Kann das sein? Der demografische Wandel ist nicht das Problem, sondern der Umgang mit der alternden Gesellschaft? Und eine Rentenreform wäre sogar gefährlich, sofern künftig die Altersvorsorge auch vom Geschehen an den Kapitalmärkten abhängt, wie sich das der Bundeskanzler wünscht?
In seinem Buch „Die erfundene Bedrohung“ spannt der Journalist Andreas Hoffmann einen Bogen von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Seit Generationen warnten Bevölkerungsforscher vor einem „Land der Faltigen und Weißhaarigen“ und prophezeiten den Zusammenbruch der Rentenkasse. „Die Katastrophe aber will und will nicht eintreten“, schreibt Hoffmann.
Also alles Blödsinn, was Ökonomen, Sozialwissenschaftler und Politiker Tag für Tag unters Volk bringen? Ja, ist Hoffmann überzeugt, und bringt Donald Trump ins Spiel. Dessen ständiger Behauptung, ihm sei 2020 der Wahlsieg gestohlen worden, hätten schließlich auch viele seiner Wähler geglaubt. Anders gesagt: Wiederholungen schaffen „Wahrheiten“.
Hoffmann, der für den Tagesspiegel, die „Süddeutsche Zeitung“ und den „Stern“ gearbeitet hat, attackiert forsch die Protagonisten der Demografie- und Rentendebatte. Hauptvorwurf: Die Gegenwart werde einfach in die Zukunft fortgeschrieben.
Er zitiert den Ökonomie-Nobelpreisträger Daniel Kahneman („Man sollte nicht viel von Experten halten, die langfristige Prognosen erstellen.“) und geht mit diesen Experten ins Gericht. Als ersten knöpft Hoffmann sich den Briten Thomas R. Malthus vor, der Ende des 18. Jahrhunderts vor Überbevölkerung warnte und dessen Thesen später Darwinisten, Eugenikern und Rassisten aufgriffen.
„Die Ober- und Mittelschicht fürchtete die Armen, weil sie sich kräftig vermehrten“, blickt Hoffmann zurück. Malthus, selbst ein reicher Mann, habe Armut zur Privatsache erklärt, „sodass nicht mehr der Staat schuld war, sondern der und die Einzelne“. Diese Sichtweise schwinge „auch heute in der Debatte um den Sozialstaat unterschwellig mit“.
Zu Malthus’ Zeit lebten etwa eine Milliarde Menschen, heute sind es gut acht Milliarden. Damals litten 85 Prozent unter Armut, heute sind es acht bis neun Prozent. Mithilfe solcher Zahlen widerlegt Hoffmann die Demografiealarmisten des 18. und 19. Jahrhunderts.
Der Autor möchte sein Buch (Goldegg Verlag, 220 Seiten, Hardcover, 23,50 Euro) verstanden wissen als Stellungnahme gegen die „Angstindustrie“, die sich aus einem einfachen Grund prächtig entwickelt habe: Wer Angst verbreitet, der wird gehört. „Bad News are Good News“, das weiß jeder Journalist.

© Goldegg Verlag/Gordon Welters
Angst ist gut fürs Geschäft. Hoffmann erinnert an den Bestseller „Methusalem-Komplott“, in dem der „FAZ“-Journalist Frank Schirrmacher 2003 einen dramatischen Bevölkerungsrückgang prophezeite; das Buch kauften 700.000 Menschen.
Mehr als 1,5 Millionen Mal ging Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ einige Jahre später und mit populistisch-rassistischen Tönen vermarktet über den Ladentisch. 2025, sagte Sarrazin voraus, würden hierzulande nur noch 77,9 Millionen Menschen leben und 29,8 Millionen erwerbstätig sein.
Tatsächlich wuchs die Bevölkerung seit 2010 um gut drei Millionen auf 83,6 Millionen Ende 2024; die Zahl der Erwerbstätigen stieg auf 46 Millionen.
Zwei Beitragszahler finanzieren eine Rentnerin, und das, obwohl wir seit der Jahrtausendwende drei Millionen Rentner mehr haben.
Andreas Hoffmann, Journalist und Buchautor
Manche demografischen Daten sind eindeutig: Wir werden heute rund drei Jahrzehnte älter als die Menschen des späten 19. Jahrhunderts. Gleichzeitig gibt es weniger Kinder: Eine Frau gebar Anfang des 19. Jahrhunderts im Schnitt 4,2 Kinder, heute sind es 1,35. Kurzum: Immer weniger Junge müssen immer mehr Alte finanzieren.
Das ist für Hoffmann kein Problem, da mehr Erwerbstätige in die Rentenkasse zahlen. Ihre Zahl stieg von 27,8 Millionen (2000) auf 34,8 Millionen (2024). Das Verhältnis zwischen Beitragszahlenden und Rentnern liege deswegen seit dem Jahr 2000 stabil bei zwei zu eins. „Zwei Beitragszahler finanzieren eine Rentnerin, und das, obwohl wir seit der Jahrtausendwende drei Millionen Rentner mehr haben“, schreibt Hoffmann.
Die Beiträge zur Krankenkasse und für die Pflegeversicherung steigen, weil die Politik zusätzliche Leistungen eingeführt hat und weil Pflegekräfte viel besser bezahlt werden als vor zehn Jahren. Die Rentenbeiträge jedoch sind in den vergangenen 25 Jahren gesunken, von 20,3 Prozent des Bruttolohns (1999) auf 18,6 Prozent (2025).
Die gesamten Ausgaben für die Alterssicherung liegen, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, stabil bei zehn Prozent.
Andreas Hoffmann, Journalist und Buchautor
Und das erklärt sich offenbar nicht mit einem höheren Zuschuss der Steuerzahler für die Rentenversicherung. Zuletzt kamen 123 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt. „Der Staat steuert ähnlich viel bei wie früher“, konstatiert Hoffmann. „Die gesamten Ausgaben für die Alterssicherung liegen, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, stabil bei zehn Prozent.“
Trotz der alternden Gesellschaft und obwohl seit 1999 Katastrophen von der weltweiten Finanzkrise über Corona bis zum Ukrainekrieg zu überstehen waren, sei das Rentensystem „erstaunlich stabil“, resümiert der Journalist und Volkswirt.
Mit einer Flut an Zahlen und Daten stützt Hoffmann seine Argumentation; das lässt sich bei dem Untersuchungsgegenstand wohl nicht vermeiden. Wie es sich für einen „Stern“-Autor gehört, macht er die schwere Kost verträglich mit süffigen Anmerkungen und Freude am Angriff. Die Mischung aus Fakten, Ironie und Polemik macht die Lektüre kurzweilig. Manche These ploppt indes reichlich steil auf.
„Die Welt ist niemals untergegangen, weil zu viele oder zu wenige Kinder geboren wurden, aber die Welt gerät manchmal ins Wanken, weil zu viele Experten ihre Prognosen als Wahrheiten verkaufen“, schreibt Hoffmann.
Die liberale Mitte bereitet ihren Untergang vor, weil von dem ,Weniger’ nur die Populisten gewinnen.
Andreas Hoffmann, Journalist und Buchautor
Wer ständig über Kosten und Kürzungen der sozialen Systeme rede, wie derzeit der Wirtschaftsflügel der Union, der gefährde die Demokratie: Die Menschen bekämen das Gefühl, sich im Alter, bei Krankheit oder Pflegedürftigkeit nicht mehr auf den Staat verlassen zu können. „Mit dieser Art von Politik bereitet die liberale Mitte ihren Untergang vor, weil von dem ,Weniger’ nur die Populisten gewinnen“, glaubt Hoffmann.
Zwischen 1985 und 2025 wuchs der Beitragssatz für alle Sozialversicherungen von 35,1 Prozent auf 41,9 Prozent. Kein Problem, findet Hoffmann: Dem Arbeitsmarkt hätten die höheren Beiträge nicht geschadet, er wuchs von 27,6 Millionen (1985) auf 46 Millionen Arbeitsplätze (2024). Dieser Umstand sei maßgeblich für die Tragfähigkeit der sozialen Systeme.
„Die Zahl der Köpfe ist nicht entscheidend, entscheidend ist, was ein Staat mit diesen Köpfen anstellt“, schreibt Hoffmann. Gemeint sind Bildung, Investitionen und Innovationen. Am Beispiel der Landwirtschaft beschreibt er die Wirkung steigender Produktivität. „1950 versorgte ein Bauer etwa zehn Menschen, mittlerweile könnte eine Bäuerin zwischen 139 und 150 Menschen ernähren.“
Ohne Zuwanderung geht es nicht
Deutschland werde zwar seit 1990 älter, doch seitdem „stieg die Arbeitsproduktivität um 46 Prozent“. Und dann gibt es ja auch noch die Zuwanderung. Ohne Migration würde die alternde Gesellschaft irgendwann kollabieren.
Seit 1990 kommen jedes Jahr rund 300.000 Menschen ins Land. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit gehe der Zuwachs an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung „bei Männern zu 75 Prozent auf ausländische Beschäftigte zurück“, bei Frauen seien es 49 Prozent. Die Frauenerwerbstätigkeit kletterte im Übrigen von 59,5 Prozent (2005) auf 72 Prozent (2021), was sich auch mit der zunehmenden Zahl der Kitaplätze erklärt.
„Es gibt nichts Besseres für die Altersversorgung als die gesetzliche Rente“, ist Hoffmann überzeugt. „Als vor über 135 Jahren im Kaiserreich die Rentenversicherung entstand, glaubte der Staat, dass er die Vorsorge eben nicht dem Bürger überlassen sollte, weil das nicht funktioniert. Das Kollektiv sollte helfen, wo der Einzelne überfordert ist.“
Die von weiten Teilen der Politik und der Ökonomie vorgeschlagene Vorsorge am Kapitalmarkt erklärt Hoffmann mit Eigeninteresse: „Kapitaldeckung freut Banken und Versicherer, weil sie mehr Geschäft machen, Kapitaldeckung freut Unternehmerinnen, weil sie weniger Abgaben zahlen, und Kapitaldeckung freut Konservative und Liberale, weil der Staat Geld spart.“

© dpa/Peter Popp
Populären Rentenwissenschaftlern wie Axel Börsch-Supan, Martin Werding und Bernd Raffelhüschen darf man Hoffmann zufolge nur begrenzt glauben: „Sie arbeiteten oft für Banken, Versicherer, Finanzfirmen.“ Der ehemalige Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm („Die Rente ist sicher!“) von der CDU hatte schon in den 1980er Jahren der Versicherungslobby das zielgerichtete Schlechtreden der umlagenfinanzierten Rente vorgeworfen.
Hoffmann zufolge ist diese Lobby trotz des Verschwindens der FDP aus dem Bundestag so stark wie nie. Für jeden Bundestagsabgeordneten des Finanzausschusses gebe es laut Berechnungen der Bürgerinitiative Finanzwende zehn Lobbyisten von Banken und Versicherern. Einige davon, kritisieren Gewerkschaften, hätten es sogar in die regierungsamtliche Rentenkommission geschafft.
An Hoffmanns Buch hätte Blüm, der 2020 verstarb, viel Freude gehabt. Das ist sicher.

vor 1 Tag
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