In einem Storchennest bei Hannover spielt sich ein grausiges Naturschauspiel ab. Über zwei Tage plündert ein Gänsegeier das Nest, in dem auch Jungtiere sitzen. Ornithologen sprechen von einer „außergewöhnlichen Attacke“.
Ein Gänsegeier hat in der Region Hannover ein Storchennest attackiert, die Elterntiere vertrieben und die Jungstörche gefressen. „Die beiden großen Störche haben versucht, es zu verhindern, hatten aber keine Chance“, berichtet Sabine Kleinert, auf deren Hof das Storchennest steht. „Wir waren todunglücklich.“
Normalerweise würden sich die Gänsegeier von Aas ernähren, teilt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) mit. „Diese Attacke ist absolut außergewöhnlich“, sagt Nabu-Pressesprecher Helge May. „Dieser Geier hatte wohl großen Hunger“, schätzt May ein. Aus Frankreich wird gerade von einem ähnlichen Fall berichtet, bei dem ein Gänsegeier den fast flüggen Storchennachwuchs aus einem Nest erbeutet hat.
In dem kleinen Dorf Klein Lobke, einem Ortsteil von Sehnde, verweilt der Gänsegeier für knapp 48 Stunden. Rund ein Dutzend Ornithologen und Naturfotografen reisen umgehend an: „Wann sieht man hier schon mal einen Gänsegeier? Das war eine Attraktion“, sagt Sabine Kleinert.
Einige Vogelexperten vor Ort vermuteten, das Nest sei schon aufgegeben gewesen und die Jungstörche seien bereits tot gewesen. Dem widerspricht Kleinert klar: „Die Weißstörche haben ihren Nachwuchs bis zuletzt versorgt. Und dann kam der Geier.“
Nach Angaben des Nabu kreisen immer mehr Geier über Deutschland. Nach einzelnen Sichtungen im April und Mai seien jetzt mehr als ein Dutzend der Greifvögel eingeflogen. Aktuell gab es Sichtungen im Karwendelgebirge, am Ammersee in Bayern, am hessischen Edersee, bei Stuttgart und eben auch in der Region Hannover. Höchstwahrscheinlich stammten die Geier aus Spanien oder Frankreich, teilte der Nabu mit. Die Greifvögel seien hier lediglich auf Nahrungssuche und nicht auf der Suche nach neuen Revieren.
Viele der Hobbyfotografen bekommen erstmals einen Gänsegeier in Niedersachsen vor die Linse. „Ein tolles Erlebnis“, schwärmt Fotograf Lutz Petersen, der lange mit Kamera und Teleobjektiv am Nest wartet, um den Abflug des Geiers zu fotografieren.
Pro Tag legen Gänsegeier nach Expertenangaben 300 bis 400 Kilometer zurück und sind mit bis zu 2,60 Meter Flügelspannweite größer als Steinadler. Nach fünf Stunden Warterei gelingen Lutz Petersen die gewünschten Bilder: „Das hat sich gelohnt. Endlich das Foto im Kasten.“
Kaum hat der Gänsegeier den Abflug gemacht, klappert es wieder auf dem Storchennest. Die beiden Weißstörche sind umgehend auf ihren Horst zurückgekehrt. „Wir freuen uns mega. Die sitzen da oben wieder, als wäre nichts gewesen.“ Sabine Kleinert hofft jetzt auf neuen Storchennachwuchs im kommenden Jahr – und darauf, dass der Gänsegeier nie mehr den Weg nach Klein Lobke findet.
rc mit dpa

vor 11 Stunden
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