Avantgardistin Marie Vassilieff: Die Unkonventionelle vom Montparnasse

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Marie Vassilieff gehört zu den Künstlerinnen, die erst in den vergangenen Jahrzehnten allmählich wiederentdeckt wurden. Beim Pariser Bahnhof Montparnasse lässt sich immerhin eine konkrete Spur von ihr finden, denn an der Avenue du Maine 21 führt eine idyllisch begrünte Gasse, die mit „Villa Marie-Vassilieff“ ihren Namen trägt, zu einer Reihe von Hinterhofhäusern. Dort hatte die vielseitige Russin, die 1884 in Smolensk geboren wurde und 1905 von Sankt Petersburg in die französische Kapitale kam, einst ihr Atelier – und begründete kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine Malerakademie, in der sich die Avantgarde vom Montparnasse traf.

Ihr Atelier war Treffpunkt der Avantgarde

Im Künstler-Paris des frühen zwanzigsten Jahrhunderts war Marie Vassilieff eine gesellige und unkonventionelle Protagonistin. Nach ihrem Studium an der Petersburger Kunsthochschule hatte sie an der privaten „Académie“ von Henri Matisse gelernt, wandte sich jedoch bald dem Kubismus zu, zeichnete, malte, schuf aber auch Skulpturen, Keramik, Bühnendekors, Kostüme sowie phantasievolle Porträtpuppen, die ihre Künstlerfreunde oder sie selbst darstellten und zu begehrten Fetischen wurden.

 Marie Vassilieff, „Moderne Salomé“, 1931, Höhe 155,7 Zentimeter, Taxe 80.000 bis 120.000 EuroTeil eines Diptychons: Marie Vassilieff, „Moderne Salomé“, 1931, Höhe 155,7 Zentimeter, Taxe 80.000 bis 120.000 EuroRouillac

Während des Ersten Weltkriegs, als viele der aus aller Welt nach Paris gekommenen Kunstschaffenden buchstäblich am Hungertuch nagten, eröffnete Marie Vassilieff in ihrem Atelierhaus eine Kantine. Für ein paar Sous gab es ein warmes Gericht, sodass sich die Adresse als Treffpunkt während der nächtlichen Ausgangssperren etablierte. Pablo Picasso, Marc Chagall, Georges Braque und Henri Matisse, Amedeo Modigliani, Jean Cocteau, Tsuguharu Foujita oder die spanische Malerin María Blanchard kamen regelmäßig zum Essen, Trinken, Diskutieren und Malen.

Heute hat im ehemaligen Atelierhaus von Marie Vassilieff die internationale Vereinigung AWARE – Archives of Women Artists, Research and Exhibitions, die weibliche Künstler des vergangenen Jahrhunderts in den Vordergrund stellt, ihren symbolträchtigen Sitz.

Am 8. Juni kommt im Château de Villandry bei Tours, vom Auktionshaus Rouillac organisiert, ein einzigartiges Ensemble von Werken Marie Vassilieffs zur Versteigerung. Die Sammlung ist Claude Bernès zu verdanken, der die 1957 in Paris gestorbene russische Künstlerin in den Siebzigerjahren entdeckte. Der Versicherungsangestellte war derart von ihrem vielgestaltigen Werk und ihrer kreativen, extravaganten, aber auch zur Mystik neigenden Persönlichkeit fasziniert, dass er über fast fünfzig Jahre hinweg seine freie Zeit der Recherche widmete, eine Sammlung und ein Archiv zusammentrug.

 Marie Vassilieffs Gouache-Zeichnung „Le Banquet Braque“ aus dem Jahr 1917, Taxe 15.000 bis 20.000 EuroKunstgeschichte: Marie Vassilieffs Gouache-Zeichnung „Le Banquet Braque“ aus dem Jahr 1917, Taxe 15.000 bis 20.000 EuroRouillac

„Man nennt mich den amoureux transi, den schwärmerischen Verehrer von Marie Vassilieff“, bekannte Bernès selbstironisch kurz vor seinem Tod 2025. Die Versteigerung dieser methodisch aufgebauten Sammlung eines Kenners, die den gesamten Werdegang Vassilieffs nachzeichnet, wird zweifellos einen Meilenstein setzen in der Rezeption und Preisentwicklung ihres Werks.

Die Taxen beginnen bei 500 Euro für die kubistischen Zeichnungen der jungen Künstlerin und bei 200 Euro für Fotografien Pierre Delbos von ihren berühmten Porträtpuppen, etwa Blaise Cendrars oder dem Modeschöpfer Paul Poiret nachempfunden. Für Letzteren entwarf Marie Vassilieff einen Parfümflakon.

Ein Festmahl für den kriegsversehrten Bracque

Unter den 144 Losen finden sich darüber hinaus Hauptwerke wie die beiden großen Gemälde „Moderne Salomé“ und „Ève, portrait de Juliette Germain“, die mit androgynen Figuren und einer vieldeutigen Symbolik als Diptychon 1931 und 1933 entstanden. Die Taxe beträgt je 80.000 bis 120 000 Euro. Ein weiteres Hauptwerk ist das „Autoportrait à la poupée-portrait“ von 1929. Marie Vassilieff stellt sich in diesem zweifachen Selbstbildnis mit erhobenen Händen als Orantin und mit ihrer Porträtpuppe dar (Taxe 50.000 bis 80.000 Euro).

Die Gouache „Le Banquet Braque“ zeigt geradezu Kunstgeschichte: Es stellt ein Bankett dar, das am 14. Januar 1917 für den kriegsversehrten Braque gegeben wurde. Alle sitzen bei Marie Vassilieff am Kantinentisch: Marie schwingt das Messer, Matisse hält den Truthahn, und zwischen Picasso, Léger und Max Jacob sitzt Braque mit einem Lorbeerkranz (15.000/20.000).

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