Film „Die Stimme von Hind Rajab“: Beide Seiten sollten genau hinhören

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Ein Rettungswagen soll in Deutschland nicht mehr als fünfzehn, vielleicht sogar eher nur acht bis zehn Minuten benötigen, um zu einem Notfall zu kommen. Die Länder legen mit „Hilfsfristen“ fest, ab wann ein Einsatz nicht den Ansprüchen genügt. Auf dem Weg haben die Fahrzeuge Vorrang im Verkehr, auf den sie mit Warnsignalen hinweisen. Diese gängige Praxis ist längst auch internationaler Standard, unterliegt aber natürlich geographischen, sozialen, politischen und anderen Umständen, die man im weitesten Sinn auch als „zivilisatorisch“ bezeichnen könnte.

Am 29. Januar 2024 ging bei einer Leitstelle des Roten Halbmonds in Ramallah im Westjordanland ein Notruf ein, der auf das Schicksal eines damals fünfjährigen Mädchens aufmerksam machte, das in einem Auto in Gaza-Stadt festsaß, umgeben von Toten. Mit sechs Verwandten wollte Hind Rajab zu einem Krankenhaus im Osten der Stadt fliehen, die Fahrgemeinschaft geriet unter Beschuss durch die israelische Armee, und nachdem als vorerst letzte auch die fünfzehnjährige Cousine starb, war das Kleinkind in dem Auto allein, in einer Blechhülle, die gegen den rundherum tobenden Krieg kaum Schutz bot.

Siebzig Minuten Originalaufnahmen

Dem Roten Halbmond gelang es, telefonischen Kontakt zu Hind Rajab herzustellen. Diese Gespräche wurden, wie es in solchen Fällen üblich ist, aufgezeichnet. Das Originaldokument, das sich auf rund siebzig Minuten beläuft, bildet nun die Grundlage für den Film „Die Stimme von Hind Rajab“, mit dem die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania den Fall rekonstruiert. Sie geht dabei von dem Umstand aus, dass ein Rettungswagen ungefähr acht Minuten benötigt hätte, um zu dem Auto zu kommen. Die entsprechende Route wurde vom Computer ermittelt, allerdings gab es für die beiden Sanitäter, die jederzeit losfahren hätten können, kein grünes Licht. Das hat mit den Umständen der Besatzung zu tun. Hilfsaktionen bei Notfällen in den durch Israel besetzten Gebieten müssen mit dafür zuständigen Stellen koordiniert werden. Und weil in Gaza-Stadt im Januar 2024 Krieg herrschte, wurde die unter anderen Umständen rasch zu bewältigende Route lange Zeit nicht freigegeben.

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Die bürokratischen Abläufe, die zu der Verspätung führten, bilden das eigentliche Drama in Kaouther Ben-Hanias Film. Ausgangspunkt ist das Tonmaterial, in dem das Kind zu hören ist. Das Publikum weiß, dass es sich um ein Originaldokument handelt. Die Hind Rajab, deren kindliche Stimme zu vernehmen ist, war die Hind Rajab, die in diesen bangen Stunden in diesem Auto saß, umgeben von Toten, von denen die Rettungsleute anfangs noch schonend von „Schlafenden“ sprechen. „Die Stimme von Hind Rajab“ verbindet direkt mit dem Krieg in Gaza, sie bildet einen Anker in einer Wirklichkeit, aus der vergleichsweise wenige Bilder nach draußen drangen. Denn die IDF (Israel Defence Forces) hatten nicht nur eine eklatante militärtechnologische Überlegenheit, sie kontrollierten auch sehr weitgehend die Möglichkeiten, über diesen Krieg zu berichten.

Ausdruck eines Ungleichgewichts

Der Film „Die Stimme der Hind Rajab“ ist gerade auch in seiner Form ein Ausdruck dieses Ungleichgewichts. Erzählt wird durchgehend indirekt, denn zu sehen sind nur die paar Leute, die in Ramallah an den Telefonen sitzen, in einer dieser Bürolandschaften, in denen unterschiedliche Ebenen von Zuständigkeit durch Glaswände eher angedeutet als bekräftigt werden. Im Innersten sitzt ein Mann, der die größte Verantwortung trägt, auf dem sich in diesem Fall aber auch die Ohnmacht türmt. Die Auswahl der Figuren kann man auch als einen Querschnitt durch die palästinensische Gesellschaft sehen: Professioneller Habitus und Frömmigkeitszeichen sind erkennbar, im Übrigen unterscheiden sich die Grade der Verzweiflung, in die Einzelne verfallen. Denn das Schicksal von Hind Rajab wird sofort als stellvertretend erkannt. Ihre Rettung würde am Verlauf des Krieges in Gaza im Jahr 2024 nichts ändern, aber für die, die an diesem Tag Dienst hatten, liegt nun alles daran, dass rechtzeitig Hilfe zu dem Mädchen kommt.

Das Publikum, das den Film sieht, weiß in der Regel, dass diese Hilfe nicht kam. Damit fallen die geläufigen Muster des Spannungskinos weg. Eine Rettung in letzter Minute, wie sie Hollywood ungezählte Male inszeniert hat, ist hier nicht zu erwarten. Die Arbeit des Ensembles, das nach Kräften alle Nuancen der Empathie und des Aufbegehrens gegen Prozeduralität hervorkehrt, bekommt etwas Demonstratives. Und die Kriegsmacht Israel, die ihren Einsatz nach Möglichkeit gegen Dokumentation absichert, wirkt, als wäre sie bei einer Entblößung erwischt worden. Es ist ein wenig, als hätte der Krieg selbst für einen Moment den Schleier über seiner Undurchdringlichkeit weggezogen, indem ein Notruf die beiden palästinensischen Territorien verband – das Westjordanland, in dem eine Art Alltag herrscht, und Gaza, wo davon keine Rede sein kann.

Die Figuren in der Leitstelle, die mit den Verzögerungen hadern, einander den Hörer aus der Hand reißen und den scheinbar zu kühlen Vorgesetzten attackieren, sind dabei nur die andere Seite der opaken Besatzungsmacht Israel, deren Zugriff auf die besetzten Gebiete aus vielen Details, die nur beiläufig auffallen, sehr genau erschließbar ist. Damit wird „Die Stimme von Hind Rajab“ tatsächlich zu einem allgemeinen Dokument, über das einzelne Schicksal hinaus: Das Mädchen stirbt nicht nur als Opfer des Krieges, sondern als Opfer der Besatzung.

Die konventionelle Form des Dokudramas, die letztlich von dieser entscheidenden Konsequenz ein wenig ablenkt, lässt deswegen auf einen weiteren Film hoffen, der zu der Tonspur eine andere Bildebene ergänzen könnte: all die forensische Arbeit, die hier im Off mitzudenken ist. Also eine visuelle Geschichte des Krieges in Gaza, die auch einer Selbstreflexion der IDF dienlich wäre. Denn der Rettungswagen, der schließlich die acht Minuten beinahe schon bewältigt hatte, kam auch noch unter Beschuss. Es wäre ein Leichtes, aus „Die Stimme von Hind Rajab“ einen Propagandafilm zu machen. Im Sinne des Kinos und seiner Ansprüche auf Wahrheit, aber wäre es, diese erschütternde Rekonstruktion in den Dienst beider Seiten in diesem Krieg zu stellen.

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