Frost liegt auf den Tannennadeln, und ein Mädchen stopft sich gierig ein paar Beeren in den Mund. Später, zugedeckt im Schnee, öffnet sie mühsam ihre Augen und erspäht ein entferntes Lagerfeuer an einem Hang. Mit letzter Kraft schleppt sie sich dorthin. Ein alter Mann, eingewickelt in Felle, sitzt dort am Feuer, sein Gesicht im Verborgenen. Ein Gespräch über den berüchtigten Robin Hood entsteht; über den Helden, die große Liebe von Lady Marian. „Er war ein Mörder und hat nie gebetet. Er war kein Held. Er raubte und tötete aus purer Freude“, resümiert der Mann schroff. Später, beide schlafen, schleicht sich das Mädchen an ihn heran, ein Messer in der Hand, doch der Mann ist wach und flink. Blitzschnell schneidet er ihre Kehle durch und ersticht sie. Skrupellos ist dieser Robin Hood.
Über mindestens 800 Jahre hinweg ist Material über die Figur überliefert. Die Erzählwelt um Robin Hood ist so reich an Orten, Ereignissen, Charakteren, Objekten und Ideen geworden, dass darum ein Mysterium entstand. Das Narrativ als Volksheld und Retter der Armen entwickelte sich mutmaßlich erst später.
„The Death of Robin Hood“ entzaubert Mythen um den Volkshelden
Im 14. und 15. Jahrhundert war er Figur in zahlreichen Volksballaden, die das abenteuerliche Leben des Robin Hood, der mit einer Schar von Getreuen im Wald von Sherwood lebte, dabei reiche Adlige und Kleriker ausraubte und Arme beschenkte, thematisierten. Er galt auch als Symbol des angelsächsischen Widerstands gegen die Normannen. Und obwohl Robin Hood eine der beliebtesten Heldenfiguren Englands ist, war er in frühen Überlieferungen eher eine Figur, die Landbesitzer beraubte und tötete und eine Art Guerillakrieg gegen die Obrigkeit führte. Das würde man nicht direkt als heldenhaft bezeichnen.

Vielleicht präsentiert Michael Sarnsoki in seiner Interpretation des Stoffs deswegen eine Figur, die einige der Ideen um Volkshelden entzaubert. In „The Death of Robin Hood“ präsentiert er einen zynischen, lebensmüden Mann. Gespielt wird er von Hugh Jackman, der einen verfilzten Bart und zottelige graue Haare trägt, grimmig dreinschaut und sein Gesicht tief in Falten legt. Das ist düsterer als viele gegenwärtige Interpretationen des Stoffs und wurde innerhalb von 30 Tagen in Nordirland gedreht.
Die Vielzahl der Verfilmungen hat zur Verdichtung des Mythos um den fiktiven Helden beigetragen. In einem Kurzfilm von Étienne Arnaud aus dem Jahr 1912 sollen die überspitzten Figuren in ihren Bewegungen Tieren ähneln. Dazu passt die Disney-Verfilmung von Wolfgang Reitherman aus dem Jahr 1973, in der Robin Hood ein Fuchs ist. Richard Lesters Adaption „Robin und Marian“ aus dem Jahr 1976 wiederum fokussiert die unkonventionelle Beziehung von Robin und Marian (gespielt von Sean Connery und Audrey Hepburn), in der Robin Hood in eine Midlife-Crisis stürzt und sich Gedanken über das erfüllte Leben macht. Wie Sarnoski bezieht sich diese Version auf die Ballade „Robin Hood’s Death“ aus dem 17. Jahrhundert.
Jodie Comer als Sister Brigid, die Robin Hood Erlösung bietetdpaHugh Jackman spielt nun einen Jäger und Gejagten. Er entkommt den Gewaltkreisläufen der Welt, in der er lebt, nicht, sondern fällt immer wieder den gleichen Marotten zum Opfer. Generationen seiner Opfer wollen Rache für die vielen Tode, die er zu verantworten hat, und das zeigt die erste Hälfte des Films zur Genüge. Der dialogarme Film geht anfangs in blutigen Gemetzeln und dem Abschlachten von Menschen und Tieren unter. In 35mm gedreht, liegt über der imposanten Berglandschaft Nordirlands ein dämmriges Licht, das nach Lebensabend aussehen soll. Dazu die vielen gespaltenen Hände, mit dem Pfeil aufgespießte Körperteile und blutigen Fletschgeräusche. Der Blutstrom, der sich durch Robin Hoods Leben zieht, versiegt nicht. „Diese Welt dreht sich nur um Blut“, sagt er. Rot sind auch die Haare von Little Johns Frau Margret und die seiner Tochter. „Rot wie frisches Blut“, nein „rot wie die untergehende Sommersonne“.
Blutiger Thriller und persönliches Drama
Blutig ist Sarnoskis Verfilmung also allemal, der Regisseur stammt auch aus dem Horror mit Filmen wie „A Quiet Place: Day One“ (2024). Und sie wirft den Stoff in das Jahr 1246. Offen bleibt, wohin der Film möchte. Er schöpft seine anfänglich gewaltige Wirkung innerhalb der ersten Filmminuten aus, nur um dann ohne richtigen Fahrplan die Ballade über den „Tod von Robin Hood“ zu verwirklichen. Das könnte eine Charakterstudie werden, die vielen Nahaufnahmen seines Gesichts implizieren das, dafür ist dieser Charakter aber zu wenig ausgemalt.
Das anfängliche Wiedersehen zwischen den alten Weggefährten Little John und Robin Hood mündet jedenfalls schnell in einer Falle. John möchte sich an denjenigen rächen, die seinen Hof überfallen haben, und bittet Robin Hood, ihm zu helfen. Johns Frau Margret wird dabei unerwartet als Geisel genommen und brutal abgeschlachtet. In einem Gefecht wenig später stirbt Robin Hood beinahe selbst. Er wird jedoch von Little John gerettet und mit dessen junger Tochter auf eine Insel gebracht. Dort wacht der schwer verletzte Mann auf und sieht sich Schwester Brigid, eindringlich schauend gespielt von Jodi Comer, gegenüber, die für den alten Zyniker viel Geduld übrighat.
Von einer affirmativen Wendung sieht der Film ab, obgleich er eine Zweiteilung versucht, eine erste blutige Actionsequenz und eine meditative Charakterstudie im zweiten Teil. Diese Trennung wird durch den Ortswechsel eingeleitet und gelingt trotz Stimmungswechsel nur bedingt, denn Hood bleibt bis zuletzt rastlos und unruhig, seine inneren Konflikte sind schnell ersichtlich und werden dann plakativ entladen. Da helfen auch Schwester Brigid und Little John's junge Tochter nicht, durch die er wenigstens ein wenig Wärme erfährt.
Eine transformierende Entwicklung bleibt also trotz Settingwechsel aus, Sarnoski demythologisiert Robin Hood zwar durch die blutigen Sequenzen, scheitert dann aber daran, aus der Entmythologisierung ein Drama oder gar eine Charakterstudie zu machen.
„The Death of Robin Hood“ läuft von diesem Donnerstag an im Kino.

vor 2 Tage
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