Gisèle Pelicot:
»Es ist mir wichtig, ihn noch einmal wiederzusehen. Denn ich brauche Antworten.«
Giséle Pelicot, gut ein Jahr nachdem ihr Ex-Mann Dominique Pelicot zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Er hatte sie über fast ein Jahrzehnt hinweg immer wieder betäubt und vergewaltigt, zusammen mit mehr als 70 weiteren Männern. 50 von ihnen wurden ebenfalls zu Haftstrafen verurteilt. Der Prozess in Avignon hatte weltweit für Aufsehen gesorgt. DER SPIEGEL hat Gisèle Pelicot in Paris zum Interview getroffen. Wie geht es ihr heute?
Gisèle Pelicot:
»Ich kann sagen, dass es mir heute besser geht. Ich bin wieder eine glückliche Frau, ich liebe wieder. Das zu sagen ist mir wichtig. Trotz aller Dramen darf man noch auf das Glück hoffen, selbst in meinem Alter.«
73 Jahre alt ist Gisèle Pelicot heute. Zum ersten Mal gibt sie Interviews, sie hat ein Buch geschrieben. Über ihr Leben, über das, was ihr Mann und Dutzende andere ihr angetan haben, über ihre Zeit vor Gericht. In der immer wieder auch absurde Dinge geschehen sind.
Gisèle Pelicot:
»In all diesen schmerzlichen Momenten mussten wir auch immer wieder lachen, wir hatten einige Lachkrämpfe. Insbesondere mit meiner Tochter. Wir haben Tränen gelacht. Ich weiß nicht mehr, welcher Angeklagte gerade aussagte, aber er sagte, sein Gehirn habe sich irgendwie aufgelöst…«
Britta Sandberg, SPIEGEL:
»Er sagte: Mein Gehirn hat irgendwann ausgesetzt und mein Geschlechtsteil hat die Führung übernommen.«
Gisèle Pelicot:
»Ja! Es stimmt: Das alles war gleichzeitig schmerzhaft, aber es gab Momente, in denen wir trotzdem lachen konnten. Das war wichtig.«
Viele Beobachter haben sich immer wieder gefragt: Wie hält man so etwas aus?
Britta Sandberg, SPIEGEL:
»Die Widerstandskraft, die Sie gezeigt haben, hat alle überrascht. Woher nehmen Sie sie?«
Gisèle Pelicot:
»Ich erkläre es in meinem Buch: Ich denke, ich habe sie von meinen Eltern und Großeltern, vor allem aber von meiner Mutter, die trotz ihrer schweren Krankheit immer ihr Lächeln behielt. Sie hat viel gelitten, sie hatte zum Schluss Knochenkrebs, aber ich habe sie nie klagen hören. Die Resilienz scheint genetisch veranlagt zu sein. Ich denke, sie liegt bei uns in unserer Familie. Und zum Glück habe auch ich sie.«
Gisèle Pelicot wurde durch den Prozess in Avignon zu einer Ikone, zu einer Heldin für Feministinnen weltweit. Vor allem, weil sie nicht auf ihre Opferrolle reduziert werden wollte.
Gisèle Pelicot vor Reportern in Avignon, 19.12.2024:
»Indem ich diesen Prozess am 2. September vergangenen Jahres öffentlich gemacht habe, wollte ich die Gesellschaft zur Teilnahme an den geführten Debatten anregen. Ich habe diese Entscheidung nie bereut.«
Wann hat sie gemerkt, dass sich etwas ändert, dass sie zu einer Symbolfigur wird?
Gisèle Pelicot:
»Ich glaube, nachdem ich gesagt hatte: ›Die Scham muss die Seiten wechseln.‹ Da wurde allen bewusst, dass die Opfer eine doppelte Strafe erleiden und sich selbst ein zusätzliches Leid auferlegen. Ich habe das gesagt, um etwas für die Gemeinschaft zu tun. Alle Opfer tragen in sich die Kraft, Anzeige zu erstatten und sich selbst zu sagen: Ich muss gehört und anerkannt werden. Mich haben viele militante Feministinnen unterstützt – ich bin nicht so eine militante Feministin – aber dafür habe ich es auch getan. Es war meine Art, ihren Kampf zu unterstützen.«
Am vorläufigen Ende ihres Kampfes ist für Gisèle Pelicot noch eine Sache offen: Sie möchte ihren Mann wiedersehen, ihn im Gefängnis besuchen. Sie will Antworten.
Gisèle Pelicot:
»Warum hat er das getan, nach so vielen gemeinsamen Jahren? Wo er doch immer noch sagt, dass ich die Liebe seines Lebens sei. Vielleicht bekomme ich diese Antworten nie. Aber ich brauche sie, auch für meine Tochter. Und ich hoffe, dass er den Anstand besitzt, mir diese Antworten zu geben.«

vor 2 Stunden
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