Arnold Esch 90: Und altes Leben blüht aus den Ruinen

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„Man weiß bei Pius immer genau, wo man ist – und das lässt sich wahrhaftig nicht von allen Humanisten sagen.“ So liest man es bei Arnold Esch in einem der Aufsätze seines Buches „Historische Landschaften Italiens. Wanderungen zwischen Venedig und Syrakus“ aus dem Jahr 2018 über den zweiten Papst des Namens, mit dessen Annahme der Träger eine Frömmigkeit verspricht, die ihm von Amts wegen doch ohnehin obliegen sollte. Pius II., bürgerlich Enea Silvio Piccolomini, saß von 1458 bis 1464 auf dem Stuhl Petri und blieb dort nicht untätig sitzen, sondern unternahm regelmäßig Reisen in die nähere und fernere Umgebung von Rom.

Der Satz, mit dem Esch die Reisetätigkeit dieses Papstes resümiert, ist charakteristisch für die Auffassungsgabe und den Mitteilungsstil des Verfassers. Esch schreibt immer bündig. Hier bietet er zunächst eine Information, deren Gehalt er dem Leser vorher mit einer abwechslungsreichen Reihe von Belegen demonstriert hat, und sodann im zweiten Halbsatz hinter dem Gedankenstrich eine verallgemeinernde Pointe, die im Kontrast die Charakterisierung des Gegenstands bekräftigt, aber die Betrachtung zugleich weiterführt.

Korrektur statt Widerlegung

Die quellengestützte Feststellung des Historikers verwandelt sich in einen Aphorismus, und die durchaus schematische Generalisierung funktioniert wie ein in ein Gemälde hineingemalter Fensterrahmen, durch den man auf eine weite historische Landschaft hinauszublicken meint. Dort verteilen sich scharenweise Humanisten, die für die Verwirklichung ihrer gelehrten Vorhaben vor allem Sitzfleisch benötigen. Diese den Bischöfen abgeschaute Ortsfestigkeit bewirkt, dass man sie und ihre Standpunkte jedenfalls aus der Ferne nicht leicht auseinanderhalten kann.

Das wichtigste Material humanistischer, das heißt an antiken Vorbildern orientierter Textproduktion waren Topoi, also Gemeinplätze oder vertraute, zum Hin- und Herwenden bestimmte Gesichtspunkte. Humanisten stehen in dem Ruf, dass bei ihnen Leseeindrücke das mit eigenen Augen gewonnene Wissen überlagern und das Bemühen um die elegante Form eine Verallgemeinerung hervorbringt, die mit Bestimmtheitsverlusten erkauft ist. Esch widerlegt in seinem Aufsatz diese Vorstellung von Humanisten nicht, sondern korrigiert sie für den ebenso speziellen wie zentralen Fall von Pius II.

 Arnold Esch widmete der Via Appia nach seinem Buch „Römische Straßen in ihrer Landschaft. Das Nachleben antiker Straßen um Rom. Mit Hinweisen zur Begehung im Gelände“ von 1997 etliche weitere Studien. Hannes HintermeierDer Pfeil weist geradeaus: Arnold Esch widmete der Via Appia nach seinem Buch „Römische Straßen in ihrer Landschaft. Das Nachleben antiker Straßen um Rom. Mit Hinweisen zur Begehung im Gelände“ von 1997 etliche weitere Studien. Hannes Hintermeier

Dieser Papst, der bei seiner Wahl unter den Humanistenkollegen in ähnlicher Weise herausragte wie Benedikt XVI. im Fach der Theologen, hinterließ Memoiren, die unter dem cäsarischen Titel von „Commentarii“ publiziert wurden, und die moderne wissenschaftliche Kommentarliteratur nahm wie selbstverständlich an, dass die Landschaftserlebnisse, die dort als Nebenprodukte der Reisegeschäftstätigkeit geschildert werden, hauptsächlich Nachbildungen schöner Stellen bei klassischen Autoren seien. Esch weist nach, dass das ein Vorurteil ist, indem er die Gegenprobe in den Akten macht: Reisekostenabrechnungen sind nach einem halben Jahrtausend Aufbewahrung im Archiv plötzlich noch einmal nützlich, wenn sie beweisen, dass der mobile Pontifex und sein Gefolge an einem bestimmten Tag einen bestimmten Ort betreten und nicht nur von weitem gesehen haben.

Es gibt auch Augenzeugenberichte von Mitreisenden in Briefform. An den zur Zeit der Publikation von Eschs Buch amtierenden Nachfolger von Pius II., der sich mit der Wahl seines vorher in der Papstliste nicht vertretenen Namens der öffentlichen Armut weihte, wird man erinnert, wenn Esch nach diesen Zeugnissen „die demonstrative Natürlichkeit des Papstes“ beschreibt, „der unversehens unter einer schönen Baumgruppe und notfalls in einem schmierigen Pferdestall Sitzung mit den Kardinälen halten will und so die unvorbereiteten Gastgeber und die Höflinge in Verlegenheit bringt“. Der Ausflug nach Subiaco am 16. September 1461 ist bis heute sogar vor Ort dokumentiert, in Gestalt eines Graffitos nach dem Muster „Kilroy was here“: „fuit hic papa pius“. Drei Beispiele bietet Esch aus den Memoiren für Beschreibungen von Ausblicken aus Fenstern – wie in der Malerei, bei Antonello da Messina und Giovanni Bellini.

Der Taufstein der Taufkirche („pieve“) von Corsignano, wo sowohl Pius II. als auch sein Neffe Pius III. die Taufe empfingenDer Taufstein der Taufkirche („pieve“) von Corsignano, wo sowohl Pius II. als auch sein Neffe Pius III. die Taufe empfingenWikimedia Commons

So gibt er den Anstoß, darüber nachzudenken, ob in der Rezeptions- und Motivgeschichte, einem der produktivsten Geschäftsfelder der Kulturwissenschaften, vielleicht allgemein das Abgeschriebene und Abgeleitete gegenüber der Anschauung und der Entdeckung überschätzt wird. Als bloßes wissenschaftskritisches Aperçu wäre ein solcher Gedanke unfruchtbar, auch wenn ein hochgeehrter Großorganisator langfristiger Forschung wie der langjährige Direktor des Deutschen Historischen Instituts Rom ihn vorbringt. Arnold Esch vollzog und wiederholte daher nicht nur in seinen Texten, sondern auch in seiner Forschungspraxis den Schritt von den Topoi zu den authentischen Orten. In Italien geht er vor wie nach seiner Beschreibung der Kaufmann Cyriacus aus Ancona, ein Zeitgenosse von Pius II., in Griechenland: Er „transkribiert Inschriften unter Gestrüpp, läuft vereinsamte Stadtmauern im Gelände ab und zeichnet ihren Steinschnitt, notiert Spolien an Bauernhäusern und an den kleinen Kastellen“.

Schon als Schüler in Westfalen lief Esch, wie er vor zwei Jahren in seinem Beitrag zu dem von Christof Dipper und Heinz Duchhardt zusammengetragenen Sammelwerk zur Geschichtswissenschaft in Selbstdarstellungen  erzählte, „tagelang den Limes entlang durch die Wälder“, und auf eine noch tiefere Schicht seines Interesses an verfallen erhaltenen Bauwerken deuten Nebenbemerkungen in seinen topographischen Untersuchungen über Streifzüge in einer vom Krieg zerstörten Kindheitswelt. Ferdinand Gregorovius, der in der Ära Esch am DHI zur Ehre eines Hausheiligen erhoben wurde, lobt er dafür, am Kolosseum außer der Konstruktion „auch die Ruinenflora beachtet“ zu haben. Die „ruderal vegetation“, auf die Esch auch in seinem Aufsatz „Die Stadtlandschaft des mittelalterlichen Rom. Wandel und Auflösung des Siedlungsgewebes innerhalb der antiken Stadtmauern“ eingeht, fasziniert die heutige Urbanistik als Grenzmarkierung der Allmacht des Planungswillens.

Auch Gregorovius nimmt Esch gegen den von fachwissenschaftlichen Kritikern geäußerten Verdacht der Übermalung des durch Autopsie Verbürgten mit literarischen Assoziationen in Schutz. Der Longseller „Wanderjahre in Italien“, für Esch „nicht bloß gewusste Geschichte“, sondern „innige Durchdringung von Anschauung und historischer Reflexion“, ging aus Artikeln hervor, die Gregorovius von 1853 an in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ publizierte, die laut Esch „damals sozusagen die ,Frankfurter Allgemeine‘“ war. Der Vergleich ist höchst ehrenvoll für diese Zeitung, die Esch jahrzehntelang mit den Berichten über seine römischen und außerrömischen Wanderungen belieferte. Gesammelt wurden sie in mehreren Bänden im Verlag C. H. Beck. Man weiß bei Arnold Esch immer genau, wo man ist – und woran man ist. Heute begeht er seinen neunzigsten Geburtstag.

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