Abstruser Turniermodus: Wie langweilig, wenn alle Favoriten weiterkommen

vor 1 Tag 1

Es ist knapp vier Jahre her, da tobte in Deutschland eine Diskussion um den WM-Boykott. Durfte man unbeschwert Fußballspiele schauen, wenn sie in einem Land wie Qatar stattfanden, dessen Menschenrechtsverständnis so weit von dem eigenen entfernt war? Auch und gerade nach dem deutschen Vorrundenaus wurde die Debatte hierzulande besonders intensiv geführt, galt es doch für Kants Erben, immerhin den Titel als Moralweltmeister zu verteidigen.

F.A.Z.

In diesem Jahr ist die Boykottdiskussion über ein paar Scharmützel nicht hinausgekommen – zum Glück. Denn so verständlich es ist, auch den Fußball moralisch vermessen zu wollen, so wichtig ist es für eine Gesellschaft, vorpolitische Räume zu bewahren, in denen die Menschen jenseits der üblichen Spaltungslinien zusammenfinden. Um die Verantwortung des Einzelnen in globalen Schuldzusammenhängen zu diskutieren, gibt es schon genügend und gewichtigere Themen wie Fleischessen oder Fliegen. Sicher, dieses Argument kennt Grenzen – spätestens die WM in Saudi-Arabien im Jahr 2034 wird es erneut auf die Probe stellen –, aber bei einem Turnier in Nordamerika scheinen sie nicht überschritten.

Die Außenseiter sind nicht das Problem

Nach dem ersten Vorrundenspieltag kann man sich freilich fragen, ob es nicht rein sportliche Gründe gibt, sich den derzeit gezeigten Fußball nur in kleinen Dosen zuzuführen. Dabei geht es gar nicht so sehr um den Qualitätsverlust durch die Erweiterung des Teilnehmerfelds von 32 auf 48 Nationen. Ja, wenn man nach dem Aufwachen liest, dass Ghana Panama in der Nacht 1:0 geschlagen hat, bereut man nicht unbedingt, nicht live dabei gewesen zu sein. Ja, das Eröffnungsspiel Mexiko gegen Südafrika war ein Grottenkick, höchstens auf Drittliganiveau.

Doch auch Drittligapartien schaut man sich ja gelegentlich gern an, gerade weil der dort zu beobachtende Fußball sich so stark von dem Hochglanzprodukt unterscheidet, das man allwöchentlich in Champions oder Premier League zu sehen bekommt. Und manchmal kommen dabei sogar sehr muntere, weil mittelfeldbefreite Spiele heraus, wie das 2:2 zwischen Neuseeland und Iran. Dass die Außenseiter sich einfach abschießen ließen, kann nach den Leistungen der Kapverden gegen Spanien und des Kongo gegen Portugal ohnehin niemand mehr sagen. Nicht umsonst ist DR Kongo der einzige promovierte Teilnehmer dieser Weltmeisterschaft.

Hoffnung auf erneute Erweiterung

Das eigentliche Problem liegt im neuen Turniermodus, der mit der Erweiterung eingeführt wurde und durch sie bedingt ist. Nach dem 1:0-Sieg Schottlands gegen Haiti war zu lesen, die Schotten seien damit zu 88 Prozent für die nächste Runde qualifiziert. Weder Spanien noch Portugal müssen trotz ihres blamablen Auftakts sonderlich um das Weiterkommen fürchten: Ihnen genügt dazu ein Sieg in den nächsten beiden Spielen (gegen Saudi-Arabien und Uruguay respektive Usbekistan und Kolumbien), wahrscheinlich sogar zwei Unentschieden.

Denn neben den Gruppenersten und -zweiten qualifizieren sich dieses Mal bekanntlich auch die acht besten Gruppendritten aus den zwölf Vierergruppen für die nächste Runde. Zwei Drittel der WM-Spiele dienen dazu, ein Drittel der Teilnehmer zu eliminieren. Nach diesem Modus wäre Deutschland 2022 locker weitergekommen. Wenn, wie man bisweilen sagt, eine gute WM eine WM ist, bei der ein Favorit in der Vorrunde ausscheidet, so wird dies vermutlich keine gute WM werden.

Auch der weitere Turnierverlauf setzt kaum Anreize für eine ambitionierte Vorrunde. Nach dem alten Modus konnten Gruppensieger frühestens im Viertelfinale aufeinandertreffen. Das sorgte für einen stetig steigenden Spannungsbogen. Nun aber ertappt sich manch berechnender Deutschlandfan dabei, im Spiel gegen die Elfenbeinküste am Samstag auf eine Niederlage zu hoffen. Denn wenn sowohl Deutschland als auch Frankreich ihre Gruppenspiele wie erwartet gewinnen, werden die beiden Topfavoriten schon im Achtelfinale gegeneinander spielen.

Zumindest für die großen Fußballnationen ist die Vorrunde damit zu einem fast bedeutungslosen Vorbereitungsturnier geworden. Einer noch nicht sonderlich eingespielten Mannschaft wie der deutschen mag das sogar entgegenkommen. Doch als Fan schaut man einen Großteil der Spiele dann eben, wie man sonst Freundschafts- oder Qualifikationsspiele schaut: mit Interesse, aber ohne Nervenkitzel.

Gegenüber dem politischen hat das sportliche Unbehagen an dieser Weltmeisterschaft freilich den Vorteil, dass Besserung schon in Sicht ist. Nicht nur, weil die WM mit Beginn der K.-o.-Runde auch spannungsmäßig an Fahrt gewinnen dürfte. Angesichts der Profitgier der FIFA sollte es auch nicht lange dauern, bis das Teilnehmerfeld bei einem der nächsten Turniere abermals erweitert wird. Bei 64 statt 48 Mannschaften könnte es dann immerhin wieder eine solche Anzahl an Vierergruppen geben, dass sich nur die beiden Bestplatzierten aus ihnen für die nächste Runde qualifizieren. Und eine Fußballgroßmacht wie Italien könnte, statt in der Qualifikation, endlich wieder einmal in der Vorrunde scheitern.

In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.

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