Champions League: FC Bayern München siegt 6:1 bei Atalanta Bergamo – Großes Spiel, große Tragik

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FC Bayern siegt 6:1 bei Atalanta Erst dieses grandiose Spiel, doch nun diese Sorgen

6:0-Führung, wunderbarer Fußball: Es lief perfekt für die Bayern in Bergamo. Bis sich Alphonso Davies verletzte. Dann Jamal Musiala. Und Jonas Urbig. So werden böse Erinnerungen an die vergangene Saison wach.

Aus Bergamo berichtet Danial Montazeri

11.03.2026, 10.29 Uhr

 Großes Spiel, große Tragik
 Großes Spiel, große Tragik

Der verletzte Alphonso Davies: Großes Spiel, große Tragik

Foto: Jonathan Moscrop / Sportimage / IMAGO

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Die Münchner Fußballer versammelten sich um ihren Mitspieler, es sah aus, als bildeten sie einen Schutzwall. Joshua Kimmich, Jonathan Tah, Leon Goretzka und weitere Spieler standen dicht beisammen, sie umzingelten den auf dem Rasen hockenden Alphonso Davies. Von der Tribüne des Stadions in Bergamo war nicht zu erkennen, ob sie ihn trösten oder vor den Blicken der Fans und TV-Kameras schützen wollten.

Davies weinte. Seine Mitspieler konnten das ebenso wenig verbergen wie er selbst, auch wenn er es versuchte. Als er vom Platz schritt, spannte er das Trikot vor das Gesicht.

Als Davies Vincent Kompany erreichte, drückte er sich an dessen Brust, beide umarmten sich kurz, aber innig. Gute Trainer sind ihren Spielern manchmal auch Väter.

So mischte sich in einen eigentlich brillanten Bayern-Auftritt auch Sorge. Sind die Spieler schwerer verletzt? Gefährden die Ausfälle möglicherweise die Saisonziele?

Davies, 25, hatte monatelang wegen eines Kreuzbandrisses gefehlt und darüber berichtet, wie sehr ihm die Ungewissheit, wann und in welcher Form er zurückkommen würde, psychisch zusetzten. Im Dezember stand er wieder auf dem Platz. Dann erlitt er im Februar einen Muskelfaserriss und fiel abermals aus. Und nun zwang ihn offenbar dieselbe Verletzung zur Auswechslung in Bergamo. Ohne Gegnereinwirkung schob er den Ball beiseite und hockte sich auf den Rasen, dann bildeten die Teamkollegen ihren Kreis.

Für Davies muss es sich anfühlen, als würde er jene Ungewissheiten einfach nicht los. Als verfolgten sie ihn wie einen Fluch.

Münchner Fußballer trösten Teamkollege Davies

Münchner Fußballer trösten Teamkollege Davies

Foto: Marco Bertorello / AFP

Wie Davies war auch Musiala viele Monate verletzt; auch er wurde gegen Atalanta erst eingewechselt und musste wieder vom Platz.

In den Schlussminuten humpelte er nur noch über den Rasen, er verteidigte nicht mehr und auffälliger noch: Musiala wollte den Ball nicht haben. Immer wieder suchte er Blickkontakt zur Bayern-Bank. Dann ging er vom Feld, obwohl sein Team schon fünfmal gewechselt hatte. Eine freiwillige Unterzahl nehmen Fußballer nur in Kauf, wenn ihre Sorge wirklich groß ist. Tatsächlich kassierten die Bayern Sekunden nach Musialas Abgang das 1:6.

Bei Musiala sei er unsicher, ob mit einem längeren Ausfall zu rechnen sei, sagte Kompany nach dem Spiel, und dass er dessen Fußprobleme als normale Reaktion auf die Belastungen des Spiels auffasse. Musiala hatte sich im vergangenen Sommer bei der Klub-WM auf brutale Weise schwer verletzt, er brach sich das Wadenbein und renkte sich das Sprunggelenk aus. Und obwohl er seit Wochen wieder spielt, sind ihm die Folgen anzumerken. »Er hat sehr gute Tage und manchmal Tage, wo es ein bisschen weniger ist«, sagte Kompany. Irgendwann werde Musiala wieder sein absolut bestes Niveau erreichen. »Ich mache mir fast keine Sorgen.«

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Hier noch frohen Mutes: Musiala nach seinem Treffer zum 6:0

Foto: Alberto Pizzoli / AFP

Torwart Urbig verletzte sich beim Treffer zum 1:6. Da warf er sich in eine Hereingabe, verpasste diese und flog mit dem Kopf voran in Atalantas Nikola Krstović, Urbigs Schädel kollidierte mit Krstovićs Schienbein. Dass der Ball danach im Tor landete, schien der Münchner gar nicht zu registrieren. Für einen Torhüter ist das ein alarmierendes Zeichen.

Urbig musste von Münchner Betreuern gestützt vom Platz, aus eigener Kraft schaffte er das nicht. Von einer Gehirnerschütterung war nach Abpfiff die Rede. Urbig sei ins Krankenhaus gebracht worden.

Zwar ist jeder dieser Spieler zu ersetzen. Urbig dürfte von Sven Ulreich zumindest am Samstag in Leverkusen sowie im Rückspiel gegen Atalanta vertreten werden – es könnten die letzten Spiele im Bayern-Trikot für den inzwischen 37-Jährigen sein, dessen Vertrag im Sommer ausläuft. Bald sollte der derzeit verletzte Manuel Neuer zurückkehren, dann wäre Urbig wieder die Nummer zwei.

 Gestützt in die Kabine

Jonas Urbig: Gestützt in die Kabine

Foto: Matteo Ciambelli / REUTERS

Und Musiala sowie Davies verpassten ja ohnehin viele Monate in dieser Saison. Die Bayern gewannen trotzdem.

Sollten sich ihre Verletzungen jedoch als gravierend herausstellen, hieße das auch, dass man in München manche Hoffnungen verwerfen muss. Zum Beispiel die, dass Musiala und Davies rechtzeitig zum Viertelfinale der Königsklasse wieder in Topform sind. Dort träfen die Bayern Anfang April auf Real Madrid oder Manchester City. Und in den Wochen darauf stünden das Pokalhalbfinale in Leverkusen sowie ein mögliches Halbfinale in der Königsklasse an.

Und dann ist da die Hoffnung darauf, dass dank eines üppigen Kaders Spieler immer dann geschont werden können, wenn sie eine Pause benötigen. Schließlich soll es auf keinen Fall so laufen wie in der vergangenen Saison.

Damals schieden die Bayern auch deshalb im Viertelfinale der Champions League aus, weil sie angeschlagene oder gar verletzte Spieler aufstellten. Harry Kane war nicht fit, Kim Min-jae schleppte sich durchs Spiel, die Bayern scheiterten an Inter Mailand.

Er wolle nicht viel über die Verletzungen sagen, sagte Kompany in Bergamo, aber: »Wir dürfen uns das Momentum nicht wegnehmen lassen.«

Kompany hatte das Feuer der Rekonvaleszenten zum Leitmotiv dieser Münchner Saison erkoren. Die Spielfreude, die von den Rückkehrern Musiala und Davies ausgehe, sollte sich auf die anderen Spieler übertragen. Durch ihre Augen sollten sie alle auf den Fußball blicken. Es war ein Kniff des Trainers, um die Motivation im Team anzustacheln.

Lange Zeit konnte man den Bayern in Bergamo dabei zuschauen, wie das Feuer in ihnen loderte. Dann löschten es die Tränen von Alphonso Davies, zumindest für diesen Abend.

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