Bundesnachrichtendienst: Die Code-Knacker der Zukunft

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Im Süden der alten Bundeshauptstadt, im Bonner Stadtteil Mehlem, liegt ein unscheinbares Gelände, darauf mehrere Gebäude, die ihre besten Zeiten schon lange hinter sich haben. Es fällt nur auf, dass das Gelände von einem Zaun umgeben und mit Überwachungskameras vor neugierigen Blicken geschützt ist – und dann baumelt am Eingang an einem Mast auch noch die Deutschlandfahne im Wind. Nichts, was wirklich darauf hindeutet, dass hier die digitale Zukunft des Bundesnachrichtendienstes (BND) gestaltet werden soll.

In der unscheinbaren Außenstelle des deutschen Auslandsdienstes arbeiten schon seit vielen Jahren Codeknacker, Computer- und Funkexperten. Eigentlich hätte die kleine Spionage-Truppe schon vor Jahren nach Berlin umziehen sollen, in die Zentrale des Dienstes in der Chausseestraße. Doch der neue BND-Chef Martin Jäger hat offenbar andere Pläne.

Viel Geld soll in Technik und Personal fließen

Nach Recherchen von Süddeutscher Zeitung und WDR möchte der BND seine Liegenschaft am Rhein modernisieren und ausbauen: In Bonn soll demnach das Krypto-Cyber-Technologiezentrum (KCT) des BND entstehen. Seine Aufgabe: moderne Technologien wie künstliche Intelligenz und Quantencomputing zu erforschen, Verschlüsselungen zu knacken, um damit die Cyberspionage des BND zu stärken. Dafür soll in den kommenden Jahren viel Geld in Technik und Personal fließen, heißt es aus dem BND. Als Vorbild für die Digital-Spione könnte der US-Abhördienst National Security Agency (NSA) dienen, weshalb in Sicherheitskreisen schon das Schlagwort einer künftigen „deutschen Mini-NSA“ die Runde macht.

Zu den Plänen möchte sich der BND indes nicht äußern. „Der BND nimmt zu Angelegenheiten, die etwaige nachrichtendienstliche Erkenntnisse oder Tätigkeiten betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung“, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. „Der BND berichtet zu entsprechenden Themen insbesondere der Bundesregierung und den zuständigen, geheim tagenden Gremien des Deutschen Bundestages.“ Die Antwort, die der BND offiziell immer gibt, wenn man eigentlich nichts sagen will.

Kryptowährungen, Messengerdienste, KI – die Spione müssen gerüstet sein

Mit dem Ausbau der Außenstelle Bonn will der lange Zeit als etwas verschlafen verspottete BND den Sprung ins Cyberzeitalter schaffen. Moderne Technologien, allen voran künstliche Intelligenz, verändern das Geschäft der Spionage rasant: Informationen können deutlich schneller generiert und große Datenmengen, die etwa bei Überwachungsmaßnahmen oder durch Satellitenbilder anfallen, analysiert werden. Gleichzeitig erschwert beispielsweise Gesichtserkennungssoftware die Möglichkeit für Spione, sich zu tarnen und falsche Identitäten zu verwenden. Hinzu kommt, dass verschlüsselte Messengerdienste zu einer stetig wachsenden Herausforderung bei der Kommunikationsüberwachung werden, und Kryptowährungen erschweren die Aufklärung von Finanzströmen. Genau hier soll die Bonner Truppe ansetzen.

Marin Jäger, seit 2025 Präsident des Bundesnachrichtendienstes.
Marin Jäger, seit 2025 Präsident des Bundesnachrichtendienstes. Sebastian Rau/Imago

Doch der Aufbau des neuen Technologiezentrums ist nicht unumstritten. Immerhin existiert mit der Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (ZITiS) in München bereits eine Einrichtung, wo Fachleute Technologien für die Sicherheitsbehörden des Bundes erforschen und Cyberwerkzeuge entwickeln sollen. Dieser könnte Jägers neue Truppe, so fürchten Kritiker, künftig Konkurrenz machen.

Die ZITiS wurde ab 2017 vom Bundesinnenministerium aufgebaut, um Bundeskriminalamt (BKA), Bundespolizei, Zoll, Verfassungsschutz und auch den BND beim Hacking, Knacken von verschlüsselten Festplatten oder der Analyse großer Datenmengen zu unterstützen. Zumindest in der Anfangsphase des ZITiS soll das Verhältnis zum BND eher schwierig gewesen sein: Beim Dienst, der von Pullach bei München nach Berlin umzog, sah man es nicht gerne, dass einige Experten zu ZITiS wechselten, weil sie offensichtlich nicht versetzt werden wollten.

Die Behörden suchen händeringend IT-Fachleute

Außerdem, so hieß es damals aus dem BND, gab es durchaus Bedenken, ob der Dienst sein technisches Wissen mit dem ZITiS teilen soll. Die Spione wollten ihr technologisches Know-How gegenüber den anderen Behörden ungern offenlegen. Auch weil sie fürchteten, dass ihre Methoden im Rahmen der Strafverfolgung in einem möglichen Gerichtsprozess offengelegt würden.

Und noch etwas spreche für den Ausbau der Cyper-Spionage-Abteilung des BND, heißt es in Sicherheitskreisen: Die ZITiS entwickele und erforsche zwar Technologien und Methoden, ihre Mitarbeiter dürfen aber selbst keine Computer und Smartphones im Rahmen von polizeilichen Ermittlungen oder nachrichtendienstlichen Operationen hacken. Eine Fähigkeit, die der neue BND-Chef Jäger aber unbedingt ausbauen will, um gegenüber anderen europäischen Diensten „anschluss- und konkurrenzfähig zu werden“.

Kritiker von Jägers Plänen fürchten hingegen, dass die neue Cypertruppe eines der größten Probleme deutscher Sicherheitsbehörden noch verschärfen könnte: den Personalmangel. Schon heute suchen Polizei, Zoll und Verfassungsschutz händeringend nach hochspezialisierten IT-Fachleuten. „Wir sollten aufgrund der Personalsituation Doppelstrukturen vermeiden“, mahnte daher ZITiS-Chef Wilfried Karl, selbst früher Mitarbeiter des BND, jüngst auf einer Fachtagung in Berlin. 2017 habe das Bundesinnenministerium die Entscheidung getroffen, ZITiS als diese Stelle mit diesen Aufgaben zu gründen. „Da sollten wir aufsetzen.“

Karl kann sich bei seiner Argumentation auf den Koalitionsvertrag der Bundesregierung stützen: „Ein Schwerpunkt bei den Nachrichtendiensten wird die stärkere gemeinsame Ausrichtung auf den Cyber- und Informationsraum sein“, heißt es darin. „Auch durch die Schaffung einer neuen spezialisierten technischen Zentralstelle unter Einbeziehung von ZITiS.“

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