Was tun gegen den Rechtsruck? Welche Faktoren haben ihn herbeigeführt? Lässt sich das Erstarken von Rechts-außen-Parteien aufhalten, gar rückgängig machen? Und wenn ja, wie? Die in Paris lehrende Philosophin Corine Pelluchon ist derzeit beileibe nicht die einzige Person, die sich mit diesen Fragen befasst. Bemerkenswert ist dennoch, mit welch unbeirrbarem Selbstbewusstsein Pelluchon meint, das Zaubermittel schlechthin zur Rettung der Demokratie präsentieren zu können – „die Macht des Weiblichen“.
So lautet der Titel ihres nun in Übersetzung vorliegenden, vor einem Jahr im französischen Original erschienenen Buchs. Im Vorwort werden kurz die Vorzüge der „weiblichen Wirkmacht“, wie Pelluchon sie versteht, besungen: „Sie strahlt und verströmt Fülle, sie ist die Fähigkeit, Menschen zu begegnen und ihnen zuzuhören, sie ist schöpferische Vorstellungskraft und Großzügigkeit.“ Dann folgt die große Verheißung: „Diese lebensfördernde Macht kann uns, wenn wir am Rande des Abgrunds stehen, den Weg in eine gemeinsame Freiheit weisen.“
Die Soft-Power-Qualitäten des Weiblichen
Allerdings wird Pelluchon, die sich durch engagierte Schriften zu Klima- und Tierethik längst auch hierzulande einen Namen gemacht hat, erst gegen Ende des schmalen Bandes ausführlicher auf die eingangs fast schon wundersam wirkenden, demokratiestärkenden Soft-Power-Qualitäten des Weiblichen eingehen. Zuvor wagt sie einen unerschrockenen Blick in den Abgrund, an dessen Rande wir stehen, und gelangt zu ihrer zentralen Einsicht, die lautet, „dass sich das, was sich zwischen der Bevölkerung und den rechtsextremen Parteien abspielt, einer Dynamik der Bemächtigung folgt“.
Corine Pelluchon: „Die Macht des Weiblichen“C.H. BeckDer Ausdruck „Bemächtigung“, den Pelluchon hier auf ein gesellschaftspolitisches Geschehen überträgt, stammt aus der Psychoanalyse und meint einen Akt der Inbesitznahme oder das manipulative Dominanzverhalten einer Person in einer Partnerschaft oder in der Familie. Zudem beruft Pelluchon sich auf den in den Achtzigern durch den Psychiater Paul-Claude Racamier geprägten, heute in keinem Diagnosehandbuch mehr auffindbaren Begriff der „narzisstischen Perversion“, um zu erläutern, was den rechten Demagogen antreibe, der seine Anhängerschaft zunächst umschmeichle, bald schon aber täusche und ausnutze. Selbstverständlich darf auch der Griff in die Mottenkiste des Freudomarxismus hier nicht fehlen. So erklärt Pelluchon unter Berufung auf Wilhelm Reich, dass eine gehemmte Sexualität besonders anfällig für die Verheißungen autoritärer Ideologen mache. Zwischendurch wird noch nachdrücklich auf Adorno, Leo Löwenthal und Erich Fromm verwiesen. Zack, fertig ist der allenfalls lauwarme Aufguss eines sozialpsychologischen Befunds à la Frankfurter Schule.
Den Thesen und Erkenntnissen ihrer kanonischen Stichwortgeber hat Pelluchon zwar nichts Nennenswertes hinzuzufügen, dafür wird deren Ansatz von ihr heillos überstrapaziert. Denn so offenkundig es ist, dass bei dem Aufstieg des Trumpismus, der AfD und des Rassemblement National auch Emotionen wie Ängste, Ressentiments, Enttäuschungen und Hass eine Rolle spielen, so unergiebig ist es doch, dieses Phänomen ausschließlich mit einem psychologischen Vokabular, noch dazu einem ausgesprochen selektiven, fassen zu wollen, während ökonomische, demographische, kulturelle und ideologische Faktoren weitgehend außer Acht gelassen werden.
Narzisstische und perverse Subjekte?
Ebendies geschieht bei Pelluchon, wenn sie den Demagogen und seine Wähler nach dem Muster einer hochtoxischen zwischenmenschlichen Beziehung als „Opfer und Peiniger in einer tödlichen Umarmung verbunden“ beschreibt. Jeder rechte Politiker agiert ihrer Deutung nach als „narzisstisches und perverses Subjekt“, als „Verführer“. Bei den verführten Anhängern diagnostiziert Pelluchon neben einem überstarken Anerkennungsbedürfnis und hoher emotionaler Verwundbarkeit auch die grundlegende Unfähigkeit, Manipulation zu erkennen. Der Rechtswähler, so heißt es, „verwechselt Gefangenschaft mit Liebe und Schutz – und so kommt es, dass (er) einem Tyrannen Gefolgschaft schwört“. Durch derartige Aussagen wird ein komplexes gesellschaftspolitisches Phänomen bis zur Unkenntlichkeit simplifiziert und pathologisiert, ganz nebenbei macht Pelluchon damit auch die Frage nach der individuellen Verantwortung beim Wahlverhalten obsolet.
Während diese Thesen in eindringlichem Ton und reichlich redundant vorgetragen werden, bleiben sie frei von jeder Unterfütterung durch die Empirie. Auch schert Pelluchon sich für eine Philosophin erstaunlich wenig um begriffliche Präzision. Beispielsweise bleibt völlig unklar, was für sie derzeit unter „Rechtsextremismus“ und was unter „Rechtspopulismus“ fällt. Klar wird lediglich, dass für sie beide Begriffe synonym mit „Faschismus“ sind. Unlängst gab es auch in dieser Zeitung eine Debatte darüber, inwiefern der Gebrauch des Terminus „Faschismus“ zur Analyse gegenwärtiger illiberaler Bewegungen überhaupt taugt. Pelluchon jedenfalls liefert ein selten eindrückliches Beispiel dafür, dass ein Faschismusbegriff, der maximal engagiert, aber semantisch völlig konturlos daherkommt, nichts zur Erkenntnis der aktuellen Lage beiträgt.
Immerhin scheint Pelluchon zumindest um Konkretion bemüht, sobald sie sich Gedanken um mögliche Maßnahmen zur Bewahrung der Demokratie macht. Für ihre Verhältnisse erstaunlich handfest ist beispielsweise die Forderung, die französische Verfassung zu ändern, um die Macht des Präsidenten der Republik, der auch im europäischen Vergleich auffallend weitreichende Befugnisse innehat, einzuschränken. Doch statt diesen bedenkenswerten Vorschlag, der in Frankreich schon länger diskutiert wird, ein wenig auszuführen, begnügt sie sich mit dem bloßen Appell und hüpft sofort wieder weiter von einer Großidee zur nächsten: „anthropologische Revolution“, „ökologischer Existenzialismus“, „Politik der Wertschätzung“. Welches Demokratierettungspotential genau sich hinter diesen visionär klingenden Schlagworten verbirgt, bleibt im Vagen.
Dankbarkeit, Geduld und Selbsthingabe als Lösungen
Endgültig zum Ärgernis wird dieses Buch im Schlusskapitel, das der deklarierten Superwaffe gegen rechts, der titelgebenden „Macht des Weiblichen“ gewidmet ist. Dort gerät Pelluchons Versuch, sich gegen den naheliegenden Vorwurf des Essentialismus zu wehren, zum Eiertanz. So ist Pelluchon folgender Auffassung: Der von ihr vertretene Begriff der „weiblichen Macht“ habe nichts mit essentialistischen Klischees zu tun, die sich auf die weibliche Biologie stützen würden. Stattdessen möchte sie die Macht des Weiblichen als „Potenzialität der conditio humana“ verstanden wissen, ein Potential also, über das selbstverständlich auch Männer verfügten.
Doch noch im selben Atemzug lädt Pelluchon den Begriff der machtvollen Weiblichkeit wieder biologistisch-essentialistisch auf, indem sie ihn untrennbar an die spezifisch weibliche Leibeserfahrung bindet. Das Weibliche, so schreibt sie, sei durch die „Erfahrung von Frauen inspiriert, weil sie nicht von ihrer körperlichen Bedingtheit abstrahieren können“. Zu den mit dieser körperlichen Erfahrung unweigerlich einhergehenden Tugenden zählt Pelluchon seit Jahrhunderten klischierte Weiblichkeitsinsignien wie „Dankbarkeit“, „Geduld“, die sich bei genauerem Hinsehen als Passivität und Leidensfähigkeit entpuppt, „Selbsthingabe und Großzügigkeit“, eine reichlich verträumte Zuneigung zu Flora und Fauna, eine „Liebe zur Welt, die durch die Liebe zu den Kindern (wieder)-erweckt wird“. Fazit: Man muss vielleicht nicht unbedingt eine Frau sein, um über weibliche Macht zu verfügen, aber man muss wie eine Frau sein – jedenfalls so, wie Pelluchon sich die ideale Frau vorstellt.
Hinzukommt ein sich selbst überschlagendes, an unfreiwillige Satire grenzendes Pathos. Pelluchon schreibt über das Herz der Idealfrau, das „blutet“, während sich Mann, Vater und Sohn im Krieg befinden. Sie schreibt über Frauen, die in jeder, noch so erniedrigenden Lebenssituation „Königinnen“ bleiben. Sie schreibt Sätze wie: „Die Frauen befinden sich an den verschiedensten Orten der Erde, doch sie eint die Feier des Lebens. Und so trägt jede mit ihrer eigenen Geschichte ihr Glühen als Gabe bei.“ Diese Macht des Weiblichen, das stellte Pelluchon bereits auf den ersten Seiten klar, „ist nicht mit feministischen Kämpfen gleichzusetzen“. Dass der hier propagierte Weiblichkeitsbegriff mit einem Feminismus, der diesen Namen verdient, im Grunde rein gar nichts zu tun hat, ist immerhin eine Erkenntnis nach der Lektüre.
Corine Pelluchon: „Die Macht des Weiblichen“. Ideen zu einer Demokratie ohne Herrschaft. Aus dem Französischen von Grit Fröhlich. C.H. Beck Verlag, München 2026, 183 S., geb., 24 Euro.

vor 6 Stunden
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