Ein Rorschach-Test dafür, was in Amerika schiefläuft: So nannte der Historiker Daniel Steinmetz-Jenkins einmal die Faschismus-Debatte, die schon Donald Trumps erste Amtszeit begleitete. Seit Trump 2015 die goldene Rolltreppe im Trump Tower hinuntergekommen war, um seine Kandidatur zu verkünden, diskutierten Historiker und Journalisten, ob der ehemalige Immobilientycoon, seine Regierung oder gar das Land faschistisch seien.
Neue Tiefpunkte heizen die Diskussion immer wieder an. Trump sagt, dass Einwanderer das einheimische Blut verderben. Trump bedroht Journalisten. Trump droht den Menschen in Iran mit dem „Untergang“ einer „ganzen Zivilisation“. Rassismus, Ausschaltung der freien Presse, Militarismus: Das alles sind Elemente von Faschismus, auch wenn die unter Historikern gebräuchlichen Definitionen nicht einheitlich sind.
„Wie Faschismus funktioniert“
Die amerikanische Debatte kreist seit Jahren um die Frage, ob man Faschismus streng als Begriff für historische Formen wie Italien unter Mussolini oder Deutschland unter Hitler verstehen müsse, oder ob es sich um eine Ideologie handelt, die in vielen Formen und zu anderen Zeiten wiederkehren kann. Doch wann wird aus einer Tendenz oder einer Reihe von Merkmalen ein System? Und sollte es darum gehen, mit möglichst drastischen Begriffen die Wähler zu warnen, auch um den Preis wissenschaftlicher Genauigkeit?
Einer der bekanntesten Historiker, die Trump schon in dessen erster Amtszeit mit Hitler verglichen, ist Timothy Snyder. Beide, schrieb er 2017 in seinem Buch „Über Tyrannei“, hätten in unterschiedlicher Weise bezweckt, Gegner psychologisch zu isolieren und Anhänger gefügig zu machen. Wie die Nazis wolle Trump demokratische Institutionen zerstören. Auch Jason Stanleys „Wie Faschismus funktioniert“ erschien während Trumps erster Amtsperiode, ein Jahr nach Snyders Buch.
Faschismus, also die Verfolgung von politischen Gegnern, verbunden mit Rassismus, Militarismus und Unterdrückung von Presse- und Meinungsfreiheit, all das könne sich selbst in Gesellschaften mit starken liberalen Institutionen ausbreiten, warnte der Philosoph damals, der wie Snyder inzwischen nach Kanada ausgewandert ist. Ebenfalls während Trumps erster Amtszeit verglich die Historikerin Ruth Ben-Ghiat 2020 in ihrem Buch „Strongmen: Mussolini to the Present“ das Regime von Mussolini mit Trumps Regierungsstil – Massenkundgebungen, zur Schau gestellte Männlichkeit, Angriffe auf die Presse.
Wissenschaftliche Genauigkeit ist für viele nachrangig
Schon damals warnten viele vor Faschismus-Vergleichen. Der Rechtshistoriker Samuel Moyn etwa beklagte, Trump erscheine durch die Vergleiche mit europäischen Diktatoren zu sehr als Anomalie. So werde von den amerikanischen Wurzeln seiner Politik abgelenkt. Die Amerikaner würden davon abgehalten, zu fragen, wie sie selbst das Phänomen Trump hervorgebracht hätten und wie dessen Aufstieg durch die amerikanische „Geschichte des Tötens, der Unterwerfung und des Terrors“ bedingt sei.
Der ehemalige Chief Patrol Agent der US-Grenzschutzbehörde Gregory Bovino im Januar 2026APHäufig liegt die Hauptfunktion des Begriffs eher im Moralischen und Politischen. Damalige wie heutige Faschismusvergleiche haben einen stark handlungsauffordernden Charakter. Häufig geht es nicht um die wissenschaftlich korrekte Definition, sondern um politische Warnungen. Stanley etwa schreibt dem Begriff Faschismus eine wichtige mobilisierende Kraft zu. Im Magazin „The New Republic“ schrieb er, dass Unterstützer der Demokratie, wenn sie „erkennen, dass wir Zeugen eines sich herausbildenden faschistischen Regimes werden“, ihre „Untätigkeit abschütteln“ würden.
Doch ist das wirklich so? Der Historiker David Bell etwa widersprach damals dieser politischen Funktion des Begriffs: Für die meisten Wähler klinge das Wort Faschismus wie eine Übertreibung. Es untergrabe so die Botschaft derjenigen, die es verwendeten. Die Demokraten lenkten mit dem Maximalvorwurf des Faschismus außerdem von eigenen Fehlern ab.
Einige Skeptiker haben ihre Meinung geändert
Diese Debatte, die eher eine strategische als eine wissenschaftliche ist, ist heute wieder aktuell – und die Gewichte sind neu verteilt. Politiker wie Alexandria Ocasio-Cortez, Kamala Harris oder Tim Walz bezeichneten Trump in vergangenen Wahlkämpfen als Faschisten, der ehemalige Präsident Joe Biden sprach von „semi fascist“. Inzwischen sind jedoch auch ehemalige Kritiker auf diese Linie eingeschwenkt. Historiker wie Robert Paxton und, etwas weniger deutlich, Christopher Browning haben ihre frühere Ablehnung des Begriffs in Bezug auf Trump inzwischen revidiert.
Paxton definierte 2004 in seinem Buch „Die Anatomie des Faschismus“ faschistische Bewegungen als obsessiv auf den vermeintlichen Niedergang ihrer Gemeinschaft und auf ein Gefühl kollektiven Opferseins fixiert. Angetrieben von Einheits- und Reinheitskulten schaffe der Faschismus eine nationalistische Partei, die im Bündnis mit traditionellen Eliten daran arbeite, demokratische Freiheiten abzubauen. Die „innere Säuberung” sowie die äußere Expansion werde „mit erlösender Gewalt“ und ohne ethische oder rechtliche Beschränkungen umgesetzt. Massenmobilisierung, Opfermythen, Rassismus, Anti-Liberalismus, Expansionsstreben, Führerkult, Geschlechterhierarchisierung und anti-sozialdemokratische Bündnisse mit Wirtschaftseliten: All diese Elemente könnten zwar auch in anderen Systemen existieren. Doch wenn sie zusammenkommen, liegt für viele Kommentatoren der Faschismusverdacht nahe.
Schon nach seiner ersten Amtseinführung 2017 bot Trump genug Stoff für diese Diskussion: Immer wieder würdigte er Gegner und Menschen, die nicht weiß waren, herab, versuchte, seine Macht zu vergrößern, drückte Bewunderung für Autokraten aus und signalisierte rechtsradikalen Gruppen wie den „Proud Boys“, dass er sie als eine Art persönliche Miliz in spe ansah. Doch für viele Wissenschaftler kam erst mit dem 6. Januar 2021 der Wendepunkt, ab dem sie die Rede vom Faschismus nicht mehr nur für eine historisch unkorrekte Polemik hielten.
Der „Doppelstaat“: Ein Modell für das System Trump?
Dass Trump seine Anhänger faktisch zu einem gewaltsamen Angriff auf die Demokratie anstachelte und seine Wahlniederlage wegmanipulieren wollte, war auch für Paxton der Anlass, öffentlich zu erklären, er habe seine Meinung geändert. Und auch Moyn bekräftigte im Gespräch mit dieser Zeitung vergangenes Jahr zwar seine Kritik an allzu pauschalen historischen Vergleichen, sagte aber auch: „Ich denke, dass Trump heute tatsächlich mehr in eine faschistische Richtung tendiert als 2017.“ Für viele Beobachter bedeuten auch die Aggressionen gegen Grönland, Venezuela und nun Iran eine Eskalation in Richtung Militarismus und Imperialismus – auch, wenn die in der amerikanischen Geschichte nicht neu sind.
Enrique Tarrio, der ehemalige Chef der „Proud Boys“, bei Protesten in Dallas (Texas) im März 2026ddpManche Wissenschaftler wenden denn auch Faschismus-Theorien auf Trump an, ohne zu behaupten, dass jedes einzelne Kriterium erfüllt sein muss. Der Jurist Aziz Huq nahm zum Beispiel vergangenes Jahr im Magazin „The Atlantic“ eine der bekanntesten Analysen des Nationalsozialismus auf, als er den „Doppelstaat“ von Ernst Fraenkel auf die Trump-Ära bezog. Der aus Deutschland vertriebene Jurist Fraenkel beschrieb darin schon 1941, wie die Mehrheit der deutschen Bevölkerung weiter in einem funktionierenden, berechenbaren Rechtssystem lebte und wegschauen oder zu Tätern werden konnte, als gleichzeitig die Rechte von Juden und anderen Verfolgten des Nazi-Regimes entzogen wurden.
Auch in den USA gibt es Gruppen, deren Rechte eingeschränkt werden, während sich der Rest der Bevölkerung – wiederum in unterschiedlichen Abstufungen – in einem Rechtsstaat wähnen kann. Dazu gehören Millionen Einwanderer ohne Papiere, ungewollt Schwangere, Kinder und Jugendliche, die transgender sind. Das gedankliche Modell eines Doppelstaates erlaubt es auch, Potentiale für Widerstand deutlicher zu erkennen: In Minneapolis weigerten sich Tausende Menschen, für die der Rechtsstaat nach wie vor galt, in ihrer Position zu verharren und wegzuschauen, während ihre Nachbarn von der Abschiebebehörde ICE durch die Straßen gejagt wurden. Doppelstaat-ähnliche Strukturen funktionieren nur, wenn diejenigen, die „in Sicherheit“ sind, in die andere Richtung schauen.
Für manche Theoretiker ist fast alles „faschistisch“
In der Alltagssprache der USA wird „faschistisch“ allerdings oft losgelöst von historischen Vergleichen verwendet. Das zeigte etwa eine Umfrage des Senders ABC aus dem vorvergangenen Jahr, in der 49 Prozent der Befragten der Aussage zustimmten, der damalige Präsidentschaftskandidat Trump sei ein Faschist. Rechte benutzen den Begriff ebenfalls für Gegner, auch Trump tat das schon oft – das knüpft an antikommunistische Denkmuster des Kalten Krieges an. Auch manche linke Theoretiker dehnen den Begriff weit aus. Sie sehen Trump nur als einen Vertreter eines Phänomens an, das die amerikanische Kultur ohnehin fest im Griff habe.
Besonders deutlich wird das bei Autorinnen wie Sophie Lewis, die den Begriff „faschistisch“ auch für Tendenzen im Alltagsbewusstsein verwendet. Ausschlussmechanismen, elitäre ästhetische Projekte, patriarchale Familienstrukturen, alles kann dann faschistisch genannt werden. Für sie findet der Kampf gegen Faschismus dementsprechend auch im Alltag und im eigenen Bewusstsein statt – und das permanent.
Die Uferlosigkeit liegt womöglich an einer verkürzten Rezeption der Schriften von Michel Foucault, dessen berühmten Satz, man müsse den Faschismus in sich selbst bekämpfen, Befürworter der maximalen Begriffsweitung oft zitieren. Was Foucault benannte, waren aber eher die Voraussetzungen in Individuen oder Gruppen, an die faschistische Bewegungen anknüpfen können. Doch für manche Autoren werden diese Voraussetzungen selbst zu „dem Faschismus“.
Faschismus ist nicht „importiert“
Andere, ältere Erweiterungen des Faschismus-Begriffs erweisen sich dagegen als intellektuell produktiver. Die Black Radical Tradition sah den europäischen Faschismus anschließend an die Arbeiten von W.E.B. Du Bois weniger als Bruch mit der europäischen und kolonialistischen Geschichte, sondern als extreme Ausprägung davon an. Ihre Frage war weniger, ab wann etwas Faschismus genannt werden darf, sondern, welche Gruppen wann unter faschistischen Bedingungen lebten und leben.
Die Sklaverei, die Entrechtung von Schwarzen unter dem „Jim Crow“-Regime (und Varianten der White Supremacy im Norden des Landes) und deren anhaltende Effekte untersuchen Wissenschaftler wie Cedric Robinson oder Robin D.G. Kelley im Zusammenhang eines „racial capitalism“, der je nach historischer Periode auch faschistische Elemente aufweise. Das faschistische Menschenbild erkennen Historiker bei den Partys, die Weiße bei Lynchings von Schwarzen feierten, in der amerikanischen Geschichte der Zwangssterilisierung oder in der unterschiedlichen Behandlung Schwarzer in der Medizin. Solche Perspektiven erinnern auch daran, dass es tatsächlich zeitgenössische Bezüge nationalsozialistischen Denkens auf den Staatsrassismus im Süden der USA gab.
Die amerikanische Faschismus-Debatte bewegt sich so zwischen wissenschaftlicher Vorsicht, politischer Warnfunktion sowie produktiver und weniger produktiver Erweiterung. Doch andere Begriffe scheinen oft präziser und damit hilfreicher, wenn es darum geht, die Trump-Ära zu beschreiben – „kompetitiver Autoritarismus“ etwa, die kleptokratische „Broligarchie“ vielleicht, der Tech-Autoritarismus, oder auch die permanente Verfassungskrise.
Dass Faschismus als geschlossene Systembeschreibung aus Sicht vieler Wissenschaftler nicht oder noch nicht zutrifft, liegt vor allem daran, dass die Gerichtsbarkeit in den USA nach wie vor unabhängig funktioniert. Trump musste hier gerade in letzter Zeit etliche Niederlagen einstecken. So scheint der Faschismusbegriff vor allem da sinnvoll, wo er Tendenzen der Trump-Ära beschreiben hilft und weniger als Bezeichnung eines geschlossenen politischen Systems verstanden wird. Will man ihn streng in letzterem Sinne verstehen, sind andere Begriffe schärfer.

vor 3 Stunden
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