Hartmut Rosa: Was lesen Sie?

vor 4 Stunden 1

Was lesen Sie?

Ich lese immerzu. Natürlich Abschlussarbeiten, Projektanträge, Gutachten, Fachliteratur, auch alle möglichen Tages- und Wochenzeitungen: „Spiegel“, „Die Zeit“, „New York Times“, „Guardian“, „Freitag“, die „Badische Zeitung“ – aber auch „The Himalayan“, „Al-Dschasira“ und sogar „Russia Times“: Ich nehme mir die Freiheit, mich auch für die Sichtweisen der anderen zu interessieren, ungefiltert. Aber wenn ich sage, lesen heißt leben, meine ich natürlich ‚richtige‘ Literatur. Geschichten, Erzählungen, am liebsten Romane. Ich kann nicht schlafen gehen, ohne ein paar Seiten zu lesen, und morgens niemals aufstehen ohne eine Geschichte, die mich dann auch am Tag begleitet. Das können Klassiker der Weltliteratur sein, aber auch aktuelle Romane, sogar Krimis. Eigentlich habe ich an jedem Ort, an dem ich mich aufhalte, ein Buch, das sich dann mit dem Ort verbindet. In Jena zum Beispiel lese ich gerade Saša Stanišić, „Herkunft“. Tolles Buch! In der Reisetasche begleiten mich die „Best Short Stories 2024: The O. Henry Prize Winners“ rund um die Welt. Im Schwarzwald dagegen habe ich gerade Christoph Kramers „Das Leben fing im Sommer an“ gelesen, erstaunlich gut. Jetzt will ich mit Joachim Meyerhoff weitermachen, da bin ich erst beim zweiten Band, den finde ich aber gerade nicht mehr . . .

Welches Buch haben Sie im Bücherschrank, das Sie bestimmt nie lesen werden?

Hm. Schwierig. Ich habe ein Buch des Sektenführers Sun Myung Moon geschenkt gekriegt, das habe ich nicht vor zu lesen. Obwohl, erst neulich habe ich es tatsächlich aus dem Regal gezogen, weil ich neugierig war, womöglich lese ich es irgendwann doch noch, einfach weil es so exotisch ist. „Bestimmt nie“ ist eine hohe Hürde, da muss ich passen: Ich bin zu vielem im Stande...

Welche ist Ihre Lieblingsbuchhandlung?

Schon wieder schwierig. Es gibt in Jena zwei kleine Buchhandlungen: Die Jenaer Bücherstube und die Buchhandlung „Jena Süd: Beflügelnde Worte“. Die liebe ich beide, sie sind klein, aber liebevoll geführt von klugen Menschen mit echter Leidenschaft für gute Bücher, das ist unendlich wertvoll. Aber meine heimliche Leidenschaft gilt, so peinlich es ist, Dussmann in Berlin: Wann immer ich in der Stadt bin, lande ich früher oder später dort und komme erst nach langer Zeit wieder raus: Ich kann nicht davon lassen, schon im Erdgeschoss stundenlang Klappentexte und Buchanfänge zu lesen und dann spontan zuzuschlagen – und wenn ich damit fertig bin, gehe ich in die CD-Abteilung und stöbere noch eine Stunde weiter. Dann gehe ich müde und glücklich beladen kurz vor Mitternacht wieder raus. In den Fachbuchabteilungen war ich dann gar nicht...

Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Gerade ist bei Suhrkamp sein jüngstes Buch „Situation und Konstellation“ erschienen (247 Seiten, 25 Euro). Rosa wurde mehrfach für seine Forschung ausgezeichnet, zuletzt 2023 mit dem Leibniz-Preis.

In der Sonntagszeitung vom 1. März finden sich zusätzlich die Antworten von Hartmut Rosa auf die Fragen, was er sieht, was er hört und wann er zuletzt seine Meinung geändert hat.

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