Country-Punk ist an und für sich ein Ding der Unmöglichkeit, ein hölzernes Eisen. Wie ließen sich – musikalisch – strukturelle Klarheit und rücksichtslose Raserei, wie – mentalitätsmäßig – Genügsam- sowie Beschaulichkeit und Aufruhr unter einen Cowboyhut bringen? Nun, das liegt auf dem flachen Plattenteller: Hank Williams persönlich war ja in gewisser Weise schon so etwas wie ein Punker, der erste sogar, sofern „Punk“ den Ausdruck eigener, tiefster Verzweiflung über alles Mögliche, zumal über die Gesellschaft, um den Williams sich sein kurzes Leben lang mit jeder Note und selbst oder gerade im Jodeln noch bemühte, nicht nur erlaubt, sondern geradezu fordert. Brückenbauerisch tätig war in den späten Siebzigern sicherlich der Outlaw-Country, zumal in Gestalt der big four Johnny Cash, Willie Nelson, Waylon Jennings, Kris Kristofferson.
In jener Zeit bildete sich das Genre heraus und wurde auch bald als solches gehört. Unter den doch beachtlich vielen, mit Ausnahme der Mekons (aus Leeds) durchweg amerikanischen Bands, denen der Nihilismus manchmal schon am Namen abzulesen war (The Dead Milkmen, Blood On The Saddle, Slobberbone), kamen die Mekons, die Knitters, Green On Red und Jeff Tweedys Uncle Tupelo dem Mainstream wohl am nächsten und wurden ganz allgemein auch unter „Alternative Rock“ gehandelt, denn Rock ’n’ Roll ist immer noch der kleinste gemeinsame Nenner. Ihnen nachgewachsen sind, beispielsweise, The Gaslight Anthem, Lucero, Ha Ha Tonka und, wohl die besten unter den Jüngeren, Elliott Brood.
Acht Platten in 48 Jahren – das ist nicht sehr viel
Einige Pioniere sind aber noch im Geschäft, zum Glück auch Social Distortion aus Kalifornien, das stilistischen Wagemut besonders zu begünstigen scheint und das man deswegen auch das Mutterland dieses Genres nennen kann. Mike Ness, der seine Jugend im Wesentlichen mit dem Anhören der Rolling Stones, T. Rex, David Bowie, Creedence Clearwater Revival, später auch der Sex Pistols und der Ramones verbracht hatte, gegründete die Band 1978 mit 16 im Orange County und machte sie bald zu einer landesweiten Punk-Instanz.

Nun ist das achte Studioalbum herausgekommen, in schön martialischer Bangemachertradition „Born To Kill“ genannt. Acht Platten in 48 Jahren – das ist nicht besonders viel; aber die Band wurde auch hart geprüft: Einer hatte einen tödlichen Schlaganfall, ein anderer wurde vom Lastwagen überfahren; Ness selbst war entweder im Drogenentzug oder im Gefängnis und wäre neulich an einer schlimmen Krankheit fast gestorben.
Trilogie aus drei vorzüglichen Alben
Schon deshalb wird die erste Platte seit 15 Jahren ein Kraftakt gewesen sein, obwohl oder eher indem sie unter der Anstrengung nicht im Geringsten gelitten hat. Ness legt Wert auf die Feststellung, dass er in dieser Zeit nicht nichts gemacht, sondern unentwegt Songs geschrieben hat. Aus 40 nahm er elf auf die Platte. Mit ihr liegt nunmehr eine Trilogie aus drei vorzüglichen Alben im neuen Jahrhundert vor, nach „Sex, Love And Rock ’n’ Roll“ (2004) sowie „Hard Times And Nursery Rhymes“ (2011). Es ist wieder ein Erlebnis, Ness an seiner Gibson Les Paul zu hören. Unerbittlich treibt er den Rhythmus voran und fräst dann, wenn er den Moment für gekommen hält, wie mit dem Schneidbrenner seine Soli aus dem Klangteppich heraus, ohne Virtuosengehabe, sondern mannschaftsdienlich.
Jede Note, jedes Riff sitzt, auf eine rockklassisch vorhersehbare, aber nie langweilende Weise, genau an der richtigen Stelle. So etwas ist heute selten und wird jedem kleinen oder großen Jungen, der sich noch an harter Gitarrenarbeit ergötzen kann, umso mehr Satisfaktion gewähren; denn darum geht es letztlich bei dieser Musik, an der auch jetzt wieder nichts originell ist, längst nicht mehr sein kann. Dass Bedürfnisse, die gut mit drei Akkorden auskommen, passend bedient werden, reicht schon.
Nun wirkt die Musik noch hinterhältiger
Schritt für Schritt, wohl auch begünstigt von den immer länger gewordenen Plattenpausen, hat die Band ihren anfangs schlanken, punktypisch rasanten, freilich auch damals schon mit rasiermesserscharfen Riffs arbeitenden Musizierstil hin zu einer Gediegenheit entwickelt, die mehr Raum lässt für die Blues-, Country- und Rockabilly-Elemente, die anfangs bloß latent waren, schnittstellenhaft abzuhören an dem Johnny-Cash-Cover „Ring Of Fire“ von der titellosen Platte von 1990.
Diesmal hat man sich den Titel eines der letzten noch halbwegs erfolgreichen Rockabilly-Musikers unserer Zeit vorgenommen: Chris Isaaks „Wicked Game“, mit dem David-Lynch-Film „Wild At Heart“ quasi zu Weltruhm gekommen, ist allerdings das einzige entbehrliche Stück, dem man anhört, dass Ness sich den Rahmen, innerhalb dessen er mit solcher Kraft agiert, am besten immer noch selbst zimmert.
Denn Social Distortion sind und bleiben hoffentlich eine harte Band, die, und das geht aufs Country-Konto, sich nun vollends zu einer geradezu triumphal hymnischen Melodiosität aufgespielt hat, die in dieser Form selbst von den Pixies oder von Hüsker Dü nie erreicht wurde, aber unvermindert eine raue Intensität aufweist. Der von den Produzenten Mike Ness und Dave Sardy mit sicherer Hand besorgte Sound, bei dem sich als Gastmusiker diesmal Lucinda Williams und Benmont Tench nützlich machen, tendiert dabei, eigentlich schon seit Beginn der Trilogie mit „Sex, Love And Rock ’n’ Roll“, weiter zum Breitwandformat. Eigentümlicherweise wirkt die Musik trotz der Vorhersehbarkeit im Einsatz der Mittel nun noch hinterhältiger, ein Effekt, wie man ihn auch von den Guns N’Roses aus der „Use Your Illusion“-Phase kennt.
In dieser klanglichen Wucht skandiert Mike Ness mit einer Stimme, die nichts Feines oder Raffiniertes hat, seine altvertrauten Parolen und Geschichten von Outlaws und Outcasts, von verlorener Liebe und der Härte des Lebens. Groß hervorzuheben braucht man eigentlich keinen Song. Wer eher ungepanschten Punk bevorzugt, wird, außer am Titelstück, an „No Way Out“, „Walk Away“ und „Over You“ besonderes Gefallen finden; wer er countryesk süffiger mag, der höre „Crazy Dreamer“, „Tonight“oder, wohl doch der Höhepunkt der ganzen Platte, „The Way Things Were“. Die Band, die gerade noch in Europa ist, spielt mit dem Trotz und der Aufsässigkeit derer, die nichts zu verlieren haben, wahrhaft frei.
Social Distortion: „Born to Kill“. Epitaph (Indigo)

vor 2 Tage
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