Merz hält Rede in Davos: Was in Erinnerung bleibt, ist die Beschreibung der Gefahr

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„Wir leben in Umbruchzeiten“, schreibt der Intendant des Deutschen Theaters Göttingen zu Beginn seines Spielplanheftes. „Wir erleben eine tektonische Verschiebung der Weltordnung“, sagt der deutsche Bundeskanzler zu Beginn seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum. Er hält sie auf dem „Zauberberg“, wie er mit unscheinbarem Augenzwinkern feststellt, also auf jenem oberhalb von Davos imaginierten Erinnerungsort deutscher Literaturgeschichte, der von Thomas Mann zum Inbegriff der Vorahnung stilisiert wurde. Das hier gelegene Sanatorium ist bevölkert von gemütskranken Intellektuellen, die sich in selbstversunkener Dekadenz an die Stärken des europäischen Bewusstseins erinnern. Aber auch schon mit der reinigenden Kraft eines Krieges kokettieren, sich zumindest den Umbruch als Ausbruch vorstellen können.

„In diesen Wochen und Monaten wohnen wir dem Beginn einer neuen Ära bei“, sagt Friedrich Merz im Januar 2026 und schließt damit an das an, was sein Vorgänger vor vier Jahren im Deutschen Bundestag gesagt hat: „Wir erleben eine Zeitenwende.“ Wie lang kann eine Zeit sich wenden? Wie lang braucht eine neue Ära, um richtig zu beginnen?

Eine gegnerische Größe?

Merz bezieht den Epochenbruch zunächst auf den russischen Imperialismus, nimmt dann aber auch die chinesische Bedrohung und die regellose neue amerikanische Außenpolitik mit in den Blick. Rhetorisch behutsam und in der Bewertung abgestuft, nennt er die drei Weltmächte doch in einem Atemzug. Die USA spricht ein Bundeskanzler erstmals als gegnerische Größe an.

Merz hebt die nationale Bedeutung dieser neuen Einordnung nicht nur durch den wehmütigen Verweis auf den amerikanischen Großmut bei der Wiederauferstehung seines Landes hervor; er unterstreicht sie auch, indem er mitten in seiner Rede kurz ins Deutsche wechselt, um den epochalen Zungenschlag noch einmal in der Sprache Thomas Manns zu erproben: „Wir haben die Schwelle hinein in eine neue Welt der Großmächte überschritten“, sagt Merz auf dem Zauberberg und fügt pragmatisch-poetisch an: „In dieser Welt weht ein rauer Wind. Diese Welt wird uns Härten und Gefahren zumuten, das spüren wir alle.“

Kurz liegt Hölderlin in der Luft

Es ist, als würde Merz mit seiner Rede die Wende zum Dauerzustand erklären wollen. Fasste Olaf Scholz im Februar 2022 den Augenblick noch in momentanistischer Verve, entwirft Merz nun eine neue Teleologie. Die alte Welt ist unwiderruflich untergegangen, die neue orientiert sich an Kriterien der Macht und Gewalt. Diese neue Welt sei „kein angenehmer Platz“, gibt Merz zu, um dann im klassischen Gewand der Antithese doch zu den Chancen dieser neuen Welt zu kommen. Sie würde nämlich zur Gestaltung – Merz erlaubt sich sogar die Verwendung des hohen Worts „Schöpfung“ – herausfordern.

Kurz liegt Hölderlin in der Luft, aber Merz bleibt bei Bloch, er spricht vom „Prinzip Hoffnung“, dem man nicht wohlfeil folgen, das man aber im Wert des „Vertrauens“ wiederentdecken könne. Und wie um den nostalgischen Blick noch einmal stolz zu heben, schließt er seine Ansprache an die „deutschen Hörer“ mit einem Zitat des 42. amerikanischen Präsidenten: „Autokraten mögen Untertanen haben, Demokratien haben Freunde.“ Das hatte Bill Clinton im Juni 2000 im Deutschen Bundestag gesagt, um den Wert der gemeinsamen Werte zu unterstreichen. Illo tempore.

Der Bundeskanzler hält eine Rede, die in ihrem ruhigen, vertrauenswürdigen Duktus spiegelbildlich zu Trumps Cowboy-Rede vom Vortag wirkt. Und doch: Was von ihr vor allem in Erinnerung bleibt, ist die Beschreibung der Gefahr, nicht die Aussicht auf Rettung. Es war eine Rede in alter Sprache. Mit alten Begriffen und alten Stärken. Es war die Rede eines Europäers auf dem Zauberberg.

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