Britische Boulevardpresse: Prinz Harrys Klage zielt auch auf ihn selbst

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Er wolle doch nur „eine Entschuldigung“ – und dass die Urheber der Indiskretionen „ihre Verantwortung anerkennen“, hat der Herzog von Sussex dem Londoner Zivilrichter gesagt, vor dem seine Schadenersatzklage gegen das Boulevardblatt „Daily Mail“ verhandelt wird. Es geht Prinz Harry also in der eigenen Darstellung mehr um die Ehre als um Geld, und um die Wahrheit natürlich.

Kämpft hier Georg gegen den Drachen?

Der Prinz kommt zwar nicht zu Pferde in den Saal, sondern betritt die Verhandlung eher unbemerkt mit einem Leibwächter zu Fuß, aber sein Kampf gegen den britischen Boulevard trägt alle Züge jener Auseinandersetzungen, in denen David gegen Goliath, Robin Hood gegen den Sheriff von Nottingham oder, um im englischen Bild zu bleiben, Georg gegen den Drachen kämpft.

Kein Zweifel kann in Harrys Fall daran bestehen, dass der Drache vorhanden ist; der Prinz ist schon zweimal – in Verfahren gegen die Blätter „The Sun“ und „The Mirror“ – siegreich gewesen. Die britische Boulevardpresse hat in den vergangenen Jahrzehnten skrupellos illegale und Persönlichkeitsrechte verletzende Methoden angewendet, um private Informationen von Prominenten zu ergattern – es wurden Telefone überwacht und Mailboxen abgehört.

Der dramatischste Fall – die Manipulierung des Handy-Speichers einer ermordeten Teenagerin, die bei Ermittlern und deren Eltern den Glauben weckte, die Vermisste lebe noch – endete vor knapp eineinhalb Jahrzehnten vor Gericht mit kurzen Gefängnisstrafen für den verantwortlichen Chefredakteur Andy Coulson und andere, aber auch mit der Einstellung des (zu Rupert Murdochs Medienkonzern gehörendem) Sonntagsblatts „News of the World“.

Die Artikel, die Prinz Harry angreift, sind mehr als zehn Jahre alt

Auch die Artikel, mit denen Prinz Harry seinen Fall belegen will, sind vor mehr als einem Jahrzehnt geschrieben worden. Der jüngere Sohn des britischen Königs rechtfertigt sich für sein spätes Vorgehen damit, er sei damals Mitglied jener „Institution“ – des Königshauses – gewesen, die gegenüber der Presse das Motto verfocht, sich nie zu beschweren und nichts zu erklären. Das habe ihm die Hände gebunden. Daraus lässt sich noch ein Motiv für den Kreuzzug des Prinzen ableiten: Er will als Stellvertreter einen Ruf retten, wo anderen die Hände gebunden sind.

Doch diese Absicht scheitert an ihm selbst. Seit seinem Auszug aus dem Käfig der königlichen Konventionen hat sich der Herzog schließlich seinerseits darauf verlegt, Indiskretionen aus dem Innenleben der Monarchie in klingende Münze zu verwandeln. Er hat zu diesem Zweck eine Autobiographie verfasst, während seine Gattin Meghan in Kalifornien versucht, den Glanz der Marke „Duchess of Sussex“ mit Marmeladekochen und Haushaltstipps zu polieren. Und wenn er jetzt in seiner Zeugenaussage beklagt, die „Daily Mail“ und andere Blätter hätten einst „mein Privatleben zu kommerziellen Zwecken ausgebeutet“, dann tropft vielleicht kein Drachenblut, aber doch eine Krokodilsträne in den Londoner Verhandlungssaal.

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