Bernd Wilms: Ein intellektueller Sherlock Holmes

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Als die erste Euphorie des Mauerfalls vorüber war und Probleme auftauchten, die sich neben aller Freude ergaben, wurde Bernd Wilms 2001 Intendant des Deutschen Theaters. Er kannte das Berliner Reizklima bestens, hatte er doch seit 1994 das Maxim Gorki Theater geleitet – mit seinem Chefdramaturgen Oliver Reese damals die einzigen Westbürger dieser ostdeutschen Institution. Hier zeigte sich schon, wie klug er auf die Stadt und ihre Erwartungen zu reagieren wusste: Die Inszenierung vom „ Hauptmann von Köpenick“ (1996) mit Harald Juhnke sowie von „Berlin Alexanderplatz“ (1999) mit Ben Becker wurden Triumphe.

Für das Theater hatte der 1940 in Solingen geborene Wilms ein ortsunabhängiges Gespür. Nach der Promotion an der Freien Universität Berlin („Der Schwank. Dramaturgie und Theatereffekt“) zog es ihn in die Praxis. Von 1968 bis 1972 war er Dramaturg an den Wuppertaler Bühnen, dann bei Ivan Nagel am Schauspielhaus Hamburg und an den Münchner Kammerspielen, wo er sich vor allem um George Tabori und Franz Xaver Kroetz kümmerte. Ehe er 1991 Intendant des Ulmer Theaters wurde, leitete er die Otto-Falckenberg-Schule in München. Oliver Reese, der an seiner Seite zum Intendanten – derzeit des Berliner Ensembles – reifen konnte, beschrieb ihn einmal so: „Eine Erscheinung wie aus dem Bilderbuch: Wilms trug Hut zum Trenchcoat, die Pfeife im Mundwinkel und die Aktentasche immer bei sich, ein intellektueller Sherlock Holmes.“

Keine Laubenpieper-Lösung

Bernd Wilms kannte den Theaterbetrieb durch und durch und hatte genug Rückgrat, den kalten Wind aushalten zu können, der ihm in Berlin oft entgegenschlug. Anlässlich seiner Berufung ans Deutsche Theater war despektierlich von der „Laubenpieper-Lösung“ die Rede, weil man ihn für zu wenig glamourös hielt. Heute weiß man, dass er es souverän ins 21. Jahrhundert geführt hat. Der Ost-Mief, der bei allen Verdiensten noch im edlen Gebälk hing, wurde durch ihn endgültig weggezaubert. Als integrativer Visionär kümmerte sich Wilms nicht um ideologische Kinkerlitzchen, sondern einte die disparaten Strömungen in der Belegschaft, hatte den weiten, freien Blick für ein hauptstädtisches Theater, das in die ganze Republik hinausstrahlen sollte. Er stellte das Ensemble neu zusammen und engagierte etwa Nina Hoss, Constanze Becker, Corinna Harfouch, Almut Zilcher, Samuel Finzi, Ingo Hülsmann, Sven Lehmann, Ulrich Matthes, Ernst Stötzner, Wolfram Koch.

Das Haus bebte von künstlerischer Energie, Neugier und Leidenschaft. Regisseure wie Konstanze Lauterbach, Barbara Frey, Dimiter Gotscheff, Hans Neuenfels oder Jürgen Gosch sorgten für frischen Wind und neue Ästhetiken. Der erste Coup gelang Wilms mit der spektakulären „Emilia Galotti“ in der Regie von Michael Thalheimer, der zu einem der wichtigsten Regisseure des DT wurde. Als er alle Gegner überzeugt hatte, hörte Bernd Wilms 2008 auf – in dem Jahr, in dem sein Haus mit Preisen überschüttet und zum „Theater des Jahres“ gewählt wurde.

Schöner konnte es für ihn wohl nicht mehr werden. Danach war er, Hobby-Jazzer und Saxofonist mit tausenden Jazz-Platten, als Kurator des Hauptstadtkulturfonds nur selten in der Öffentlichkeit zu sehen. Aber noch lange stand nach seinem Abschied vor dem DT eine Leuchtinstallation von Olaf Altmann mit den Worten „Verweile doch“ aus Goethes „Faust“, dessen beide Teile Thalheimer 2004 und 2005 inszeniert hatte. Es waren große Zeiten. Am Mittwoch ist Bernd Wilms im Alter von 85 Jahren verstorben.

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