Ausgesetzte Rote Karte: Trumps Erfolg hat Niederlage des US-Teams befördert

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Genugtuung nennt man das Gefühl, das die Belgier nach ihrem 4:1-Triumph im Achtelfinale der Fußball-WM über die USA empfunden haben. Wer will es ihnen verdenken? Auch, dass sie ihren Sieg jetzt so richtig auskosten? Ihrer Freude haben sie mit einer Botschaft in Richtung von Donald Trump Ausdruck verliehen: „Overcome this“ („Überwinde das“), wohl kaum zufällig versehen mit einem Bild des schwarzen Stürmer-Hünen Romelu Lukaku, wie er nach dem Treffer zum Endstand jubelnd abdreht. Und auch sonst mangelt es im Netz nicht an hämischen Kommentaren in Richtung des Gastgebers, der nun doppelt blamiert dasteht. Während dieses Spiels war die ganze Welt außerhalb der Vereinigten Staaten Belgien-Fan.

F.A.Z.

Viele von denen, die sich über die Begnadigung von US-Stürmer Folarin Balogun echauffiert haben, müssen sich allerdings die Frage gefallen lassen, warum sie geschwiegen haben, als Cristiano Ronaldo von der FIFA begnadigt wurde. Ronaldo hätte das erste Gruppenspiel der Portugiesen verpassen müssen, nachdem er im letzten Qualifikationsspiel mit Rot vom Platz geflogen war. Mit der Begründung, es sei seine erste Rote Karte gewesen, setzte die FIFA die Sperre in Teilen zur Bewährung aus. Man darf unterstellen, dass es allein darum ging, die Einsatzzeit eines der bekanntesten Spieler auf dem Planeten während des Turniers nicht zu verkürzen.

Die Pointe dabei: Für Portugal war das sicherlich nicht von Vorteil. Hätte das Team zum Auftakt ohne seinen alternden Überspieler zeigen können, wozu es fähig ist, hätte sich Trainer Roberto Martínez womöglich leichter getan, Ronaldo anschließend nur als Teilzeitkraft zu beschäftigen. Stattdessen war er von Beginn an gesetzt und verlangsamte das Spiel seiner Mannschaft, so auch im Achtelfinale gegen Spanien. Der geniale Dribbler Bernardo Silva strahlte in den wenigen Minuten, die ihm auf dem Platz vergönnt waren, wesentlich mehr Torgefahr aus als der einstige Weltfußballer im gesamten Spiel, sogar als Kopfballspieler.

Ein Narziss kann kein Psychologe sein

Auch im Fall der USA deutet viel darauf hin, dass die ausgesetzte Rote Karte dem vermeintlich Begünstigten zum Schaden gereichte. Balogun, dem die Sache unangenehm war, spielte gehemmt; die Vorbereitung auf das Spiel wurde durch die Notwendigkeit zu Rechtfertigungen angesichts globaler Empörung gestört, während der Gegner Belgien jene Portion Extramotivation erhielt, die das Team offenbar braucht, um sein Leistungspotential auszuschöpfen. Zwei krasse Abwehrfehler der US-Boys, die zu Gegentreffern führten, sprechen für ein gestörtes Konzentrationsvermögen.

Womöglich haben die Sensibleren unter den Amerikanern sogar geahnt, dass ihnen die plumpe Intervention ihres Präsidenten zum Nachteil ausschlagen könnte. Für Trump, das liegt in seinem Wesen, und das setzt der Wirksamkeit seines Tuns Grenzen, ist eine Intervention nur dann interessant, wenn die Welt von ihr erfährt, damit sie die Größe seiner Macht ermessen kann. Dass er damit seine eigenen Ziele konterkariert, ist für ihn nachrangig, wie schon der Krieg gegen Iran gezeigt hat. Ein Narziss kann kein Psychologe sein. Sein Kumpel Infantino ist da subtiler unterwegs, er bezieht Befriedigung auch aus der verdeckten Einflussnahme.

Was das alles bedeutet? Der Fußball, das ist die Lehre dieses Spiels, ist widerstandsfähiger, als viele denken. Diejenigen, die schon das Ende des Sports an die Wand gemalt haben, sollten die Kirche im Dorf lassen. Der Fußball hat in seiner Geschichte weit größere Skandale überstanden als eine ausgesetzte Rote Karte. Wer dieses komplizierte Spiel wirklich manipulieren möchte, muss zu gravierenderen Maßnahmen greifen. Nicht ausgeschlossen, dass sich der skrupellose Infantino eines Tages dazu verstehen könnte. Man wird nun noch genauer hinschauen müssen. Trump ist jedenfalls gescheitert – wieder einmal.

In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.

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