Aufzeichnungen von Kaschnitz: Wenn der Geist tanzt

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Von 1941 bis zu ihrem Todesjahr 1974 hat Marie Luise Kaschnitz, geborene Freifrau von Holzing-Berstett, im Frankfurter Westend gewohnt. Neben dem geliebten Dorf Bollschweil im Badischen und der pulsierenden Weltstadt Rom ist Frankfurt der dritte geometrische Ort der Dichterin. Das blockartige Mietshaus in der Wiesenau 8 mit den „sechs Haustüren, sechs Treppenhäusern“ und „sechzig Balkonen“ lag fußläufig zur Forschungsstätte ihres österreichischen Mannes Guido Kaschnitz von Weinberg. Der lehrte von 1940 bis zur Pensionierung 1955 Klassische Archäologie an der Universität Frankfurt. An seinen beruflichen Stationen entlang orientierte sich, selbstverständlich, möchte man sagen, ihr Leben.

Auch nach seinem Tod 1958, einer tiefgreifenden Zäsur, hielt Kaschnitz an der Wiesenau fest, fortwährend in Angst vor einem Abriss des Hauses. In der creative destruction, wie die Ökonomen sagen, ahnt sie Gewalt: „Es gibt eine höhere Gewalt des Krieges, die kennen wir zur Genüge, aber auch eine Gewalt des Friedens, es ist die Gewalt der Zukunft.“ Diese Bedrohung der Nachkriegszeit, im Kleinen wie im Großen – „Rettet die Kastanien, und dabei sind schon längst ganz andere Gefahren in unseren Gesichtskreis getreten“ –, ist der Basso continuo von Kaschnitz’ nun erschienenen Aufzeichnungen, in denen sie die unter dem Fortschrittsdruck sich verändernde Großstadt Frankfurt beobachtet. Sie könnten aktueller nicht sein.

Im Grenzbereich zwischen Realität und Phantasie

Das Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“ bietet in diesem Jahr Marie Luise Kaschnitz, der ersten Frau, die den Georg-Büchner-Preis erhalten hat (1955), mit „Gott und die Welt – Aufzeichnungen aus der Wiesenau“ ein Forum zum 125. Geburtstag. Rainer Weiss hat die Anthologie zusammengestellt, die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig ein anmutiges Vorwort beigesteuert. Der Großteil der insgesamt 84 Kurztexte aus den Jahren 1966 und 1967 stammt aus ihrem Buch „Tage, Tage, Jahre“ von 1968 und folgt dessen chronologischer Ordnung. Ein Viertel der dazwischen eingestreuten kleineren Passagen ist dem 1973 im Insel-Verlag erschienenen Band „Orte“ entnommen, undatiert schon im Original, das ihr letztes Buch war.

 „Gott und die Welt“. Aufzeichnungen aus der Wiesenau.Marie Luise Kaschnitz: „Gott und die Welt“. Aufzeichnungen aus der Wiesenau.Edition W

Die Aufzeichnungen haben einen besonderen Bezug zum Leser. Das zeigt sich etwa in Kaschnitz’ mehrfach aufgerufenem „Fremdenführerspiel“ im Grenzbereich zwischen Realität und Phantasie. Vom literarischen Motiv der Zimmerreise unterscheidet es sich darin, dass es überschattet wird von einem möglichen „Letztmals“. Wie bei einer Exkursion zu den archäologischen Dingen ist es eine Erfahrung vergangener und vergehender Zeit. Nicht anders sind ihre Notate über das Altwerden ebenso nüchtern wie sensibel.

Zu der doppelten, beinahe dialektischen Bewegung zwischen außen und innen gehören auch anhaltende Schuldgefühle über den untätig hingenommenen Zivilisationsbruch der Deutschen. Das Attribut der „inneren Emigration“ – Kaschnitz’ Ehemann wurde vom Verdacht des Mitläufertums exkulpiert – schien ihr unpassend. Solch ein Etikett wollte sie für sich nicht gelten lassen.

Schon 1949 hatte sie vier Gedichte von Paul Celan in Dolf Sternbergers (von ihr aber mitverantworteten) Zeitschrift „Die Wandlung“ veröffentlicht. Als sie und Celan Anfang 1960 nach einer Lesung im Fischer Verlag zusammen speisen, geht ihr seine tiefe Traurigkeit zu Herzen. „Wenn man Paul Celan nur ansieht“, schreibt sie ihrer Tochter, „bleibt einem der Bissen im Hals stecken, und man geniert sich, daß man lebt.“ Im Aufzeichnungsspeicher des Tagebuchs wird die Scham dann zum Bild, zur Poiesis: „Celan traurig wie der einzige Überlebende der Gaskammern.“

Adorno war ein enger literarischer Vertrauter

Es wäre gut gewesen, solche Schlüsselszenen mit in diese Anthologie aufzunehmen, jedenfalls nicht grundsätzlich auf einen Kommentar zu verzichten – gerade, wenn explizit auch an Schülerinnen und Schüler gedacht ist und das Buch beitragen soll, eine in der Tat „wunderbare Autorin wieder oder neu zu entdecken“. Dem Herausgeber gehe es um Texte, heißt es etwas plakativ im Nachwort, die sich mit Frankfurt beschäftigen und mit den „politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen ab Mitte der 60er Jahre und dadurch – höchst persönlich – mit den Empfindungen einer Frau, die ihren Platz in einer sich verändernden Welt behauptete“.

Tatsächlich ist Kaschnitz damals, kurz vor der Studentenrevolte 1968, eine anerkannte Schriftstellerin, bestens vernetzt und im Gespräch mit vielen Künstlern und Intellektuellen. Nicht zuletzt mit dem Ehepaar Adorno, das um die Ecke wohnt. Adorno, der kritisch-bewunderte Mentor, hatte ihr zum Titel ihres Buches „Wohin denn ich“ (1963) verholfen und widmete ihr den Essay „Titel – Paraphrasen zu Lessing“, den er 1965 auch in seine „Noten zur Literatur“ aufnahm. Kaschnitz wiederum widmete ihm Reisegedichte und die kleine Erzählung „Das Kind“, die der Wiesenau-Band wiederabdruckt.

Geistig fühlte sie sich im Alter immer schwereloser

Die wenigsten Aufzeichnungen sind Geschichten. Mitgeteilt werden eher Situationen, die eine Gedankenreise in Gang setzen. Essayistische Miniaturen? Ja, auch. Viele der ein bis zwei Seiten umfassenden Kurztexte spielen ein „Wie-wäre-es-wenn“ durch. Andere sondieren das Alter einer Fünfundsechzigjährigen und „die Bestimmung der Kondition, des körperlichen und seelischen Zustands der Fähigkeiten, die man noch hat oder bereits nicht mehr hat“. Das klingt melancholisch und ungewöhnlich leichthändig zugleich. „Während der Körper bald einen Stock brauchen wird, fühlt sich der Geist immer schwereloser, möchte nicht nur tanzen, sondern tanzt. So wachsen sie auseinander, der Körper und die Seele, um dieses schöne altmodische Wort zu gebrauchen.“ In Schlaf und Traum hört die Trennung auf, und man „entfernt sich mit Lakenflügeln, Traumschritten, aus der Wirklichkeit, aus dem Tag“. Zauberworte übers Altwerden.

So ist das schöne Foto, mit dem Frankfurt sein Lesefest bewirbt, als Coverabbildung des Buches leider unangemessen. Es zeigt eben nicht die Kaschnitz als Instanz im Kulturbetrieb der Sechzigerjahre, die von der adligen Buchhändlerin ohne Abitur zum PEN- und Akademie-Mitglied avanciert war, mit Preisen überhäuft wurde und 1968 die Ehrendoktorwürde der Universität Frankfurt bekam. Das Porträt von ihr als junge Frau suggeriert die bohemienhafte Intellektuelle unmittelbar nach dem Krieg, wie sie da an einer Pfeife zieht und den Betrachter androgyn anlächelt. So wünscht sich das der Markt.

Wie hätte die erklärte Nichtfeministin Kaschnitz diesen Etikettenschwindel kommentiert? Vielleicht so, wie sie die gesellschaftliche Haltung dem Witwenstand gegenüber empfand: als demütigend! Dabei ist ihr mit den kleinen Texten im Modus der Bescheidenheit großartige Literatur gelungen. Überall habe sie nur versucht, sagte Kaschnitz schon in ihrer Büchnerpreis-Rede, „den Blick des Lesers auf das Bedeutsame zu lenken, auf die wunderbaren Möglichkeiten und die tödlichen Gefahren des Menschen und auf die bestürzende Fülle der Welt“. Lesen wir also dieses Buch, und das nicht nur in Frankfurt. Wir können Marie Luise Kaschnitz’ Blick und Aufrichtigkeit vertrauen.

Marie Luise Kaschnitz: „Gott und die Welt“. Aufzeichnungen aus der Wiesenau. Hrsg. von Rainer Weiss, Vorwort von Ina Hartwig. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2026. 171 S., geb., 22,– €.

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