Fragen über Fragen: Wieso ist Geld so wichtig? Weshalb kratzen sich Affen unterm Arm? Warum ist die Erde nicht dreieckig? Spørge Jørgen (Fragen-Jörgen), den in Dänemark jedes Kind kennt, stellt immer neue in einer 1938 von Kamma Laurents als Lied gedichteten und später als Bilderbuch verbreiteten Geschichte über einen Jungen, dem alles fragwürdig erscheint.
Der dänische Künstler Bjørn Nørgaard hat sich davon inspirieren lassen. Seine Karriere begann in den Sechzigern mit wüsten Happenings; später entwarf er Tapisserien für Königin Margarethe, spezialisierte sich auf Skulpturen und lehrte an der Kunstakademie in Kopenhagen. Die wiederum ist im selben Stadtschloss untergebracht wie die Kunsthalle – und die CHART Art Fair.

Zum elften Mal versammelt die Messe in Schloss Charlottenborg Gegenwartskunst aus Skandinavien, gleich neben dem bei Touristen der Postkartenkulisse wegen beliebten Nyhavn im Stadtzentrum. Kunst zu kaufen oder anzuschauen ist in dieser Umgebung keine elitär abgeschlossene Angelegenheit, sondern ein Einladung an alle. Deshalb hat die CHART auch wieder Werke im Vergnügungspark Tivoli platziert, darunter Nørgaards Beitrag. „Spørger Jørgen stadig?“ (Fragt Jörgen noch?) heißt seine Figur aus bunt glasierter Keramik von 2012 (Galerie Susanne Ottesen, Kopenhagen), die den wissensdurstigen Bengel als clownesken Riesen in Zwangsjackenhaltung darstellt: auf den ersten Blick lustig, auf den zweiten Blick ein Monument des bedrohten Infragestellens.
Nørgaards Intervention wirft – ebenso wie eine interaktive Wipp-Installation von Jenny Brockmann (Dorothée Nilsson Gallery, Berlin), auf die man sich nur gemeinsam setzen kann – im Tivoli ernsthafte Fragen zwischen Unterhaltungsattraktionen auf, ohne die Laune zu verderben.

Das entspricht dem demokratischen Ansatz der nicht profitorientierten CHART, den die Messedirektorin Julie Quottrup Silbermann weiterverfolgt: Dieses Jahr kann man Videokunst in der Metro sehen oder an Spaziergängen, Lauf- und Radtouren zu Kunst im öffentlichen Raum teilnehmen. Die Stadtexpeditionen enden idealerweise im Hof von Charlottenborg unter illuminierten Absperrpfosten aus dem Straßenbau, die Samuel Charles Barrett zu einer Installation rund um Snack-Pavillons, das Restaurant Apollo von Frederik Bille Brahe und Bühnen für Performances und Gesprächsrunden arrangiert hat.
Von dort sind es nur wenige Schritte in den frei zugänglichen Bereich mit einer kleinen Auswahl preiswerter Kunst für Sammeleinsteiger oder hinauf in die Messesäle, deren Besuch nicht viel mehr kostet als eine Kinokarte in Kopenhagen und die Kunst sich in Euro umgerechnet meist im Tausender- oder Zehntausenderbereich bewegt.
In der „lebenswertesten Stadt der Welt“
Die Atmosphäre ist familiär: Knapp die Hälfte der 34 Aussteller - führende nordische Galerien - sind einheimisch, gefolgt von Galeristen aus Schweden, Norwegen, Island und Finnland. Die Berliner Dorothée Nilsson Gallery wurzelt ebenso in Nordeuropa wie die Gallery Gudmundsdottir. Sie hat von Endre Aalrust subversiv malerisch erfasste Alltagsszenen im Angebot. Man kennt sich, ist oftmals nicht zum ersten Mal dabei, auch wenn zeitgleich die internationale Enter Art Fair am Stadtrand lockt, schätzt aber den Charme der CHART mit ineinander übergehenden Galerienpräsentation ohne Standarchitektur.

Das Hyggelige der Messe passt in eine Kapitale, die nicht ohne Grund jüngst von der Economist-Gruppe zur „lebenswertesten Stadt der Welt“ gekürt wurde. Dabei ist man selbst in Dänemark oder Skandinavien nicht frei von Sorgen: Im Westen greift Trump verbal nach Grönland, im Nordosten geht der Blick nach Russland. Der Klimawandel verändert Landschaften – lockt aber mehr Touristen in den Norden. Die Auswahl auf der CHART scheint dieses Mal eine Spur ernster auszufallen als in früheren Jahren, wobei es im Zweifel eher gefällig als kontrovers wird.
Natur – als Motiv oder Mitschöpfer – bildet eine thematische Konstante. In der Tradition nordischer Landschaftsmalerei steht der Schwede Peter Frie mit seinen monumentalen Bildern (Arnstedt Östra Karup). Das dänisch-australische Duo Rhoda Ting & Mikkel Bojesen lässt dagegen Eisenplatten von Ebbe und Flut zu abstrakten Kunstwerken oxidieren (Gether Contemporary, Kopenhagen). Zwischen Hilma af Klimt und Ernst Haeckel könnte man Christine Ödlunds pflanzenesoterische Aquarelle bei CFHILL aus Stockholm verorten. Sif Itona Westerbergs Reliefbilder von Metamorphosen verweisen auf die Antike (Galerie Bo Bjerggaard, Kopenhagen).
Wie kann eine kleine Messe in schwierigen Zeiten bestehen? Das könnte Nørgaards Spørge Jørgen in Kopenhagen fragen. Die Antwort der CHART lautet: Indem sie sich breit in ihrer Stadt aufstellt, eine kulturelle wie geographisch klar umrissene Identität kultiviert und wohlkuratierte Kunst als Angebot an alle versteht.
CHART Art Fair, Charlottenborg, Kopenhagen, bis zum 30. August, Eintritt 170 Kronen. Interventionen im Tivoli bis 22. September.