Am Dienstag ist in den USA das Buch erschienen, in dem der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance seine Konversion zum Katholizismus schildert. Die Fahnen von „Communion“ wurden zuvor wie ein Staatsgeheimnis vom Verlag gehütet. Das Cover jedoch ist seit Monaten bekannt und hat für jede Menge Spott gesorgt. Darauf zu sehen ist eine in malerischer Landschaft gelegene weiße Holzkirche mit einem markanten Turm. Es handelt sich nicht etwa um ein katholisches Gotteshaus, sondern um die Mt. Zion United Methodist Church in Elk Creek im ländlichen Virginia. Was hat eine Methodistenkirche auf den Bekehrungsmemoiren des mächtigsten amerikanischen Neokatholiken zu suchen?
Der Vorwurf, hinter dieser Bildauswahl stecke schnöde Gedankenfaulheit, ist dennoch nicht sonderlich plausibel: Die Zustimmungswerte für Donald Trump sind auffallend niedrig, zunehmend wenden sich auch weiße Christen, die treueste Wählergruppe der Republikanischen Partei, von ihm ab. Knapp ein Viertel der US-Amerikaner bekennt sich zum Katholizismus, ins zahlenmäßig weit überlegene protestantische Lager gehören nicht zuletzt die Methodisten. Da liegt die Vermutung nahe, dass Vance, der aller Voraussicht nach 2028 für das Amt des US-Präsidenten kandidieren wird, bereits mit dem Cover von „Communion“ versucht, ein überkonfessionelles Signal zu senden, um möglichst viele der verlorenen Schäfchen rechtzeitig wieder heimzuführen.
Bruch mit dem alten Ich
Demonstrativ ökumenische Töne werden auch zwischen den Buchdeckeln angeschlagen. Wahrscheinlich wäre er nie katholisch geworden, schreibt Vance, wenn nicht schon in seiner Kindheit ein religiöses Fundament gelegt worden wäre. Die meisten seiner Familienmitglieder hingen irgendeiner protestantischen Freikirche an, die wenigsten praktizierten regelmäßig, doch auf ihre Weise seien alle tief gläubig gewesen. Besonders habe ihn „Mamaw“ geprägt, seine Großmutter, die gar nichts davon hielt, sich konfessionell festzulegen. Dafür habe sie geflucht und in der Bibel gelesen, das Recht auf Abtreibung befürwortet, die Evolutionstheorie als Gotteslästerung verworfen.
J.D. Vance: „Communion“.Harper CollinsLeser von „Hillbilly Elegy“ (2016) sind mit Mamaws eigenwilligem Charakter bereits vertraut. Unter diesem Titel veröffentlichte Vance vor zehn Jahren einen autobiographischen Essay über den wirtschaftlichen und sozialen Niedergang der weißen Arbeiterschicht in den USA, über häusliche Gewalt, Drogen, zerrüttete Familien und über den amerikanischen Traum. Das Buch wurde zum Bestseller und Vance mit Anfang dreißig zum quer durch die politischen Lager gefeierten Experten für die Klassenfrage, eine Art konservativer, amerikanischer Didier Eribon, der sich damals noch ausgesprochen kritisch zu Trump äußerte.
Seither hat Vance sich offenkundig verändert. An „Hillbilly Elegy“ scheint er jedoch immer noch so sehr zu hängen, dass er Teile der alten Geschichte einfach noch mal unter religiösen Vorzeichen erzählt. Besonders einfallsreich ist das nicht, trotzdem entstehen gelegentlich eindrückliche Passagen, wenn Vance nachzeichnet, wie er mit Anfang zwanzig von seinem Kinderglauben abfiel. Neben dem Tod von Mamaw mag obsessive Ayn-Rand-Lektüre dazu beigetragen haben. Doch den eigentlichen Grund für seinen zwischenzeitlichen Atheismus sieht Vance in der eigenen Aufsteigerbiographie, in seinem alles andere als selbstverständlichen Weg aus denkbar prekären Verhältnissen zum Yale-Absolventen. Der Preis für diesen Erfolg sei ein radikaler Bruch mit seinem alten Ich gewesen, eine völlige Entfremdung vom Herkunftsmilieu mitsamt dessen ästhetischen und kulinarischen Vorlieben, Werten, Überzeugungen und Religiosität.
Deutlich langatmiger wird es, wenn Vance, der sich 2019 von einem Dominikanerpater hat taufen lassen, rekonstruiert, wie er allmählich wieder zurück zu Gott fand. Auch dieser Weg war von Lektüren gepflastert, mit den Werken von Augustinus, G. K. Chesterton und von C. S. Lewis, dem Lieblingsanglikaner aller Katholiken. Als regelrechte Erleuchtung beschreibt Vance seine Begegnung mit seinem späteren Sponsor Peter Thiel, „dem klügsten Menschen“, den er je getroffen habe.
Thiel sagt Sätze wie: „Ich glaube nicht länger, dass Demokratie und Freiheit miteinander vereinbar sind“, was im Buch allerdings nicht erwähnt wird. Von Thiel habe Vance schließlich erfahren, was es mit dem „mimetischem Begehren“ auf sich habe, René Girards Begriff für den im Menschen tief verwurzelten Drang zur Nachahmung. Seither sieht Vance überall nur Herdentiere, die ausschließlich wollen, tun und sagen, was andere um sie herum auch wollen, tun und sagen. Es ist schon einiges darüber geschrieben worden, wie Thiel und Vance sich Girards Philosophie zurechtbiegen. In „Communion“ wird das mimetische Begehren als Kampfbegriff gegen die korrupten, seelenlosen „Eliten“ plattgewalzt.
Ehrgeizzerfressener Massenmensch
Er sei ja selbst lange genug ein ehrgeizzerfressener Massenmensch gewesen, immer nur Wettbewerb und Siegen um des Siegens willen, bekennt Vance. Das gilt für seine Zeit als Ivy-League-Student, vor allem für seine Zeit als Trump-Gegener: „Trump-Kritik machte mich gesellschaftlich immun. Und diese Immunität war sehr lukrativ.“ Thiel und schließlich Gott gaben ihm die Kraft, aus dem verlogenen „Rattenrennen der Meritokratie“ auszusteigen. Das führte dann dazu, dass Vance sich mit weniger lukrativen Dingen begnügen musste, dem Amt des Vizepräsidenten der USA zum Beispiel.
Donald Trump und J.D. Vance am diesjährigen Memorial Day bei einer Veranstaltung am Arlington National CemeteryReutersNeben dem vagen Gefühl, gegen den Strom zu schwimmen, fühlt sich Vance noch von anderen Eigenheiten des Katholizismus angezogen: von der „Hierarchie und dem Sinn für Autorität“, vom Sakrament Beichte, vor allem von der Katholischen Soziallehre, die er als gesellschaftspolitisches Allheilmittel anpreist, was bei Vance immer nach Gottesstaat und Integralismus klingt, oder zumindest wie die populistisch-chaotische Variante der Schriften des Politologen und „Postliberalismus“-Theoretikers Patrick Deneen, dessen Name im Buch kein einziges Mal auftaucht.
Für einen glühenden Katholiken zitiert Vance auffallend häufig aus der Bibel, was ja eigentlich eine protestantische Marotte ist. Dafür scheint er wenig mit der katholizismusspezifischen Marienverehrung anfangen zu können, die Gottesmutter wird jedenfalls kaum erwähnt. Die allergrößte Heilige scheint für Vance ohnehin seine Ehefrau Usha, die in den USA als Kind indischer Einwanderer zur Welt kam und bisher keinerlei Anstalten machte, den Hinduismus gegen etwas anderes einzutauschen. Endlos lässt sich Vance über seine Liebe zu Usha und ihre Vollkommenheit aus. Wie die Jungfrau Maria frei vom Makel der Erbsünde, so scheint Usha von Geburt an völlig unbefleckt von jedem mimetischen Begehren.
Ihre Talente sind laut Vance nahezu überirdisch, ihr Bedürfnis nach öffentlicher Anerkennung und Prestige geht gegen null. „Alles, was sie wollte, war, dass wir gemeinsam einen alten Film gucken oder mit den Hunden Gassi gehen.“ Auch scheint die Second Lady fließend Deutsch zu sprechen. „Allerdings habe ich das irgendwie nicht mitbekommen“, schreibt Vance, „ich bemerkte es erst, als wir in Bayern waren und Usha plötzlich anfing, sich mit einem Kellner zu unterhalten.“ Zu diesem Zeitpunkt waren beide längst verheiratet. Dass Vance die Deutschkenntnisse seiner Frau so lange völlig verborgen blieben, ist nicht die einzige Seltsamkeit an seiner Beziehung zu ihr.
Während Trump unumwunden verkündet „I am the chosen one“, verfährt Vance etwas subtiler. An der Tatsache, dass auch er auserwählt ist, kommt man als Leser dennoch nicht vorbei. Vielleicht hat er ja auch deshalb keine Angst vor dem Tod, zumindest nicht vor dem individuellen. Seine Angst gilt dem „kollektiven Tod“, dem Ende des Abendlands, das seiner Überzeugung nach in Europa unmittelbar bevorsteht. Der Gedanke befällt Vance immer dann, wenn er im Urlaub in Frankreich oder Großbritannien in einer verlassenen mittelalterlichen Kirche steht. Schließlich kommt eine neue Art der Todesangst dazu: „Death without Triumph“. Tod, ohne gesiegt zu haben. Offenbar gibt es für Vance keine andere Fortbewegungsform als das „Rattenrennen der Meritokratie“.
J. D. Vance: „Communion“. Finding My Way Back to Faith. Harper Collins, New York 2026. 304 S., geb., 37,37 €.

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