Auf dem Termitenhügel unter dem Korallenbaum thront majestätisch eine Frau. Einen eisernen Stab in der Hand wie ein Zepter, verkündigt sie die baldige Wiederkehr Christi: „Der Erlöser ist nah, und er kommt für uns Frauen – gut möglich, dass er selbst eine Frau ist und kein Mann: Sie wird uns Überfluss bringen. Von ihrer Wolke wird sie eine Saat, eine Imbuto, streuen, die reiche Ernte sprießen lässt, ohne dass die Frauen über ihren Hacken buckeln müssen. Die Kühe werden einen nie versiegenden Milchstrom für alle Ruander geben, Eheleute werden sich bis zum Überdruss vereinigen und sich dann voller Leidenschaft erneut umarmen, und die Mütter werden ihre Kinder in ausgelassener Freude gebären.“
Das sind andere Heilserwartungen und Töne, als sie der Pastor anschlägt. Die Frau, die so spricht, gehört wohl zu seiner Gemeinde und untersteht seinem Wort. Doch wenn Sister Deborah predigt, entfalten ihre Worte eigene Wirkung und lassen ihr eine weibliche Gefolgschaft zuströmen, die sich ständig mehrt und bald schon gegen die Machthaber im Land aufbegehrt. Kein Wunder, dass die Männer sie mit Argwohn, ja Feindseligkeit beäugen. Denn nicht einmal durch Heirat lässt diese Prophetin sich bändigen. Sogar der Chief, der offiziell und offen um sie wirbt, erhält klar eine Abfuhr: „Ich gehöre niemandem. Und selbst wenn ich dich eines Nachts zum Liebhaber nähme, wirst du nie mein Gatte sein.“
Wird die Anführerin die Revolte überleben?
Die Szene spielt im kolonialen Afrika in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Ruanda, vormals Teil von Deutsch-Ostafrika, ist jetzt belgische Kolonie und weiterhin friedlos. Die Kolonialverwaltung setzt zwar nach Belieben lokale Häuptlinge zu ihren Diensten ein, die für Befriedung sorgen sollen. Doch immer wieder verliert sie die Kontrolle und greift zu Kriegsgewalt als Ruhemittel. Auch das Problem der selbstbewussten Frauen um Sister Deborah, deren rebellischer Geist sich zur politischen Revolte auszuweiten droht, wird schließlich durch einen blutigen Militäreinsatz beendet.
Scholastique Mukasonga: „Sister Deborah“. Roman.UllsteinWas da genau geschieht und ob die charismatische Anführerin den Angriff überlebt, bleibt offen. Die Berichte gehen auseinander. Jedenfalls tritt wenig später in einem Township von Nairobi eine Heilerin in Erscheinung, die sich Mama Nganga nennt und Deborahs Nachfolge übernimmt. Deren Lebensgeschichte, die von den amerikanischen Südstaaten bis ins spätkoloniale Ostafrika führt, wird anschließend in einiger Ausführlichkeit erzählt.
In ihrem neuen Roman spannt Scholastique Mukasonga auf knappem Raum sehr weite Bögen und erzählt eine große Geschichte in einer Abfolge prägnanter Szenen. Längst hat sich die ruandisch-französische Autorin, Jahrgang 1959, die in den Siebzigerjahren aus Ruanda floh und seit den frühen Neunzigern in Frankreich lebt, mit einem Dutzend Titeln als starke Erzählerin etabliert. Diesmal erkundet sie ein Kapitel aus der konfliktreichen Kolonial- und Religionsgeschichte ihres Herkunftslandes. Nach autobiographisch grundierten Büchern wie „Frau auf bloßen Füßen“ (deutsch 2022) über das erschütternde Schicksal ihrer Mutter greift sie abermals ein historisches Thema auf, das sie schon im Vorgängerroman „Kibogos Himmelfahrt“ (deutsch 2024) gestaltet hat: die Schwierigkeiten christlicher Missionen, die sich in ihrer Arbeit mit beharrlichen lokalen Glaubenspraktiken konfrontiert sehen und, wenn auch widerstrebend, damit arrangieren müssen.
Sie sagt sich von ihren männlichen Vorsprechern los
In „Sister Deborah“ gibt sie dieser Konstellation nicht nur eine feministische Wendung. Zusätzliche Spannung folgt daraus, dass es sich um eine schwarz-amerikanische Pfingstkirche handelt, die hier das Aufsehen wie die Hoffnung der ruandischen Dorfbevölkerung erregt: Diese Missionare sind weder katholisch noch weiß! Ihre Gottesfeier ist ein ekstatisches Spektakel mit Zungenreden und Ganzkörpertaufe, und sie berichten von einem fernen Land, in dem Schwarze ihr Leben wie ihr Glück selbst schmieden können, wenn sie sich nur der Erweckungskirche anschließen. Für diese frohe Kunde ist Sister Deborah das Medium der Übermittlung. Andrerseits sagt sie sich immer offenkundiger von ihren männlichen Vorsprechern los, indem sie eigene und andere Botschaften übermittelt.
Seine Spannung aber gewinnt dieser Roman durch ein subtiles Erzählgeflecht. Zunächst setzt er mit der Stimme einer Ich-Erzählerin namens Ikirezi ein, die Kindheitsszenen aus dem ländlichen Ruanda schildert, darunter ihre prägenden Begegnungen mit Sister Deborah, von der Mutter als Heilerin verehrt, vom Vater als Hexe verschrien. Dabei geht die Ich-Erzählung fast unmerklich in die Stimme einer kollektiven, weiblichen Erinnerung über und verquickt im Fortgang das persönlich Verbürgte zunehmend mit Hörensagen und Legendenhaftem.
Im Mittelteil des Romans erzählt Deborah dann selbst ihr wechselvolles Leben, übermittelt von der Stimme, die sich Mama Nganga nennt. Im letzten Drittel zeigt sich erst, dass Ikirezi sie im Township aufgespürt und lange Interviews mit ihr geführt hat, um ihre Lebensgeschichte zu bergen. Denn unterdessen ist Ikirezi nach Nordamerika übergesiedelt und hat sich unter neuem Namen als Ethnologie-Professorin und Expertin für afrikanische Religionen an einem renommierten College eingerichtet. So enthält dieser Roman zugleich in Andeutungen die Bildungsgeschichte, die seine eigene Entstehung mit sich bringt.
Erzählt wird dies alles in klaren, kraft- und klangvollen Sätzen, von Jan Schönherr wunderbar ins Deutsche gebracht, die immer wieder – wie im Eingangszitat oben spürbar – mit Wörtern aus dem Kinyarwanda durchsetzt sind. Wie die Autorin selbst einmal gesagt hat, sind solche Wörter für sie Kiesel, die ihr wie Hänsel und Gretel den Weg in ein verlorenes Zuhause weisen mögen. Bei der Lektüre folgt man ihr dorthin mit Spannung, Anteilnahme und Gewinn.
Scholastique Mukasonga: „Sister Deborah“. Roman. Aus dem Französischen von Jan Schönherr. Claassen Verlag, Berlin 2025. 176 S., geb., 24,– €.

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