Brief aus Iran: „Ich stelle mir Teheran vor und mein Magen zieht sich zusammen“

vor 5 Stunden 1

Mein Lieber, heute ist der vierzehnte Tag des Frühlings. Hier hat es eine Woche lang geregnet. Der Boden der Farm ist voller kleiner Kamillen und roter Mohnblumen. Die Bäume treiben aus und stehen in Blüte. Seit ich beschlossen habe, nach Teheran zurückzukehren, waren N., mein Exfreund in Teheran, mein türkischer Freund O. und ich ununterbrochen damit beschäftigt, ein Zug- oder Busticket zu finden.

Vier Tage lang haben wir gesucht, bei der Bahn angerufen und nach der ersten Möglichkeit Ausschau gehalten. Die Webseiten funktionierten nicht, die Züge waren ausgebucht, die Busse hatten falsche Telefonnummern, und die Bahn antwortete nicht. Gestern hat N. es schließlich geschafft, von Iran aus ein Zugticket für mich zu besorgen. Jetzt muss ich zuerst nach Van fliegen und dann mit dem Zug etwa 30 Stunden bis nach Teheran fahren. S., der amerikanische Gast hier, muss auch in die USA zurück, um zur Abschlussfeier seines jüngeren Bruders zu kommen. Aber er hat kein Geld für den Flug. Schließlich gelingt es ihm mit Hilfe seiner Stiefmutter, das Geld für das Hinflugticket zusammenzubekommen.

Die Flugpreise werden höher und höher

D., seine bulgarische Frau, fragt ihn, wie er in die Türkei zurückkommen will. S. sagt, er werde arbeiten und Geld verdienen. D. fragt mit zitternder Stimme, ob er mit Straßenmusik Geld verdienen will. O. sagt, die Flugpreise würden wegen des Krieges und des steigenden Ölpreises noch höher werden, und wenn S. nicht jetzt schon den Hin- und den Rückflug bucht, müsse er vielleicht das Doppelte bezahlen.

D. steht auf und beginnt, sich mit dem Kneten von Brotteig abzulenken. Ich wünschte, ich könnte ihnen etwas Geld leihen, aber ich kann nicht. A. sagt mir, er werde ihm wahrscheinlich die Hälfte der Reisekosten schenken. Dieses junge Paar ist nach drei Jahren Ehe noch immer gefangen zwischen Visa und der großen Entfernung zwischen ihren Ländern, Bulgarien und Amerika. Gestern Morgen haben S. und ich für einen Moment einfach nur zugesehen: den Schafen beim Grasen und den Schwalben. Ein starker Wind wehte, gleichzeitig schien die Sonne, Wolken zogen, und die Schwalben flogen dicht über dem Boden zwischen den Schafen hindurch und schrien.

S. sagte, D. liebe die Schwalben. Ich weiß nicht, ob es in diesen Tagen noch Schwalben am Himmel von Teheran gibt. Auch meine Katze Mi. liebt es, ihnen vom Fenster aus zuzusehen. Ich sage zu S., dass heute in Iran der traditionelle Feiertag „Sizdah Bedar“ ist, der dreizehnte und letzte Tag der Nowruz-Feiertage, der Tag, an dem die Menschen hinaus in die Natur gehen, um das grüne Gras ins Wasser zu werfen. S. fragt mich, ob die Menschen dieses Jahr auch hinausgehen. Ich weiß es nicht. Dieses Jahr ist wie kein anderes. Er fragt mich, wie ich in Teheran unter Kriegs- und Sicherheitsbedingungen leben will, ohne Internet, ohne Verbindung zur Außenwelt. Ich sage, ich sei an Krieg und all das gewöhnt, ich lese, schreibe und sehe, was mit dem Leben geschieht.

Mein Magen zieht sich zusammen

In meinem Kopf stelle ich mir Teheran vor, und mein Magen zieht sich zusammen. Er sagt, er fasse es nicht, wie dieser Krieg die Welt durcheinandergebracht habe. Ich sage, wir Iraner hätten jahrelang mit Sanktionen in einem verborgenen Krieg gelebt. Jetzt könne die ganze Welt mit eigenen Augen Explosionen sehen, zerstörte Wände und Fenster. Aber kein Auge habe die Scham der Eltern gesehen, die Einsamkeit und den Schmerz der Kinder hinter diesen Wänden und vor allem die Trennungen.

Heute kehren alle nach Iran zurück, und es ist schwer für mich geworden, ein Rückticket zu finden, aber jahrelang war der einzige Traum in jeder Familie die Auswanderung. S. senkt den Kopf und wendet seine blauen Augen zur Seite. Er kann mir nie lange direkt in die Augen sehen. Ich frage ihn, ob er froh sei, in sein Land zurückzukehren. Wie immer beginnt er, mit seinen Haaren zu spielen, und sagt, er sei nicht froh, weil seine D. dort nicht bei ihm ist und weil seine Familie ständig Trump unterstützen will. Ich sage, meine Familie unterstütze auch das Regime. Wir lachen beide. Am Abend, nach dem Weiden der Schafe, setzen wir uns zu viert auf die grüne, nasse Erde der Farm; nach der persischen Tradition von „Sizdah Bedar“ wünscht sich jeder still etwas und knotet das grüne Gras. Danach werfen D. und ich es gemeinsam in den kleinen Wasserlauf, der an der Farm vorbeifließt.

Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin jede Woche einen Brief, in dem sie aus ihrem Leben von und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen von Mehrdad Zaeri.

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