Das Leben in der Kleinstadt kann durchaus ein idyllisches sein, wenn man seinen Platz findet, nicht dem Netz der Beziehungen entgleitet, das eine Gemeinschaft in der Provinz zusammenhält. Was aber passiert mit jenen, denen es nicht gelingt, sich einzuhegen, sich anzupassen, die nicht die lieben können, nach denen ihr Herz so irre sucht?
Ein neuer, vielleicht letzter Anlauf: Der Endzwanziger Chance Wayne ist zurückgekehrt in sein Heimatstädtchen St. Cloud an der Golfküste Floridas, um seine Jugendliebe zurückzuerobern – und er hat Verstärkung mitgebracht. Die rekelt und stöhnt nun versoffen vor sich hin. In einem White Cube auf der Bühne des Schauspiels Frankfurt wälzt sich Katharina Linder in den Laken in der Rolle des schon fast in Vergessenheit geratenen Hollywoodstars Alexandra Del Lago.
Erst weiß die Diva nicht, warum sie dort gelandet ist, im Art-déco-Bett irgendwo in den Südstaaten, doch schon wenige Panikattacken und Zigaretten später dämmert ihr, dass sie Teil eines größeren Plans ist: Ihr chancenloser Toyboy Chance will ihr Geld und ihren Ruhm anzapfen, um bei seiner Herzensdame Heavenly gutzumachen, was nicht mehr gutzumachen ist, hatte doch der Wüstling sie bei seinem letzten Besuch mit Syphilis angesteckt.
Klinisches Setting
Der Doktor musste die „Hurenkrankheit“ mit dem Messer aus ihr herausschneiden, wie bei einer „Hündin, die nicht mehr werfen soll“; Heavenly wurde unfruchtbar, und ihr Vater, der Provinzdespot und Rassist Boss Finley, schwor ewige Rache: Chance soll kastriert werden. „Alle menschlichen Schwächen und Brutalitäten, die ich zeige, habe ich selbst erfahren“, hat Tennessee Williams einmal gesagt, und man hofft, dass er damit nicht alle Details aus seinem 1959 uraufgeführten Südstaatendrama „Süßer Vogel Jugend“ meinte.
Der Regisseur Max Lindemann wählt ein klinisches Setting: In dem von Signe Raunkjær Holm entworfenen Bühnenraum werden die Spieler bis in die letzte Falte ihres verkommenen Lebens ausgeleuchtet – wie Versuchskaninchen hoppeln sie ihren verlorenen Sehnsüchten hinterher, wenn sie sich durch Sex und Drogen Atempausen verschaffen in ihrem Ringen um die längst untergegangenen Träume von ewiger Jugend. Ein Glück, dass sich die Schauspieler auf das Wesentliche des Stückes konzentrieren können: die Monstrosität des (alternden) Daseins.
Lindemanns Inszenierung lebt von der präzisen Reduktion
Katharina Linder setzt sich vor Arash Nayebbandi alias Chance Wayne in den Regiestuhl wie ein weiblicher Weinstein. Breitbeinig raunzt sie ihm im Morgenmantel zu: „Es gibt nur eine Möglichkeit für mich, die Dinge, an die ich mich nicht erinnern will, zu vergessen, und das ist der Liebesakt.“ Im schweißnassen Unterhemd fügt er sich dann der Prinzessin und täuscht seine Zuneigung vor.
Um dieses hinreißende Duo gruppiert sich in der Inszenierung alles – die übrigen Darsteller sind eher Randfiguren. Der Oberboss Finley, seine Lakaien und sein Sohn Tom Junior tragen für Provinzler erstaunlich schicke Maßanzüge und scheinen in den Kostümen von Eleonore Carrière aus den Hochhäusern im Frankfurter Bankenviertel hinüberspaziert zu sein.
Lotte Schubert spielt Heavenly (die Farbe der Sünde/Liebe tragend) als spröde in sich selbst versunkene Tochter, die in einem Moment ihrem Übervater die Stirn bietet, um sich im nächsten wieder seiner Macht zu beugen, wie ein Lämmchen klein. Lindemanns Inszenierung lebt von der präzisen Reduktion – die Spieler tragen Williams kraftvollen Text von allein, ohne dass es großer Effekte bedürfe. Über allem walten die narzisstischen Phantasien, welche die Figuren in die Einsamkeit treiben. „Me and the Devil“, singt da die Stimme der österreichischen Musikerin Soap&Skin.
Alexandra Del Lago bleibt ihrem Chance ferner als der Sauerstoffflasche, die sie wie einen müden Dackel hinter sich herzieht. Innerlich abgekühlt bis in die letzte Zelle ihres Daseins sagt sie zu dem jungen Antihelden: „Monster sind wir alle beide. Aber aus den Qualen meiner Existenz habe ich etwas geschaffen: eine fast heroische Skulptur aus Fleisch und Blut, die ich enthüllen kann. Du aber?“

vor 2 Stunden
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