Im Jahr 2011 wurde die technische Erneuerung des Moskauer Bolschoitheaters abgeschlossen. Allein die Bühnengrube unter der Hauptbühne, in der die Technik für die Hubpodien Platz findet und Bühnenbilder gelagert werden können, wurde 22 Meter tief ausgehoben. Das Theater ist das größte Europas, die Hauptbühne misst 21 mal 22 Meter und neigt sich mit 4 Prozent in Richtung des Saals. Die Schräge erzeugt noch einmal mehr Tiefe und Perspektive, wodurch die Bühne noch größer wirkt. Von dieser grandiosen Bühne wurde jetzt Kirill Serebrennikows und Yuri Possokhows Ballett „Nurejew“ über den neben Vaclav Nijinsky und Mikhail Baryshnikow berühmtesten Tänzer Russlands in die Deutsche Oper Berlin übertragen.
Das 2017 uraufgeführte und 2023 verbotene Ballett zu Orchestermusik von Ilya Demutsky erlebte damit jetzt beim Staatsballett Berlin seine Premiere im Westen. Die Bühne der Deutschen Oper Berlin ist mit 18 mal 20 Metern kleiner, aber nicht so viel, dass zu befürchten war, ein wie im Original aus insgesamt 141 Tänzern, Sängern, Bühnenarbeitern und Statisten bestehendes Ensemble müsste sich in der Berliner Fassung drängeln. Trotzdem wirkt die Charlottenburger Szenerie, wie sie sich von einem Auktionssaal in einen Ballettsaal verwandelt und zurück oder Platz macht für den Tanzkäfig von Glen Tetleys sensationellem „Pierrot Lunaire“, im Vergleich zur Moskauer Aufführung im Jahr 2017 irgendwie geduckt und zusammengeschoben.
Das Schicksal von Nurejews Nachlass
Regisseur Serebrennikow hat auch das Bühnenbild entworfen. Rechts begrenzt eine historische, mit weißen Vorhängen dekorierte Fensterfront mit darunter angebrachten Ballettstangen die Bühne, links ist es eine Spiegelwand, vor die man einen Vorhang ziehen kann und vor der von Anfang an die Absperrgitter stehen, auf deren anderer Seite der Überläufer Nurejew bei seiner Flucht in den Westen am 17. Juni 1961 glücklich gelangt. Projektionen auf die Rückwand und gemalte Landschaften als Aushänge wie in traditionellen Handlungsballetten verwandeln die Szene ebenso wie schnell herein- und herausgetragene Möbel und Requisiten – am wichtigsten das Pult des Auktionators.
Die Versteigerungen der kostbaren Möbel, Teppiche, antiken Kleidungsstücke und Kunstwerke aus Nurejews Nachlass haben tatsächlich stattgefunden. Damals wurden in New York und London die Objekte genau so ausgestellt, wie auch Nurejew sie in seinen Wohnungen arrangiert hatte. Kirill Serebrennikows interessantes Libretto basiert auf der Idee, den Auktionator zum Erzähler zu machen und anhand verschiedener Los-Aufrufe an Momente in Nurejews Leben zu erinnern.
David Soares als Nurejew, im Hintergrund Odin Lund Biron als ErzählerDas ist eine gut funktionierende dramaturgische Klammer. An dem Libretto, das mit dem Ballettschüler und jungen Tänzer im Saal beginnt und mit dem sterbenskranken Künstler aufhört, der seine Inszenierung von La Bayadère zwar vollendet, aber zu schwach ist, um bei der Premiere wie geplant das Orchester zu dirigieren, ist nichts auszusetzen. Trotzdem wirkt in Berlin dasselbe Ballett, das 2017 ein Hoffnungszeichen zu sein schien, indem es einen systemabtrünnigen homosexuellen Rebellen und Erneuerer einer alten Kunst feierte, plötzlich seltsam schwach und verfehlt, trotz großartiger Bilder und bewegender Momente. Es wirkt tanzhistorisch.
Anders als dem Spielfilm „The White Crow“ von 2018, den Ralph Fiennes mit dem großartigen Oleg Iwenko als Nurejew drehte, gelingt es dem zweieinhalb-stündigen Berliner Ballettabend nicht, das Aufregende, das ästhetisch Revolutionäre an Nurejew authentisch in die Gegenwart zu holen. Es bleibt eine wahnsinnig aufwendige und geschmackvoll dekorierte Behauptung, ein schwacher Nachklang. Dass Nurejew auf dem Pariser Flughafen um Asyl bat, in dem Moment, in dem man ihn nach Russland zurückfliegen wollte, anstatt ihn nach London mitzunehmen, wohin die Tournee des Kirow-Balletts als Nächstes führte, begründete sich in seiner Weigerung, von der Welt und in ihr von der internationalen Ballettwelt ausgeschlossen zu bleiben, einer Welt, in der Choreographen wie Frederick Ashton, George Balanchine und Jerome Robbins arbeiteten, in der Partnerinnen wie Margot Fonteyn, Carla Fracci und Merle Park warteten.
Einer Welt, in der man die Sofas der verstorbenen Maria Callas ersteigern konnte, die Reling einer Yacht im Sommer die Ballettstange ersetzen würde, und einer Welt, in der man von Erik Bruhn lernen und ihn lieben konnte. Indem er diese Welt betrat, veränderte er sie nicht nur. Die Welt ergab sich ihm und stillte Nurejews Hunger nach exquisiten Umgebungen, außergewöhnlichen Menschen, Ruhm und riskantem Sex. Es ist aber nicht die Welt des Staatsballetts Berlin.
Man kann kein Ballett mit einem Helden machen, dessen charismatische Wirkung auf die ganze Welt der Inhalt des Stücks ist, und dann die Hauptrolle nicht passend besetzen. David Soares ist technisch sicher, aber Nurejew? Dazu wirkt er zu feingliedrig, zu wenig abgründig, zu jung, zu unschuldig, irgendwie innerlich zu unberührt, als ahnte er nichts von den monströsen und brutalen Aspekten von Nurejews Persönlichkeit – selbst im 2. Akt, wenn es um einen Nurejew geht, der andere beiseiteschiebt und eigene und fremde Grenzen verletzt.
Ein König in seinem Reich: David Soares als NurejewCarlos QuezadaAuch anderes an der Inszenierung wirkt falsch. Wenn das Ensemble im Ballettsaal eine Unterrichtssequenz tanzt, warum lächelt es dabei süßlich ins Publikum? Tänzer sind eigentlich auf sich konzentriert und ernst im Training. Außer wenn sie sich ausschütten vor Lachen, so wie Margot Fonteyn und Nurejew oft zusammen strahlten wie Verschwörer. Der Pas de deux mit Jana Salenko zeigt es nicht, das Glück synchroner Musikalität, synchronen Übermuts. Wo an diesem ganzen Abend ist der Charme Nurejews, sein Sinn für Humor, wo sein herrliches, freches Grinsen? Mit seinem nackten Geschlecht ist es nicht getan.
In Moskau brauchte Vladislaw Lantratow als Nurejew mit Denis Savin als Erik Bruhn wenig, um die wechselseitige Faszination der beiden heraufzubeschwören. Die Kraft dieser Tänzer, ihre Härte gegen sich selbst, ihr Versagen als Liebende, all das verkörperten die beiden. In Berlin überzeugt am meisten der Schauspieler Odin Lund Biron als Auktionator und Erzähler. Doch dass „Nurejew“ in Berlin nicht an Moskau heranreicht, hat auch mit der Welt außerhalb der Ballettbühne zu tun. Von den russischen Ballettspielplänen sind viele Ballette verschwunden, nicht nur „Nurejew“, seit Putins Krieg in der Ukraine wütet. Vladimir Urin, der Bolschoi-Intendant, der die Idee zu „Nurejew“ an Serebrennikow herantrug, unterschrieb 2022 gegen den Ukrainekrieg und musste 2023 Valery Gergiew weichen. Der in San Francisco lebende Choreograph Yuri Possokhow aber weigerte sich jetzt in der Probenzeit, Auskunft zu geben über seine anhaltende Arbeit in Russland auch nach dem Überfall auf die Ukraine 2022. Christian Spuck erklärte dazu schriftlich, es sei jedem überlassen, zu arbeiten, wo er wolle.
Der Regisseur Kirill Serebrennikow, der nicht mehr in Russland arbeitet und in Berlin lebt, sagte schließlich in einem Interview: „Soweit ich weiß, hat er damit aufgehört. Ich hoffe es jedenfalls. Aber es gibt Künstler, die fast wie Kinder in ihrer Fokussierung sind: Sie kreieren einfach. Nichts anderes interessiert sie.“ Ach, so einfach ist das heute. Nurejew spielte mit seinem Leben, als er in Paris auf die Flughafenbeamten zuging. Er liebte das Land, aber er hasste das System. Sein Leben lang vermisste er Russland, aber wäre er diesem verhassten System nicht entkommen, wäre er nicht zu dem geworden, als den ihn die Welt bis heute vergöttert. Das nicht sehen zu wollen, ihn darin zu verfehlen, das ist schwer zu verzeihen.

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