Bayreuther Festspiele: Michel Friedman ist verärgert über Bayreuth

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Das hätte man sich vorher überlegen müssen: Da wurde im September 2025 ein Sonderkonzert zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele für den Vormittag des 26. Juli geplant, bei dem Christian Thielemann Wagners „Siegfried-Idyll“ hätte dirigieren und der Publizist Michel Friedman Wagners Antisemitismus und dessen Folgen in einer Rede thematisieren sollen. Und nun ist dieses Konzert abgesagt worden. Wegen Sicherheitsbedenken. Zweimal an einem Tag kurz hintereinander die höchste Sicherheitsstufe zu gewährleisten, nämlich einmal wegen Friedmans Auftritt, dann für die politische Prominenz zur Eröffnungspremiere von Wagners „Rienzi“, sei für die Polizeikräfte nicht möglich.

Hans-Dieter Sense, der Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele, sagt im Gespräch mit der F.A.Z., bei der jährlichen Sitzung mit den Sicherheitsorganen zur Einstufung der Gefahrenlage sei diese höher als in den Vorjahren eingeschätzt worden. Würde es zu einem sicherheitsrelevanten Vorfall bei Friedmans Vortrag kommen, wäre die Premiere am Nachmittag nicht mehr durchführbar.

Friedman war in die Sicherheitsvorbehalte nicht einbezogen

Dieser Sicherheitsvorbehalt sei, so Sense, auch der Grund dafür, dass dieses Konzert bislang nirgends öffentlich angekündigt war und auch keinerlei Karten dafür angeboten wurden. Wegen der Absage ist Friedman, dem man diese Vorbehalte tatsächlich nicht mitgeteilt hatte, so verärgert, dass er das Internum offensichtlich an die „Süddeutsche Zeitung“ weitergab, die auch ein Interview mit dem früheren stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland veröffentlichte.

Friedman instrumentiert nun seine Verärgerung freilich schrillstmöglich: „Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen abzusagen, ist in einer Demokratie der Tod durch Selbstmord“, behauptet er und greift auch die Bayreuther Festspiele direkt an: „Die Ernsthaftigkeit, sich mit dem Antisemiten Wagner auseinanderzusetzen, ist durch diese Absage ad absurdum geführt“.

Jahrzehntelang gegen die Teilnahme in Bayreuth

Die Ernsthaftigkeit dieses rhetorischen Tremolos desavouriert Friedman im gleichen Interview selbst: „Ich habe mich jahrzehntelang dagegen entschieden, an der ganzen Sache in Bayreuth teilzunehmen.“ Doch wäre Friedman in den letzten Jahren nach Bayreuth gekommen, hätte er sehen können, wie ernsthaft man sich dort diesem Thema stellte: im Richard-Wagner-Museum, das den Antisemitismus Wagners so deutlich benennt, dass amerikanische Wagner-Fans, die davon bislang nichts wussten, häufig Weinkrämpfe nach dem Besuch bekommen; in der Ausstellung „Verstummte Stimmen“, die im Garten vor dem Festspielhaus seit 2015 an verfolgte und ermordete jüdische Mitwirkende der Bayreuther Festspiele erinnert; in Barrie Koskys Inszenierung von Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“, die gedankenklar die Linie von Wagners Haus Wahnfried zum Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg, vom diskriminatorischen Salon-Antisemitismus zum industriell betriebenen eliminatorischen Antisemitismus der Nazis zog. Was Bayreuth wissenschaftlich, künstlerisch und publikumspädagogisch in den letzten Jahren zu diesem Thema geleistet hat, tut Friedman damit als unernst ab. Ernsthaftigkeit – dafür steht, nach seinen Begriffen, nur er selbst.

Friedmans Verärgerung ist berechtigt, seine grundsätzlichen Verdächtigungen sind es nicht. Polizeieinsätze sind teuer, Personal ist knapp. Die Stadt Bayreuth, die einen Teil der Kosten mittragen müsste, ist finanziell so klamm, dass sie erst vor wenigen Wochen ihr eigenes städtisches Begleitfestival zum Jubiläum „150 Jahre Bayreuther Festspiele“ komplett streichen musste. Doch das alles hätte man vorher bedenken und Friedman in diese Bedenken einbeziehen müssen.

Die Festspielleiterin Katharina Wagner teilte mit, dass die Veranstaltung, deren Erlöse ursprünglich als Benefiz an junge israelische Musiker gehen sollten, nicht aufgehoben, sondern nur verschoben sei. Man wolle sie im August nachholen. Sehr gern mit Michel Friedman. Ob aber er dann noch dazu bereit sein wird?  Zum Zusammenhang von Antisemitismus und Musikkultur hätte freilich auch Michael Wolffsohn Bedenkenswertes zu sagen, ebenso Jascha Nemtsov, der in dieser Zeitung bereits die Öffnung Bayreuths für die Musik des von Wagner gehassten Juden Giacomo Meyerbeer gefordert hatte. An klugen Personen, die für den Ernst einer Sache stehen, mangelt es in diesem Land jedenfalls nicht.

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