Trotz verfehlten Studienziels Hochdosiertes Psilocybin bei schweren Depressionen wirksam
Psilocybin, der Wirkstoff in »Magic Mushrooms«, gilt als Hoffnungsträger bei schweren Depressionen. Eine deutsche Studie dazu erreicht nun ihr Ziel nicht – doch Fachleute sind trotzdem vom Ergebnis angetan.
18.03.2026, 17.12 Uhr
Psychoaktiver Wirkstoff aus Pilzen: Hochdosiertes Psilocybin kann schwerste Depressionen lindern
Foto: Eva Almqvist / Getty ImagesDie psychoaktive Substanz Psilocybin, die von Natur aus in einigen Pilzen vorkommt, zeigt begrenzte Wirksamkeit bei Patientinnen und Patienten mit schwer behandelbarer Depression. Das zeigen die Ergebnisse einer großen klinischen Studie aus Deutschland, die jetzt im Fachjournal »JAMA Psychiatry« erschienen ist .
Dabei handelt es sich um eine sogenannte Phase-IIb-Studie: Sie soll anhand erster Patienten eine geeignete Therapiedosis ermitteln. Erst in der nächsten, dritten Phase könnte eine Zulassungsstudie folgen – letztlich könnten sich neue Optionen bieten, um Menschen mit sogenannten therapieresistenten Depressionen zu helfen. Doch wie es nun weitergehen wird, ist vorerst unklar.
In der Studie behandelten Forschende des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim und der Charité Berlin zwischen Juni 2022 und Februar 2024 insgesamt 144 Patientinnen und Patienten. Sie erhielten je zwei Behandlungen mit fünf oder 25 Milligramm Psilocybin oder der Substanz Nicotinamid. Die Behandlungstermine lagen sechs Wochen auseinander und wurden mit Psychotherapie begleitet.
Nicotinamid wurde als aktives Placebo eingesetzt, da es begrenzte psychoaktive Wirkungen zeigt und insbesondere für ein aufwallendes Wärmegefühl sorgen kann. Das sollte sicherstellen, dass die Teilnehmenden der Studie nicht wissen, welches Präparat sie einnehmen. Eine der größten Schwierigkeiten an klinischen Studien mit psychoaktiv-wirkenden Substanzen ist ebendiese Verblindung, da die Wirkung solcher Substanzen schwer durch andere Stoffe risikofrei simuliert werden kann.
Höhere Dosis besserte depressive Symptome
Für die Autorinnen und Autoren galt die Therapie mit Psilocybin als erfolgreich, wenn sechs Wochen nach der ersten Psilocybin-Dosis (und noch vor der zweiten) die Depressionssymptomatik um mindestens 50 Prozent geringer war als zu Beginn der Untersuchung. Sie erfassten die Depressionsschwere mit der »Hamilton Rating Scale for Depression« (HAMD17). Diese Besserung konnte jedoch nicht gezeigt werden.
Zusätzlich erhoben die Forschenden »sekundäre Endpunkte«, führten also zusätzliche Analysen durch. Hierbei prüften sie, ob sich die Symptomatik auf der HAMD17 oder einer anderen Depressionsskala (»Beck Depression Inventory II«) über die sechs Wochen statistisch signifikant verbesserte. Dies konnte bei einer Menge von 25 Milligramm Psilocybin gezeigt werden.
Allerdings verzeichneten die Autorinnen und Autoren bei der Gabe von 25 Milligramm Psilocybin häufiger akute Nebenwirkungen und Suizidgedanken. Ein Patient erlitt eine anhaltende Halluzinationsstörung, eine weitere Person hatte ebenfalls ernste Nebenwirkungen.
Trotz des verfehlten Hauptziels äußerten sich Forschende, die nicht an der Studie beteiligt waren, dem Science Media Center gegenüber positiv: Die Untersuchung sei vergleichsweise »groß« und »streng« durchgeführt, ihr Konzept »methodisch stark« und »raffiniert«, ihre Ergebnisse hochwertig.
»Es zeigte sich eine etwas geringere Wirksamkeit im Vergleich zu früheren Studien, welche aber die strengen Kriterien bezüglich aktiver Placebos noch nicht erfüllt haben«, sagt etwa Matthias Liechti, Chefarzt der klinischen Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsspital Basel. Er betont auch, dass die Wirkung erst sechs Wochen nach der ersten Dosis gemessen wurde und damit vorherige, möglicherweise stärkere Effekte außen vor blieben.
Das Verfehlen des Hauptziels der 50-prozentigen Besserung sei kein Grund, grundsätzlich am Psilocybin zu zweifeln. »Eher muss aktuell die Stärke der Wirksamkeit insgesamt realistischer und wohl als geringer eingestuft werden«, so Liechti, der auf die positiven Ergebnisse der zusätzlichen Analysen verweist.
Insgesamt belege auch diese Studie die »meist gute Verträglichkeit von Psilocybin«, so Liechti. Die im Vergleich zu früheren Untersuchungen »etwas erhöhte Rate« von Nebenwirkungen führt er auf deren sorgfältigere Erfassung zurück.
Kritik am Begriff »therapieresistent«
Johannes Jungwirth, Psychiater der Universitätsklinik Zürich, weiß um die großen Hoffnungen, die nicht nur Behandler, sondern auch viele Betroffene in den psychoaktiven Wirkstoff setzen. »In der Schweiz, wo Psilocybin in Ausnahmefällen bereits angewandt werden kann, beobachten wir diese Erwartungsproblematik oft. Der starke Hype um diese Substanzen kommt erst mal aus einem Mangel an neuen Behandlungsmethoden.« Die neuen Ergebnisse seien »ernüchternd«, so Jungwirth, sie zeigten einmal mehr: »Es ist kein Wundermittel.« Die positive Wirkung von Psilocybin sei aber weiterhin gut belegt.
Psychoaktive Substanzen wie Psilocybin, MDMA, LSD und DMT sind vielen höchstens als Droge bekannt – sie werden jedoch seit einiger Zeit vermehrt als mögliche Behandlungsansätze für schwer behandelbare psychische Erkrankungen untersucht, etwa bei schweren Depressionen.
Wie in der aktuellen Studie aus Deutschland ist dabei oft die Rede von »treatment-resistant depression«, also »therapieresistenter Depression«. Diese Bezeichnung findet man in den meisten Studien und für sie gibt es auch klare Kriterien. Der Begriff wird aber teils kritisiert, weil er nahelegt, dass es keine Hoffnung auf Besserung gäbe. Stattdessen ist deshalb mitunter auch von »schwer behandelbarer Depression« oder »schwer zu behandelnder Depression« die Rede.

vor 1 Stunde
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