Das eine sind die Inhalte. Grönland müsse von den Vereinigten Staaten geschützt werden. Dauerhafte Außenhandelsdefizite sind unerträglich. Die Zinsen im Dollarraum sind zu hoch. Windenergie führt in eine Sackgasse. Die Europäer sollten mehr für ihre Verteidigung ausgeben. Der Krieg in der Ukraine muss aufhören.
Das andere ist die Art, in der Donald Trump in Davos gesprochen hat. Er sprach frei, wenn es denn ein Zeichen von Freiheit ist, sich nur von den eigenen Assoziationen treiben zu lassen. Eigentlich nur von einer Assoziation: Trump fällt zu allem immer Trump ein. Den Text kann er auswendig. Trump: einzigartig, fabelhaft, erstaunlich. Karlsson vom Dach war dagegen bescheiden. Schamloser Angeber wäre eine freundliche Umschreibung.
Wenn Trump ein Mikrofon oder ein Ohr sieht, findet er, dass er erst einmal über sich selbst sprechen sollte. Dieses Selbst verwechselt er mit Amerika. Lobt er sein Land, ist es ein Selbstlob. Sein Land sollte eigentlich ihm gehören, so wie Grönland, so wie überhaupt das meiste. Was er haben möchte, aber nicht hat, haben ihm die anderen weggenommen. Außenhandelsüberschüsse beispielsweise, den Nobelpreis, universelle Verehrung. Ihm das alles nicht zu geben, ist, mit einem Wort, undankbar. Denn niemand kann es besser als er …, noch nie hat ein Präsident vor ihm …, ich war der erste, der …, seit ich im Amt bin …, die anderen haben ganz falsch …, sein Vorgänger war der schlimmste überhaupt. Was im Einzelnen der Fall ist, spielt dabei keine Rolle, wichtig ist im Grunde nur, dass es mit ihm zusammenhängt.
US-Präsident Donald Trump nach der Unterzeichnung der Charta des „Friedensrats“ReutersAlle Sätze haben so die Aufgabe, auf ihn zurückzustrahlen. Entsprechend großzügig geht Trump mit ihrem Sachgehalt um. Erzählt, Grönland sei schon einmal im Besitz der Vereinigten Staaten gewesen und nur irrigerweise zurückgegeben worden. Behauptet, die Inflation in seinem Land habe er in den Griff bekommen. Lügt, in China seien keine Windräder in Betrieb, man stelle sie dort nur her, um sie dummen Europäern zu verkaufen. Solche Märchen. Sie kommen ihm desto leichter über die Lippen, als er weiß, dass die anderen es auch nicht immer mit der Wahrheit halten. Dem entnimmt er die Lizenz, schlechterdings alles sagen zu können. Das fiel schon in seinem ersten Wahlkampf auf, in dem die behauptete Arbeitslosigkeit in den Staaten beliebige zweistellige Werte annehmen konnte.
Jede Negation ist mit einer Drohung verbunden
Absicht oder Habitus? Trump lässt jedenfalls nicht wissen, was er für Tatsachen hält, stattdessen signalisiert er, dass ihn Tatsächlichkeit gar nicht interessiert. Das erschöpft bei seinen Gegenübern die Erwartung, es lohne sich überhaupt zu argumentieren. „Tut doch nicht so, als gehe es hier um Argumente“, teilt jeder seiner Sätze mit, „es geht um Macht, und ich bin der Mächtigste im Raum. Bin ich doch. Oder etwa nicht?“
Entsprechend respektlos berichtete er in Davos, wie Macron und das Schweizer Staatsoberhaupt – „War es ein Mann oder eine Frau? Bin nicht sicher“ – ihn winselnd gebeten hätten, von Strafzöllen abzusehen. Strafzölle übrigens, die er Waren auferlegte, weil sie in den Vereinigten Staaten zu teuer seien. Finde den Fehler.
Nein, suche ihn nicht einmal, denn schon das hieße, in die Falle zu tappen, er habe es in der Sache ernst gemeint. Einst wiesen Sprachphilosophen darauf hin, Sätze hätten außer der Funktion, Weltsachverhalte festzuhalten, auch noch eine „performative“ Eigenschaft, weil mit ihnen gewarnt und getauft, geklagt und geschworen werden kann. „How to Do Things with Words“, wie man mit Worten etwas erreicht, hieß die epochemachende Schrift John Austins von 1962.
Trumps Sätze enthalten ein Minimum an Sachgehalt und ein Maximum an Absicht. Sie sind fast vollständig performativ. Was in ihnen über die Wirklichkeit gesagt wird, ist demgegenüber nahezu bedeutungslos. Ihn interessiert nur das Wie. Er verhöhnt, mobbt, erpresst, kommuniziert Selbstlob und Herablassung. Jede Negation ist mit einer Drohung verbunden oder einer Beleidigung. In jedem Satz tönt unverhohlen mit, was dem geschehen wird, der ihm nicht zustimmt.
Trumps Tonfall in Davos, dieser nuschelnde, beiläufige, verächtliche Singsang, erinnerte an die Mobster aus Mafiafilmen und an den Joker aus Gotham, die desto nonchalanter sprechen, je mehr sie drohen. Er testet, wie viel Unverschämtheit sich die gefallen lassen, die gerade erpresst werden. Er macht eine Probe auf die Selbstachtung aller anderen. Im Mafiafilm und in Gotham geht das für die Bösewichter nicht gut aus. Aber das ist vielleicht nur ein amerikanischer Mythos.

vor 2 Stunden
1








English (US) ·