Im Mittelmeer breitet sich eine aggressive Kugelfischart aus. Jetzt warnt sogar das Rote Kreuz Badeurlauber vor Angriffen. Die Experten sehen eine besorgniserregende Veränderung im Jagdverhalten der Allesfresser, die sogar Dosen durchbeißen.
Nach einer wachsenden Zahl von Zwischenfällen an griechischen Badestränden hat das Griechische Rote Kreuz erstmals offizielle Erste-Hilfe-Anweisungen für Bisse des Hasenkopf-Kugelfisches (Lagocephalus sceleratus) herausgegeben. Die ursprünglich aus dem Indischen und Pazifischen Ozean stammende, hochgiftige Art breitet sich seit Jahren im östlichen Mittelmeer aus. Inzwischen ist sie auch in flachem Wasser beliebter Urlaubsregionen anzutreffen.
Mit seinem kräftigen, schnabelartigen Gebiss kann der Fisch tiefe Fleischwunden verursachen. Fischer berichten davon, dass die Tiere ganze Angelköder von der Leine ab- und sogar Aluminiumdosen mit Leichtigkeit durchbeißen können.
Zwar ist der Biss des Fisches nicht giftig, wohl aber sein Fleisch. Es enthält das Nervengift Tetrodotoxin, das sich im ganzen Körper des Tieres verteilen kann und bereits in geringen Mengen tödlich wirkt. Auch andere marine Tiere wie der Blaugeringelte Kraken produzieren das Gift. Der Verzehr gilt daher als absolut lebensgefährlich.
Für den Fall eines Bisses empfiehlt das Rote Kreuz, die Wunde sofort mit reichlich fließendem Wasser und Seife zu reinigen. Auf keinen Fall sollten jedoch eigenständig Antiseptika ohne ärztliche Anweisung angewendet werden. Anschließend solle mit sauberen Tüchern starker, gleichmäßiger Druck auf die Wunde ausgeübt und die betroffene Extremität hochgelagert werden, um die Blutung zu stillen.
Ein Arztbesuch sei in jedem Fall notwendig, auch um den Tetanusschutz zu prüfen und tiefe Schnitte chirurgisch zu versorgen. Bei starken, anhaltenden Blutungen oder Vorfällen in abgelegenen Gebieten solle umgehend der Rettungsdienst über die griechische Notrufnummer 166 oder den europäischen Notruf 112 alarmiert werden.
Vor allem die Verhaltensänderungen der Tiere bereiten den Behörden in jüngerer Zeit Sorgen. Seit ihrem ersten verstärkten Auftreten in griechischen Gewässern im Jahr 2013 haben sich die Kugelfische von Kreta über die Dodekanes bis an die Küste von Attika ausgebreitet, darunter an stark frequentierte Strände wie Saronida, Kavouri, Voula, Vari und Vouliagmeni.
Kugelfisch-Plage in Griechenland
Berichten zufolge attackieren die teils nur in 20 Zentimetern Wassertiefe schwimmenden Fische Badegäste. Die Verletzungen reichen von Bisswunden an den Beinen bis zu Attacken im Gesäß- und Genitalbereich. Meeresbiologen führen das aggressive, zunehmend in Rudeln auftretende Fressverhalten der Tiere auch auf das Fehlen natürlicher Feinde zurück.
Neben der Gefahr für Badegäste verursacht der Allesfresser auch erhebliche Schäden in der Küstenfischerei. Er ernährt sich unter anderem von Garnelen, Krabben, Tintenfischen und kommerziell wertvollen Speisefischen wie Meerbrassen, zerreißt zudem Netze und frisst Köder samt Angelhaken.
Nach Schätzungen des Griechischen Zentrums für Meeresforschung entsteht Fischern dadurch ein durchschnittlicher Verlust von mehr als 6000 Euro pro Jahr.
Erste Gegenmaßnahmen sind bereits im Gang. Das griechische Landwirtschaftsministerium erwägt ein Kopfgeld von sechs Euro pro Kilogramm gefangenem Kugelfisch. Auf Kreta, dem Dodekanes und in Zypern werden bereits 4,80 Euro gezahlt. Auch die Türkei unterstützt den gezielten Fang finanziell.
Die Meeresbiologin Anastasia Miliou vom Institut „Archipelagos“ sieht in der Kugelfisch-Plage jedoch nur das Symptom einer grundlegenderen Krise. Gegenüber dem Nachrichtenportal grland.com/de betonte sie, das Ökosystem der Ägäis verändere sich nach drei Jahrtausenden relativer Stabilität derzeit massiv – begünstigt durch die Vertiefung des Suezkanals, unkontrolliert abgelassenes Ballastwasser von Frachtschiffen und vor allem durch jahrzehntelange Überfischung.
Natürliche Feinde des Kugelfisches, darunter Unechte Karettschildkröten, Schwertfische, Haie und Goldmakrelen, seien drastisch reduziert. Miliou plädiert deshalb dafür, Fischer auch dann finanziell zu entschädigen, wenn sie ihre Fangtätigkeit zeitweise einstellen. Nur so könnten sich Bestände der natürlichen Räuber wieder erholen und sich das Ökosystem nachhaltig selbst regulieren.
In der japanischen Küche gelten Kugelfische – von denen es 20 verzehrbare Arten gibt – unter der Bezeichnung Fugu tatsächlich als besonders köstliche und gefährliche Delikatesse. Nur lizenzierten Köchen, die teils Jahre in der Ausbildung verbringen, ist es gestattet, die Eierstöcke und die Leber der Fische zu entfernen, wo sich das meiste Gift sammelt. Das fettarme und feste Fleisch wird anschließend als hauchdünne Scheiben, als Eintopf oder frittiert serviert, oftmals in spezialisierten Restaurants.
Das Gift wird auch durch die Hitze des Kochens nicht zerstört. Wegen des extrem hohen Risikos wird Anglern und Amateuren dringend von dem Versuch abgeraten, den Fisch selbst zuzubereiten. In besonders stark von dem Fisch betroffenen Ländern wie Griechenland, der Türkei und Zypern sind der Fang und die Vermarktung gesetzlich strengstens verboten.

vor 5 Stunden
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