Alcaraz: Mit 22 Jahren und 272 Tagen der jüngste Spieler der Geschichte, der alle vier Major-Turniere gewinnen konnte
Foto:Joel Carrett / EPA
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Die Szene des Spiels: Es lief der dritte Satz im Finale der Australian Open, eine wichtige Phase der Partie, und Novak Djokovic, der zuvor noch mit seinen Kräften gehaushaltet hatte, gab keinen Ball mehr verloren. Im Vollsprint schlug Djokovic den Ball am Netzpfosten vorbei ins Feld, flach und lang und unerreichbar für die meisten, nur eben nicht für seinen heutigen Gegner. Mit einem langen Ausfallschritt bugsierte Carlos Alcaraz den Ball zurück in Djokovics Hälfte. Djokovic, 38, stand danach ratlos an der Bande, die Hände in den Hüften, schwer atmend. Auf der anderen Seite Alcaraz, 22, den Finger am Ohr. Beide lächelten. Wahrscheinlich war nie ein Spieler so alt noch so gut wie Djokovic. Aber im Finale traf er auf einen Spieler, der so jung schon so gut ist wie niemand vor ihm.
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Das Ergebnis: Alcaraz dreht gegen Djokovic das Finale der Australian Open und gewinnt 2:6, 6:2, 6:3, 7:5. Für den Spanier ist der siebte Grand-Slam-Titel ein ganz besonderer: Mit 22 Jahren und 272 Tagen ist er der jüngste Spieler der Geschichte, der alle vier Major-Turniere gewinnen konnte. Überhaupt ist er erst der neunte Mann, dem der sogenannte Karriere-Grand-Slam gelingt.
Vorbei: Der junge Spanier gewinnt das Endspiel
Foto: Joel Carrett / AAP / IMAGODer Weg ins Finale: Sowohl Alcaraz als auch Djokovic war im Halbfinale alles abverlangt worden. Zusammen standen die beiden am Freitag über neuneinhalb Stunden auf dem Platz. Alcaraz sprach nach seinem Sieg gegen Alexander Zverev vom physisch »anspruchsvollsten Spiel« seiner Karriere. »Ich hoffe nur, dass ich genug Kraft habe, um mit ihm mithalten zu können«, sagte Djokovic nach seinem Marathonmatch gegen Jannik Sinner mit Blick auf das Finale. »Das ist mein Wunsch, dann sollen die Götter über den Sieger entscheiden.«
Vorhand Gottes: Aber wer benötigt göttlichen Beistand, wenn man eine solche Vorhand hat? 33 Minuten lang zeigte Djokovic fast perfektes Tennis, das veranschaulichte, warum er auch mit Ende 30 noch zu den weltweit besten Spielern gehört. War er zu Beginn seiner Karriere ein Spieler, der seine Gegner in Grundlinienduellen zermürbte, ist er inzwischen ein Meister darin, Punkte schnell zu Ende zu bringen. Seine Vorhand schlug er in diesem ersten Satz so überzeugt wie vielleicht noch nie in seiner Karriere. Er dominierte damit die Ballwechsel, seine platzierten Aufschläge erledigten den Rest: Bei Servicespielen von Djokovic machte Alcaraz lediglich zwei Punkte.
Seriosität und Spielwitz: Häufig wird über Alcaraz’ Spielwitz gesprochen, sein Schlagrepertoire, seine Athletik. All das konstant abzurufen, nicht die Konzentration zu verlieren, galt als seine größte Schwäche. Eine Erzählung, die schon immer ein wenig unfair war und nun endgültig als überholt gelten dürfte. Im Halbfinale zeigte Alcaraz, sich auf seine mentale Stärke verlassen zu können, wenn der Körper schwächelt. Im Finale ließ er sich nicht von Djokovics enorm hohen Anfangslevel verunsichern. Alcaraz spielte teils spektakuläres, vor allem aber beständiges Tennis. Im gesamten Match schlug er mehr Winner als Djokovic und machte gleichzeitig weniger unerzwungene Fehler.
Respekt für die Älteren: Gerade gegen Djokovic war das für Alcaraz in der Vergangenheit keine Selbstverständlichkeit. Djokovic löst etwas in Alcaraz aus, eine Art nervösen Respekt, der den Altersunterschied schrumpfen lässt. Seinen letzten großen Titel holte Djokovic, indem er Alcaraz im Olympia-Finale 2024 in zwei Sätzen besiegte. Vor einem Jahr brachte Djokovic Alcaraz erfolgreich im Australian-Open-Viertelfinale aus dem Konzept. »Es ist nicht einfach, gegen ihn zu spielen«, sagte Alcaraz selbst nach einem deutlichen Sieg bei den US Open 2025. »Ich denke an die Legende, an das, was er in seiner Karriere erreicht hat.« Von Ehrfurcht war in diesem Finale nur bei der Siegerrede etwas zu merken. Schon die überraschende Trennung von Juan Carlos Ferrero, jahrelang Trainer und Vaterfigur, wurde vor den Australian Open als Emanzipation gedeutet. Mit diesem Finale scheint »Carlitos« endgültig erwachsen geworden.
Alcaraz (links) und Djokovic: Tennishelden unter sich
Foto: Joel Carrett / EPADjokovics Durchhaltevermögen: Nachdem es in der vergangenen Saison ein wenig in Vergessenheit geraten war, erinnerte Djokovic im Halbfinale wieder an die alte Gesetzmäßigkeit des Tennissports: Mit Novak Djokovic ist immer zu rechnen. Auch wenn es nicht mehr danach aussieht. Gerade, wenn es nicht mehr danach aussieht. »Bei Novak Djokovic ist das Unmögliche immer möglich«, sagte Boris Becker bei Eurosport im vierten Satz, bevor Djokovic in einem zwölfminütigen Aufschlagspiel sechs Breakbälle abwehrte. Zwei weitere Break-Möglichkeiten bekam Alcaraz dann beim Stand von 6:5. Wenig Augenblicke später, nach 3:02 Stunden Spielzeit, war Alcaraz Australian-Open-Champion.
Der Zuschauer des Spiels: Nach spektakulären Ballwechseln wurde immer wieder ein Ehrengast eingeblendet: Rafael Nadal. Er ist nicht nur Djokovics alter Rivale, Alcaraz' Landsmann und eine Ikone des Sports. Er ist auch ein überaus unterhaltsamer Zuschauer, dessen Mimik die Ballwechsel besser beschrieb, als es Worte je könnten. Nach dem ersten Satz rutschten seine Augenbrauen bis an den Haaransatz, die Mundwinkel beeindruckt nach unten. »Es fühlt sich ein bisschen komisch an, aber danke, dass du hier bist«, sagte Djokovic nach dem Spiel zu Nadal.
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Worte des Abschieds? Nach seiner elften Finalteilnahme in Melbourne stand Djokovic erstmals als Verlierer auf dem Feld. Seinen insgesamt 25. Grand-Slam-Titel, mit dem er zum alleinigen Rekordhalter aufgestiegen wäre, hatte er verpasst. Bei der Siegerzeremonie war von Enttäuschung jedoch wenig zu sehen. »Ich bin mir sicher, dass wir uns in den nächsten zehn Jahren noch öfter sehen werden«, begann Djokovic in Richtung Alcaraz. Zum Ende seiner Rede klang das jedoch ganz anders: Er bedankte sich bei den Zuschauerinnen und Zuschauern, ihn ins Finale gepusht zu haben. Er habe selbst kaum daran geglaubt. »So viel Liebe wie in den vergangenen Matches habe ich von euch noch nie hier bekommen«, sagte Djokovic und schloss mit Worten, die ein wenig nach Verabschiedung klangen: »Wer weiß, was morgen passiert, geschweige denn in sechs oder zwölf Monaten. Es war eine großartige Reise. Ich liebe euch.«

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