Magdeburg: Gebeine von Otto dem Großen liegen laut DNA-Analysen tatsächlich im Dom

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 Der Herrscher gilt als Begründer des Heiligen Römischen Reichs
 Der Herrscher gilt als Begründer des Heiligen Römischen Reichs

Expertenteam in Schutzkleidung hebt den Sargdeckel von Otto dem Großen: Der Herrscher gilt als Begründer des Heiligen Römischen Reichs

Foto: Michel Klehm / Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

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Von stattlichem Aussehen soll er gewesen sein, die Brust behaart wie ein Löwe: Otto der I., besser bekannt als Otto der Große, lebte von 912 bis 973. Seine letzte Ruhe fand er in Magdeburg, so ist es überliefert. Doch es gab Zweifel, ob in dem Sarkophag im Magdeburger Dom wirklich die Gebeine des Kaisers liegen, schließlich sind Jahrhunderte seit dessen Tod vergangen. Das Grab wurde während dieser Zeit mehrfach geöffnet.

 Die Deckplatte aus Marmor wiegt etwa 300 Kilogramm

Sarkophag Ottos des Großen im Chorraum des Magdeburger Doms: Die Deckplatte aus Marmor wiegt etwa 300 Kilogramm

Foto: Andrea Hörentrup / Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

Neue DNA-Analysen zeigen nun: Es sind tatsächlich die sterblichen Überreste des legendären Herrschers. »Otto der Große hat von Magdeburg aus europäische Geschichte geschrieben«, sagte der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Sven Schulze (CDU), bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Otto der Große stammt aus dem Geschlecht der Liudolfinger und gilt als Begründer des Heiligen Römischen Reichs. Im Jahr 936 wurde er zum König des Ostfrankenreichs gewählt, ab dem Jahr 951 war er zudem König von Italien und ab dem Jahr 962 römisch-deutscher Kaiser. Nach seinem überraschenden Tod im Jahr 973 wurden seine sterblichen Überreste von Memleben, wo er gestorben war, nach Magdeburg gebracht. Es soll der Wunsch des Kaisers gewesen sein, dort neben seiner ersten Frau Edgitha bestattet zu werden.

Sarg teilweise zerstört

Fachleute des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt sowie weiterer renommierter Forschungseinrichtungen untersuchen das Grab im Magdeburger Dom seit Anfang 2025, um die Ruhestätte des Kaisers zu erhalten. Die Zeit drängte, der steinerne Sarkophag war sichtlich in die Jahre gekommen, Teile des inneren hölzernen Sargs bereits stak beschädigt. Mittlerweile sind Dutzende Expertinnen und Experten von gut 30 Forschungseinrichtungen mit der Untersuchung des Grabs beschäftigt, sagte der Direktor des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Harald Meller, dem SPIEGEL.

 nahezu vollständiges Skelett

Blick in den geöffneten Holzsarg: nahezu vollständiges Skelett

Foto: Andrea Hörentrup / Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

In dem Sarg entdeckte das Expertenteam menschliche Gebeine, Reste von Textilien und Schalen von Eiern – eine im Christentum übliche Grabbeigabe. Das Ei gilt als Symbol für die Wiederauferstehung Christi. Außerdem fanden die Forscher eine Münze, einen Moritzpfennig aus dem 13. Jahrhundert und ein Stück Fensterglas – diese müssen Hunderte Jahre nach Ottos Tod in den Sarg gelangt worden sein. Ein Beweis dafür, dass das Grab mehrfach geöffnet worden war.

Kaiser im CT

Die Knochen aus dem Grab wurden aufwendig dokumentiert, schrittweise geborgen und mit modernen Techniken untersucht, etwa mit einem Computertomografen.

 Starke Muskeln am Oberschenkel

CT-Untersuchung der sterblichen Überreste am Uniklinikum Magdeburg: Starke Muskeln am Oberschenkel

Foto: Claudio Dähnel / Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

Schon die ersten anthropologischen Untersuchungen hätten laut dem Expertenteam gezeigt, dass in dem Grab das so gut wie vollständige Skelett eines Mannes lag, der zu Lebzeiten etwa 1,80 Meter groß war und etwa 55 bis 65 Jahre alt geworden ist.

Das passt zu den Überlieferungen, denn Otto soll, auch was seine Statur betrifft, ein Großer gewesen sein. Mit 1,80 Meter wäre er im Schnitt zehn Zentimeter größer als seine Zeitgenossen gewesen.

Vergleichsprobe vom Großneffen

Den letzten Beweis für die Identität der Knochen im Grab lieferten Erbgut-Analysen. Dafür verglichen Fachleute des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig das Erbgut in den Magdeburger Knochen mit Knochenproben von Heinrich II., die in der Reliquiensammlung des Bamberger Doms aufbewahrt werden.

Heinrich II. war der Enkel von Ottos Bruder und damit sein Großneffe. Der Vergleich der DNA ergab, dass die sterblichen Überreste tatsächlich zu zwei nah miteinander verwandten Männern gehören, die zur selben männlichen Linie gehören. »Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben wir hier also die tatsächlichen sterblichen Überreste Kaiser Ottos des Großen vor uns«, sagte Archäologe Meller während der Vorstellung der Forschungsergebnisse am Mittwoch.

Im Grab fanden sich Reste einer blau gefärbten Decke mit Silberfäden

Im Grab fanden sich Reste einer blau gefärbten Decke mit Silberfäden

Foto: Andrea Hörentrup / Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

Und die Untersuchungen lieferten weitere spannende Details über den römisch-deutschen Kaiser: Isotopenanalysen sprechen etwa dafür, dass er viel Fleisch aß, wahrscheinlich auch Süßwasserfisch und Hülsenfrüchte.

Gebrochener Arm, ausgeschlagene Zähne

Die starken Muskelansätze an den Knochen des Oberschenkels und des Beckens zeigen zudem, dass Otto der Große regelmäßig geritten ist. Kein Wunder, war der Kaiser zu Lebzeiten doch ständig unterwegs, zog von Pfalz zu Pfalz, tingelte häufig zwischen Aachen, Magdeburg und Worms. Pro Tag legten er und sein Gefolge oft 30 Kilometer zurück.

 Die Münze muss lange nach Ottos Tod ins Grab gelangt sein

Moritzpfennig aus dem 13. Jahrhundert: Die Münze muss lange nach Ottos Tod ins Grab gelangt sein

Foto: Anika Tauschensky / Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

Laut den aktuellen Untersuchungen plagten den Kaiser zudem allerhand Gebrechen: Seine Knie- und Hüftgelenke zeigen Spuren von Arthrose, sein linker Arm war einst gebrochen, die Fraktur zum Zeitpunkt seines Todes aber bereits verheilt. Auch die Knochen am Hinterkopf und im Gesicht zeigten Spuren von Gewalt, zudem fehlten dem Kaiser drei Schneidezähne. Womöglich waren sie ihm ausgeschlagen worden. Ein Weisheitszahn war zudem mit Karies befallen, an einigen Zähnen haftete ausgeprägter Zahnstein.

Starb Otto an einem Schlaganfall?

Auch waren die Gefäßkanäle an Ottos Schädelbasis und den oberen Halswirbeln an einer Seite vergrößert – ein Hinweis auf eine mögliche Gefäßveränderung, die das Risiko für Embolien und einen Schlaganfall erhöht. Womöglich könnte das den überraschenden Tod von Otto dem Großen erklären.

Noch am Mittag des 7. Mai 973 deutete laut schriftlichen Überlieferungen nichts darauf hin, dass der Kaiser wenige Stunden später sterben würde. Otto der Große weilte mit seinem Gefolge gerade in Memleben – zu damaliger Zeit eine bedeutende Pfalz, heute ein kleiner Ort in Sachsen-Anhalt. Am Abend ging es Otto dem Großen plötzlich schlecht, er hatte Fieber, der Herrscher sackte in sich zusammen. »Symptome, die zu einem Schlaganfall passen«, sagte Meller.

Als Otto spürte, dass das Ende nahte, soll er noch um die Sakramente gebeten haben, um Symbole der Gnade Gottes. Kurze Zeit später starb er in einem Stuhl, umgeben von Fürsten. Otto der Große wurde 60 Jahre alt.

Die letzte Ruhestätte des Kaisers wird Magdeburg bleiben. Am 1. September soll er im Dom in einem neu gestalteten Sarg erneut beigesetzt werden.

Das Herz des Kaisers gilt derweil weiterhin als verschwunden. Fachleute haben jedoch einen Verdacht, wo es liegen könnte. Mehr dazu lesen Sie hier.

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