FDP auf der Suche nach der richtigen Führung: Vor Selbstverzwergung wird gewarnt

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Es ist eine jener scheinbar klaren, tatsächlich aber trügerischen Setzungen: Wenn alles unübersichtlich wird, ruft einer „Klarheit!“ – und meint Verengung.

Christian Dürr, der scheidende Vorsitzende, tut genau das, wenn er die FDP auf einen klar marktwirtschaftlichen Kurs „ohne Wenn und Aber“ festlegen will. Das klingt entschlossen. Nur liegt darin das Risiko der Selbstverzwergung einer Partei, deren Kern stets ihre Breite war.

Der Liberalismus war nie nur ein ökonomisches Projekt. Freiheit ist mehr als die Abwesenheit staatlicher Eingriffe. Sie umfasst Bürgerrechte, Rechtsstaatlichkeit, Bildungschancen, individuelle Lebensentwürfe und die Fähigkeit des Staates, Freiheit zu ermöglichen. Wer all das dem Primat der Marktwirtschaft unterordnet, macht aus Liberalismus eine Ein-Punkt-Ideologie.

Nun also Christian Dürr gegen Hennig Höne, den Chef in NRW, dem stärksten Landesverband. Höne, 39, steht in der Wahrnehmung vieler für eine breitere Aufstellung. Eine, die Widersprüche aushält und Vielfalt als Wesensmerkmal begreift. Das mag weniger „klar“ wirken, ist aber womöglich näher an der Realität einer Gesellschaft, die sich nicht in ökonomischen Kategorien allein erklären lässt.

Die FDP muss entscheiden, ob sie Liberalismus als Reduktion oder als Erweiterung versteht.

Stephan-Andreas Casdorff

Strategisch kann Verengung gerade verlockend wirken. Wo Unzufriedenheit wächst, ist die Sehnsucht nach einfachen, vermeintlich klaren Antworten groß. Verluste an die Union und die Abwanderung von Wählern an die AfD (mit ihrem marktradikalen Programm) dürfen die FDP aber nicht an sich selbst irre werden lassen. Sie war immer dann stark, wenn sie Brücken baute: zwischen Wirtschaft und Bürgerrechten, zwischen Fortschritt und Verantwortung.

Dürrs Diagnose einer nötigen marktwirtschaftlichen Erneuerung ist ja nicht falsch, bloß unvollständig. Das Gefühl, dass sich Leistung nicht lohnt, speist sich auch aus Unsicherheit und einem Staat, der zugleich überfordert und übergriffig wirkt. Darauf allein mit „mehr Markt“ zu antworten, greift zu kurz.

Die FDP muss entscheiden, ob sie Liberalismus als Reduktion oder als Erweiterung versteht. Als Reduktion wäre sie berechenbar, vielleicht kurzfristig erfolgreicher. Als Erweiterung bliebe sie komplizierter – aber auch anschlussfähig für eine größere Zahl von Menschen, die sich nicht in ein einziges ideologisches Raster pressen lassen wollen.

Eine Partei, die Freiheit hochhält, sollte sie im eigenen Denken nicht beschneiden.

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