist tödlich – ein Mix aus persönlichen Angriffen, Verdächtigungen und Vermischungen.“ Dieses Klima ekle ihn an.
Er demokratisierte Kunst und Kultur, öffnete die verstaubten Museen
Wie diese Geschichte auch ausgehen wird: Sie beendet wohl definitiv eine einzigartige Karriere. Jack Lang kam in den Vogesen zur Welt, die Mutter war Katholikin, der Vater Jude. Bei den Langs aber, so erzählte er selbst einmal, spielte Religion keine Rolle. Sie waren Atheisten. Jack Lang entdeckte schon früh seine Liebe zum Theater, ging ans Konservatorium von Nancy, studierte dann aber Rechtswissenschaften. Georges Pompidou, französischer Präsident von 1969 bis 1974, machte Lang zum Direktor des Théâtre de Chaillot, eines von fünf Nationaltheatern in Paris.
Berühmt wurde Jack Lang mit und unter François Mitterrand, dem sozialistischen Präsidenten von 1981 bis 1995. Fast zehn Jahre lang war er dessen Kulturminister, baute alles um, demokratisierte Kunst und Kultur, öffnete die verstaubten Museen, brachte die berühmte Fête de la Musique auf den Weg. Das Budget des Kulturministeriums multiplizierte sich in diesen Jahren, dank Mitterrand. Der war auch ein besonders baueifriger Präsident: die Grande Arche de la Défense, der Umbau des Louvre mit der Glaspyramide, die Nationalbibliothek, die verunglückte Opéra Bastille.
Und so hatte Lang seinerseits viele große Bühnen, um sich in Szene zu setzen. Er war auch zweimal Bildungsminister. Einige Träume blieben ihm allerdings verwehrt. Lang wollte ein „Ministerium für Schönheit und Intelligenz“ schaffen und leiten, in dem alles zusammenfließen sollte, Bildung, Kultur, Urbanismus und Medien. Mitterrand aber hatte kein Gehör dafür. Bürgermeister von Paris wäre Jack Lang auch gern geworden, schaffte es aber nur zum Bürgermeister von Blois, einer Stadt an der Loire mit knapp 50 000 Einwohnern. Und Präsident der Republik wollte er natürlich auch werden. Nun droht ihm ein Ende in Unehre.










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