Herr Green, der ESC in diesem Jahr steht unter keinem guten Stern. Gleich fünf Länder boykottieren die Veranstaltung wegen der Teilnahme Israels, und das im Jubiläumsjahr, 70 Jahre nach seiner Gründung. Entsprechen die damaligen Werte der Gründungsväter noch den heutigen?
Ja. Und ich möchte zunächst betonen, dass fünf unserer Familienmitglieder dieses Jahr nicht dabei sein konnten. Das bedauern wir sehr, und wir vermissen sie, aber wir respektieren ihre Entscheidung. 35 unserer Familienmitglieder sind hier. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Zahl fünf und die Zahl 35 zwei sehr unterschiedliche Zahlen sind. Das zeigt, wo der Konsens liegt. Unsere Werte bleiben dieselben. Wir waren schon immer ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und Vielfalt feiern und versuchen, die Welt so zu zeigen, wie sie sein könnte. Ja, wir haben vor 70 Jahren hauptsächlich angefangen, um Technologien zu testen, aber selbst so lange nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch den Wunsch, Europa zusammenzubringen. Dafür haben wir uns immer eingesetzt. Als Osteuropa Teil der Show wurde, war das etwas, was niemand für möglich gehalten hätte. Natürlich kann man bei einem so großen Projekt nie immun gegen die Geschehnisse in der Welt sein, insbesondere in diesen schwierigen und umstrittenen Zeiten. Aber ich denke, wir zeigen, dass wir in unserem Handeln beständig sind.
35 ist dennoch die niedrigste Teilnehmerzahl seit 2004. Halten Sie den ESC-Slogan „Vereint durch Musik“ noch für passend?
Absolut. Es sind 35 Teilnehmer, über die Zahl kann man streiten, aber sie ist nicht unerheblich. Wir sind nach wie vor die größte Musiksendung der Welt. Wir haben immer noch Hunderte Millionen Fans. Wir haben auch schon früher Zeiten mit geopolitischen Problemen erlebt. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir noch 70 Jahre vor uns haben und immer stärker werden.
Viele sehen im ESC vor allem eine queere Veranstaltung mit einem vor allem queeren Publikum. Wie sehen Sie das?
Ich finde es großartig, dass wir so sein können, wie es sich die Leute wünschen. Manche unserer Teilnehmer sind wie eine große Familie, andere wiederum sehr queer, und es gibt alles dazwischen. 35 Prozent unseres Publikums sind unter 25 Jahre alt. Was ich an dieser Veranstaltung besonders schätze, ist, dass wir immer wieder junge Leute ansprechen und gleichzeitig diejenigen respektieren, die schon seit Jahren dabei sind. Wenn man sich unter die Leute mischt, sieht man Jung und Alt, Schwarze, Weiße, Goths, Punks, Queers. Es ist etwas ganz Besonderes, dass die Botschaft hier lautet: Jeder ist willkommen.
Sie sagten, Sie vermissen die fünf Länder, die dieses Jahr fehlen. Sind Sie schon im Gespräch? Glauben Sie, dass Irland, Island, die Niederlande, Spanien und Slowenien nächstes Jahr zurückkommen werden?
Sie sind weiterhin Mitglieder der EBU und werden von uns sehr geschätzt. Wir stehen daher in ständigem Dialog mit ihnen. Ich habe ganz klar gesagt, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun werden, um einen Weg zurückzufinden. Letztlich liegt die Entscheidung natürlich bei ihnen, und das respektieren wir. Ich hoffe aber, dass wir im Dialog bleiben.
Ist es besonders enttäuschend, dass eines der sogenannten großen Länder, nämlich Spanien, in diesem Jahr nicht dabei ist?
Ich würde niemanden bevorzugen. Wenn fünf Familienmitglieder bei einer Feier fehlen, geht es nicht darum, wer sie sind, sondern darum, dass sie nicht da sind. Natürlich freuen wir uns sehr, dass mit Bulgarien, Moldau und Rumänien drei unserer Familienmitglieder wieder dabei sind. Wir sind keine starre Institution. In den 70 Jahren unseres Bestehens gab es immer wieder Schwankungen. Bei dieser Veranstaltung entscheidet man jedes Jahr selbst, ob man teilnehmen möchte. Man ist nicht an einen Vertrag gebunden, der einen daran hindert, auszusteigen oder sich finanziell einen Ausstieg leisten zu können. Jedes Jahr gibt es eine Frist: Möchte man dieses Jahr dabei sein? Diese Dynamik wird sich immer bis zu einem gewissen Grad fortsetzen.
Wie sieht es mit Ungarn aus? Sind Sie schon in Gesprächen?
Wir würden uns sehr über eine Rückkehr freuen. Wir halten das nach dem Regierungswechsel für durchaus möglich. Ich glaube, der neue Verantwortliche hat das sogar angedeutet. Aber es ist ganz allein ihre Entscheidung. Wir sind jederzeit bereit, mit ihnen zu sprechen. Wenn sie ein paar Jahre pausieren möchten, ist das in Ordnung. Wenn sie jetzt zurückkommen möchten, ist das auch in Ordnung. Aber wir handhaben das mit allen unseren Mitgliedern gleich. Wenn sie Vollmitglied der EBU sind, können Sie dem ESC beitreten, und wir möchten, dass jeder dabei ist.
Es herrscht immer wieder Verwirrung darüber, warum Israel und die Ukraine teilnehmen, Russland und Belarus aber nicht.
Am ESC nehmen Rundfunkanstalten teil, keine Regierungen. Suspilne aus der Ukraine und der Sender Kan aus Israel sind Vollmitglieder der EBU. Die russischen und belarussischen Sender hingegen sind derzeit von der EBU suspendiert, können also nicht teilnehmen.
Der langjährige ESC-Produzent Christer Björkman sagte, die EBU-Gebühren könnten für die verbliebenen ESC-Mitglieder im nächsten Jahr steigen.
Nein, ich weiß nicht, woher er das hat.
Ein Kleid aus roten Flammen: Sarah Engels, die Deutschland mit „Fire“ beim ESC vertritt, bei der Eröffnungszeremonie „Merci Chérie: Grand Opening am Rathausplatz“ am Sonntag.dpaAuch in diesem Jahr haben sich einige Regeln geändert, unter anderem wie abgestimmt wird. Ein Grund war, dass die israelische Regierung im vergangenen Jahr für die eigene Sängerin mit einer eigenen Agentur in ganz Europa warb. Hatte das tatsächlich Auswirkungen auf das Abstimmungsergebnis der Zuschauer?
Nein, ich möchte das ganz klarstellen. Hatte es nicht. Sie haben völlig recht, dass wir vergangenes Jahr den Eindruck hatten, die Promotion einiger Mitglieder sei etwas übertrieben gewesen. Sowohl unsere Fans als auch unsere Mitglieder baten uns, das zu überprüfen und gegebenenfalls Richtlinien oder Hinweise zu geben. Promotion ist ein grundlegender Bestandteil der Musikindustrie, und ich bin sehr stolz darauf, dass viele Nachwuchskünstler, die am ESC teilnehmen, enorm viel darüber lernen, wie man Musik promotet, verbreitet und sich selbst präsentiert. Man darf nicht vergessen, dass es immer schwieriger wird, in der Musikindustrie Fuß zu fassen, und wir bieten mit unserer Teilnahme eine gute Einstiegschance. Dennoch wollen wir ein gesundes Maß wahren. Wir hatten vergangenes Jahr den Eindruck, dass es etwas unverhältnismäßig war, also haben wir das mit unseren Mitgliedern besprochen und neue Regeln und Richtlinien eingeführt. Besonders wichtig ist, dass wir die Jurys wieder in den Halbfinals haben, weil ich glaube, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen der professionellen und der öffentlichen Meinung besteht. Beide Stimmen sind gleichermaßen gültig und notwendig.
Diesen Sonntag mussten Sie dem israelischen öffentlich-rechtlichen Sender Kan ein Warnschreiben wegen einer Online-Kampagne zukommen lassen, die Fans dazu aufrief, für den eigenen Sänger Noam Bettan zu stimmen. Wie ernst nehmen Sie diesen Verstoß gegen die Regeln?
Es gab eine ausdrückliche Anweisung von Kan, zehnmal für denselben Akt abzustimmen. Und das wollen wir nicht. Nachdem wir das gesehen hatten, handelten wir. Und Kan unternahm sofort etwas dagegen. Meiner Meinung nach ist die Sache nun erledigt, und wir konzentrieren uns jetzt auf den Wettbewerb. Ich hoffe aber, dass dies zeigt, dass wir handeln werden, wenn Dinge passieren, die unserer Meinung nach nicht dem Geist des Wettbewerbs entsprechen.
Sie sind nicht nur ESC-Direktor, sondern auch als Nachfolger von Martin Österdahl in diesem Jahr Generalsekretär der Veranstaltung. Er wurde vor zwei Jahren während der Live-Sendung des Finals ausgebuht. Befürchten Sie, das könnte Ihnen auch in diesem Jahr passieren?
Nein. Wir haben keine leitende Führungskraft mehr. Martin hat entschieden, dass es Zeit für ihn ist, ein neues Abenteuer zu erleben, und ich habe die Gelegenheit genutzt, das Team neu zu organisieren. Unser Team arbeitet größtenteils im Hintergrund und sorgt dafür, dass alles reibungslos läuft. Natürlich wollen wir präsent sein, Verantwortung übernehmen und transparent sein. Aber es gibt keine Person mehr, die in der Show präsent ist, niemanden mehr, der auf dem roten Teppich steht und alle begrüßt. Ich weiß, es klingt etwas platt, aber es gibt 35 Künstler, und sie sind die Stars der Show, jemand anderes ist nicht nötig.
Österdahl hatte einen Satz vor der Punktevergabe, für den er bekannt war, wenn er eingeblendet wurde: „You’re good to go“. Das entfällt?
Nein. Wir finden den Satz kultig und sehen in ihm auch ein bisschen eine Hommage an Martin. „You’re good to go“ wird Teil der Show bleiben.

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