Deutsch-polnische Geschichtspolitik: Ein Fall von verdrehtem Nationalismus

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Der Holocaust war ein transnationaler Genozid, an dem sich Täter aus den meisten europäischen Ländern beteiligt haben. Die Deutschen waren die Hauptarchitekten der Schoa. Nachdem die NSDAP in Deutschland ein autoritäres und genozidales Regime etabliert hatte, besetzte das Deutsche Reich etliche Länder und verfolgte und ermordete Juden, Sinti und Roma und andere Gruppen von „unerwünschten“ Menschen. Auch haben die deutschen Besatzer der christlichen Bevölkerung vor allem in Osteuropa einen enormen Schaden angetan. Sie haben aber keineswegs allein gehandelt. In der Schoa wurden sie von Polizisten, Bürgermeistern, Stadtverwaltungen, Vögten und Dorfschulzen, Feuerwehrmännern, faschistischen Gruppierungen und gewöhnlichen Christen aus unterschiedlichen Gründen fast überall in Europa unterstützt. In den meisten besetzten Ländern arbeitete ein deutscher Polizist oder Beamter bei der Umsetzung der Schoa mit zumindest zehn einheimischen Kollegen zusammen.

Den Holocaust auf die Geschichte der deutschen Täter zu reduzieren, ist falsch. Diese Reduktion wurde in den Neunzigerjahren in Deutschland unternommen und anschließend institutionalisiert, weil man in dieser Weise den Holocaust wissenschaftlich, gesellschaftlich und politisch aufarbeiten wollte. Damals erfüllte diese Zuspitzung eine wichtige Rolle. Sie erlaubte der deutschen Gesellschaft zu begreifen, dass Deutschland als Staat und Gesellschaft für den Holocaust verantwortlich war und dass durchaus größere Teile der Gesellschaft an der Schoa beteiligt waren, als man nach dem Krieg angenommen hatte.

Mit osteuropäischer Selbsttäuschung kompatibel

Die Kollaboration wurde in den Debatten der Neunzigerjahre kaum zum Thema gemacht, weil sie für die Aufarbeitung der Schoa in Deutschland nicht wichtig war. Teilweise wurde sie sogar als Bedrohung für die Aufarbeitung der deutschen Täterschaft gesehen. Dadurch hat sich in Deutschland ein selektives Bild des Holocausts etabliert, das bis heute weiterwirkt und mit ähnlichen Bildern in Osteuropa kompatibel ist.

Diese Betrachtung der Geschichte wird jedoch nicht von allen Historikern geteilt, und es ist fraglich, ob Deutschland heute so eine selektive Geschichte der Schoa noch braucht. Saul Friedländer hat in seinen monumentalen Werken über NS-Deutschland und den Holocaust diese Perspektive hinterfragt, weil sie zu kurz greift und einseitig ist. Friedländer hat alle Täter des Holocausts in seine Geschichte einbezogen und die Kollaboration auf jeder dritten Seite ausführlich thematisiert.

 auf unbestimmte Zeit verschoben.Die Buchvorstellung in der Topographie des Terrors wurde abgesagt, offiziell: auf unbestimmte Zeit verschoben.Berlin Tourismus & Kongress GmbH

Heute haben immer mehr Politiker und Historiker mit transnationalen Forschungen zur Schoa erneut Probleme. Sie greifen Historiker, die den nationalen Narrativen nicht folgen, auf subtile und abstoßende Weise an. In meinem jüngsten Buch, das im August 2024 erschienen ist, habe ich polnische Bürgermeister im Generalgouvernement, einem Teil des besetzten Polens, untersucht. Das Buch wurde in Deutschland, Polen und anderen Ländern bis heute nicht rezensiert, aber von Amtsträgern des polnischen und deutschen Staates und rechtsradikalen Stiftungen angegriffen und diffamiert, und zwar anders, als Andrea Löw und Stephan Lehnstaedt es in ihrem Artikel in der F.A.Z. verharmlosend und inhaltlich nicht korrekt dargestellt haben.

Einer der Angreifer ist heute Präsident

Die Angriffe auf das Buch begannen bereits vor der Veröffentlichung, als die Kulski-Stiftung vom Verlag De Gruyter verlangte, es gar nicht zu veröffentlichen, weil auf dem Cover ein Foto von Julian Kulski, dem Kriegsbürgermeister von Warschau, abgebildet ist. Gleichzeitig griffen rechtsradikale Journalisten und der ehemalige polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki das Buch an. Die Kulski-Stiftung drohte dem Verlag mit einem Gerichtsverfahren und schüchterte mit einem Anwaltsschreiben ein wissenschaftliches polnisches Portal ein, das ein Interview mit mir veröffentlichte. Der damalige Leiter des Instituts für Nationales Gedächtnis und heutige Präsident Polens, Karol Nawrocki, gab auf X bekannt, dass das Buch geschrieben worden sei, um die Schuld für den Holocaust auf Polen zu verschieben, und dass sich sein Institut um das Buch kümmern werde. Das Institut für Nationales Gedächtnis hat in der Vergangenheit Historiker wie Barbara Engelking und Jan Grabowski diffamiert, weil sie in ihren Büchern wichtige Aspekte der Geschichte der Besatzung und Kollaboration offenlegt haben.

Im November 2025 wurden die Angriffe nach Deutschland übertragen und mit Unterstützung deutscher Institutionen weitergeführt, obwohl in Deutschland die Wissenschaftsfreiheit durch Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes garantiert wird. Der polnische Botschafter in Berlin und Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes riefen den Leiter des Deutsch-Polnischen Hauses an und erzwangen eine Verschiebung der Buchpräsentation in der Topographie des Terrors. Keiner der Beteiligten hat sich bis heute dafür öffentlich entschuldigt. An demselben Tag veröffentlichte das Institut für Nationales Gedächtnis eine 47 Seiten lange Rezension auf Deutsch, Englisch und Polnisch, in der die Hauptthesen meiner Monographie angegriffen werden und ich mit üblen Unterstellungen diffamiert werde. Wenige Tage später zeigte der polnische Youtube-Kanal „Kanał Zero“, der mehr als zwei Millionen Abonnenten hat, einen Film über das Buch, der auf dieser Rezension basiert. Diese üblen Angriffe führten dazu, dass ich Hassnachrichten und Drohbriefe von polnischen Nationalisten erhielt und den Fall aus Sicherheitsgründen bei der Leitung der Freien Universität Berlin und der Organisation „Scicomm-Support“ melden musste.

Das sind längst nicht alle Übergriffe, zu denen es gekommen ist. Um ihre Aufzählung geht es hier aber nicht. Die eigentliche Frage ist, warum das Buch in Deutschland und Polen angegriffen, aber nicht durch einen einzigen Historiker besprochen wurde? Es erscheinen doch jede Woche Rezensionen zu Büchern über den Zweiten Weltkrieg, und es kommt äußerst selten vor, dass Vertreter zweier europäischer Staaten ein Buch gleichzeitig anfeinden. Es ist vermutet worden, dass es einen Zusammenhang mit den Regierungskonsultationen gab, die knapp zwei Wochen nach meiner abgesagten Buchpräsentation in Berlin stattfanden. Mir kommt das unwahrscheinlich vor. Wie könnte ein wissenschaftliches Buch über die Schoa im Generalgouvernement Gespräche über das Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzer beeinträchtigen? In Berlin gibt es doch mehr als genug Raum für beides. Darüber hinaus waren einige polnische Bürgermeister, die ich im Buch analysiere, selbst Opfer der deutschen Besatzer. Die eigentliche Antwort liegt bei der Kollaboration beziehungsweise den Gefühlen, die dieses Thema in Deutschland und Polen hervorruft.

Der Bürgermeister drängte auf Verkleinerung des Ghettos

In meiner Monographie habe ich gezeigt, dass Bürgermeister und Stadtverwaltungen eine durchaus wichtige Rolle bei der Verfolgung der Juden und Ausbeutung des Generalgouvernements spielten. Nehmen wir den Warschauer Bürgermeister Julian Kulski, der den deutschen Besatzern half, die Juden zu registrieren, ihre Bankkonten zu kontrollieren, jüdische Mitarbeiter zu entlassen, antisemitische Gesetzgebung einzuführen, jüdische Zwangsarbeiter zu registrieren, ein Ghetto zu errichten, Steuer im Ghetto zu erheben und jüdische Häuser, Geschäfte und Fabriken an Deutsche und Polen zu vermieten. Unter dem Einfluss von polnischen und deutschen Geschäftsleuten und Fabrikbesitzern drängte er auch darauf, das Gebiet des Ghettos zu verkleinern, weshalb mehr als 30 Prozent der Stadtbevölkerung in einem winzigen Gebiet von 2,4 Prozent der Stadtfläche lebten. Mit ­seinen Tätigkeiten trugen er und weitere polnische Mitarbeiter der Stadtverwaltung dazu bei, dass im größten Ghetto Europas fast 100.000 Juden starben, bevor die Deportationen in das Vernichtungslager Treblinka im Sommer 1942 begannen, obwohl die Hauptverant­wortung dafür bei den deutschen Besatzern liegt.

Haben die Historiker die Hilfsdienste der Warschauer Stadtverwaltung übersehen oder womöglich doch überschätzt? Polizeibeamte des deutschen Sicherheitsdienstes verhören einer Gruppe von Rabbinern, die zu Beginn des Aufstandes im Warschauer Ghetto gefangengenommen wurden.Haben die Historiker die Hilfsdienste der Warschauer Stadtverwaltung übersehen oder womöglich doch überschätzt? Polizeibeamte des deutschen Sicherheitsdienstes verhören einer Gruppe von Rabbinern, die zu Beginn des Aufstandes im Warschauer Ghetto gefangengenommen wurden.Picture Alliance

Kulskis Komplexität endet aber hier noch nicht. Der Warschauer Bürgermeister stammte aus einer teilweise jüdischen Familie. Seine Großmutter Karolina Meisels wurde jüdisch geboren und konvertierte zum Katholizismus, als sie Kulskis Großvater 1857 heiratete. Der Bürgermeister half seiner Frau und Schwägerin, eine jüdische Familie und drei weitere jüdische Personen zu verstecken, und seine Stadtverwaltung stellte christliche Dokumente für Juden aus. Er arbeitete auch mit dem polnischen Widerstand und der Exilregierung in London zusammen. Diese wichtigen und aus heutiger Sicht vielleicht sogar widersprüchlichen Fakten erfahren wir aber nur, wenn wir die Wissenschaftsfreiheit schützen und Historiker nicht diffamieren. Aus Stephan Lehn­staedts Büchern über das Generalgouvernement und die Aktion Reinhardt erfahren wir von der Komplexität der Schoa und Kollaboration leider gar nichts.

Nicht alle deutschen Historiker sind hysterisch

Zum Glück sind nicht alle Historiker und Institutionen in Deutschland und Polen zu meinem Buch negativ beziehungsweise hysterisch eingestellt. Zwar dominiert unter deutschen Historikern die Vorstellung, dass dieses Land keine komplexe Geschichte der Schoa vertrage und die Kollaboration deshalb lieber in anderen Ländern wie Frankreich, Polen oder Rumänien erforscht werden solle, aber nicht alle stimmen dieser Ansicht zu. In einem offenen Brief solidarisieren sich Historiker aus vielen Ländern mit mir und protestieren gegen die Verletzungen der wissenschaftlichen Freiheit in Deutschland und Polen. Dank des Engagements des Zentrums für Antisemitismusforschung werde ich das Buch am 3. März in der Topographie des Terrors hoffentlich vorstellen können. Dass eine erneute Welle von Empörung in Deutschland und Polen ausbricht, lässt sich wahrscheinlich nicht verhindern.

Nach den politischen Angriffen aus Warschau und Berlin haben auch andere Institutionen Solidarität geäußert, anstatt sich wie Andrea Löw und Stephan Lehnstaedt in Entsolidarisierung zu üben. Ich war von der Einladung der Kölner Synagogengemeinde und des NS-Dokumentationszentrums in Köln gerührt, in der Kölner Synagoge über polnische Bürgermeister einen Vortrag zu halten, zu dem der polnische Generalkonsul eingeladen wird. Ebenso wurde ich zu einem Vortrag an die Universität Warschau eingeladen, an der einige Historiker den Unterschied zwischen Wissenschaft und Politik ernst nehmen. An den Universitäten Stockholm, Lund und ebenso der Wiener Universität habe ich das Buch bereits im letzten Jahr ­vorgestellt. Ein schwedischer Kollege charakterisierte die Einstellung deutscher Historiker zur Kollaboration bei dieser Gelegenheit als „verdrehten Nationalismus“ .

Ich hoffe, dass Deutschland und Polen einen Weg finden, mit dem Thema der Kollaboration umzugehen, ohne Historiker anzufeinden. Die Verantwortung für den Holocaust ist derart fest, buchstäblich staatstragend, mit der deutschen nationalen Identität verbunden, dass manche Hüter dieser Identität alles andere auszublenden bemüht sind – sogar auf Kosten der wissenschaftlichen Erkenntnis. Alan Steinweis hat einmal ironisch auf einer Konferenz in München bemerkt, dass deutsche Historiker nicht gelernt haben, die Verantwortung für den Holocaust zu teilen. Dass mein Buch Politikern wie Karol Nawrocki in Warschau und Historikern wie Stephan Lehnstaedt in Berlin ein Dorn im Auge ist, liegt auf der Hand.

Grzegorz Rossoliński-Liebe ist Alfred Landecker Lecturer und Privatdozent an der Freien Universität Berlin.

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