150. Jubiläum: Die Frau, bei der Picasso abschaute

vor 13 Stunden 1

Was konnte Picasso von Paula Modersohn-Becker lernen? Vor rund fünfzehn Jahren hätte die Antwort einfach geheißen: nichts. Dann aber begab sich die amerikanische Kunsthistorikerin Diane Radycki auf Spurensuche, für ihre Biographie der deutschen Malerin. Radycki war fasziniert von einem Porträt, das Modersohn-Becker 1906 in Paris schuf, im heißen August und in Hochstimmung. „Ich male im Augenblick Frau Hoetgers Porträt“, schrieb die Dreißigjährige begeistert nach Worpswede, „die prachtvoll großartig aussehen kann und schwer mit einer riesigen Haarkrone, blond, kolossal formvoll.“ Wer sich das fertige Gemälde anschaut, staunt weniger über Hoetgers Frisur als über die Augen. Aus glühenden Lidern heraus fixieren sie einen Punkt außerhalb des Bilds. Das ganze Gesicht sitzt wie eine Maske auf dem Kopf. Lee Hoetger, eine Konzertpianistin, hat den Ausdruck einer Person erhalten, die Großes vorhat.

Wahrscheinlich eine Inspiration für Picasso

Die wuchtige Hoetger also, mit den Zügen einer Feldherrin, ähnelt verblüffend Picassos Darstellung einer nicht weniger entschiedenen Frau: Gertrude Stein. Die Amerikanerin in Paris sollte Geschichte als Schriftstellerin, Sammlerin und Salonnière schreiben. In ihrem Haus verkehrten die Künstler, die zu den Malerstars des 20. Jahrhunderts aufstiegen, darunter Henri Matisse oder der junge Spanier Pablo Picasso. Picasso verewigte 1906 Gertrude Stein in einem Porträt, das sie später dem Metropolitan Museum of Art in New York schenkte. Die Art der Darstellung kam der Modersohn-Becker-Biographin Radycki bekannt vor: das Gesicht maskenhaft. Die Augen wie Öffnungen in einem Visier. Der Blick aus dunklen Pupillen in die Ferne gerichtet.

Brustbild Lee Hoetger mit Blume, 1906Brustbild Lee Hoetger mit Blume, 1906Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen

Hätte Picasso Hoetgers Porträt in Paris sehen können? Radycki hält es für mehr als möglich. Steins Bildnis wurde nach vielen Überarbeitungen erst 1906 fertig. Röntgenaufnahmen zeigen, wie Picasso mit der Komposition kämpfte und sie immer wieder verwarf. Schließlich entschied er sich für die Drehung des Kopfes, die sich in Modersohn-Beckers Gemälde aus dem gleichen Jahr findet. Picasso verkehrte zu diesem Zeitpunkt in denselben Kreisen wie Modersohn-Beckers größter Bewunderer: Bernhard Hoetger. Hoetger, ein Bildhauer und Fisch im Wasser der Pariser Kunstszene, könnte bei einem der vielen und üblichen Atelierbesuche auch Picasso mitgenommen haben, um das aufwühlende neue Porträt seiner Frau Lee Hoetger herzuzeigen. Hoetger verehrte das Bild, die Dargestellte und die Malerin.

Ein kurzes und dennoch einflussreiches Leben

Was die Zukunft für Modersohn-Becker und Picasso in den anschließenden Jahren brachte, könnte unterschiedlicher nicht sein. Picasso blieb in Frankreich, überlebte die nur fünf Jahre ältere Künstlerin um mehr als sechs Jahrzehnte und wurde weltberühmt. Sein Œuvre wuchs auf unüberschaubare Größe an, nach Schätzungen umfasst es um die 50.000 Werke. Gemälde, Skulpturen, Kera­miken, Zeichnungen, Editionen und Drucke.

Modersohn-Becker dagegen verbrachte 1906 ihren letzten Sommer in Paris. Das Geld reichte nicht zum Überleben. Im März 1907 stieg sie wieder in den Zug, fuhr siebzehn Stunden bis nach Worpswede, die Künstlerkolonie, und kehrte zu ihrem Mann zurück, dem Maler Otto Modersohn. Die kurze Ehe hatte bereits viele Krisen erlebt. Nun wollte es das Paar noch einmal versuchen. Modersohn-Becker wurde schwanger und starb im November, kurz nach der Geburt ihres Kindes, im Alter von nur 31 Jahren.

Tod nach der Geburt ihrer Tochter

Ihren frühen Tod hatte die Künstlerin in einem schwer zu deutenden Eintrag in ihrem Tagebuch vorausgeahnt: „Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist?“ Eine Embolie war die Todesursache. Nach der Geburt hatte sie fast drei Wochen gelegen. Kurz nach dem ersten Aufstehen brach sie zusammen. Sie hinterließ ein Mädchen namens Mathilde, außerdem etwa 750 Bilder und mehr als 1400 Zeichnungen. Die letzten Fotografien zeigen Mutter und Kind zusammen im Bett. „Wie schade“, sollen ihre letzten Worte gewesen sein.

Kinder mit Laternen vor Haus, um 1901Kinder mit Laternen vor Haus, um 1901Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen

Und doch: Trotz des traurigen und plötzlichen Endes, trotz der wenigen Zeit, die ihr für die künstlerische Entwicklung geblieben war, trotz der Widerstände und Enttäuschungen setzte ihr Werk früh eine beispiellose Begeisterung frei. 1927, zwanzig Jahre nach ihrem Tod, wurde für sie in Bremen in der Böttcherstraße ein nach ihr benanntes Museum gegründet, das heutige Paula Modersohn-Becker Museum. Es war ein Rekord. Eröffnet wurde das weltweit erste Museum für eine Künstlerin. Das Geld stammte von einem Bremer Kaufmann, Ludwig Roselius, dem Erfinder des koffeinfreien Kaffees. Die Entwürfe für das Gebäude lieferte niemand anderes als Bernhard Hoetger, der einflussreiche Freund aus Pariser Zeiten.

Durchbruch in Paris

Zu Lebzeiten überwogen Argwohn und Kritik. Der Wunsch, Künstlerin zu sein, wurde angefeindet, häufig boshaft und offen, manchmal auch versteckt und untergründig. Das Dilemma für Frauen war der offensichtliche Widerspruch: Ehrgeizig zu sein, galt als ­anmaßend und lächerlich. Aber nicht ehrgeizig zu sein, war genauso lächerlich. Was sollte das für eine Kunst sein, die bescheiden und demütig blieb? Modersohn-Becker sah, wie gegensätzlich die Erwartungen waren, und hoffte darauf, dass sich die Lage bessern würde. „Ich fühle“, schrieb sie als Sechsundzwanzigjährige, „dass die Zeit bald kommen wird, in der ich mich nicht mehr dafür schämen und schweigen muss, sondern stolz darauf sein kann, eine Malerin zu sein.“

Stilleben mit Michsatte, 1905Stilleben mit Michsatte, 1905fPaula Modersohn-Becker Museum, Bremen

In der Zwischenzeit entwickelte sie ihr eigenes System. Noch durften Frauen an den staatlichen Akademien weder in Deutschland noch in Frankreich studieren. Also belegte Modersohn-Becker Kurse beim Verein der Berliner Künstlerinnen, an den privaten Akademien Colarossi und Julian in Paris und fräste sich durch das dortige Ausstellungsangebot, die Galerien, Salons und Museen. Sie, die 1876 in Dresden geboren worden war, fand zuerst in Worpswede eine entscheidende Gemeinschaft. Die Künstlerkolonie hatte die Kunst zum selbstverständlichen Lebensinhalt erklärt, wenn auch mit Abstufungen, die Männer galten auch hier als bedeutender. Zu ihrer frühen Zeugin wurde in Worpswede Clara Westhoff, die Bildhauerin, die an Bestimmtheit und Selbstbewusstsein die junge Malerin anfangs übertraf.

Eine nackte Malerin auf der Leinwand

Es war aber Paris, die Hauptstadt der Kunst, die sie viermal besuchte, in der sie ihre größten Durchbrüche erlebte. In Erwartung einer neuen künstlerischen Phase schrieb sie noch aus Worpswede im Februar 1906 an Rainer Maria Rilke, den Dichter und Freund: „Und nun weiß ich gar nicht wie ich mich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker, Ich bin Ich, und hoffe es immer mehr zu werden.“

Selbstbildnis nach halblinks, 1906Selbstbildnis nach halblinks, 1906Archiv

Angekommen in Paris, stellte sie sich ins Zentrum ihrer Experimente. Sie malte ein Selbstporträt nach dem anderen, mal nur ihr Gesicht, dann den ganzen Oberkörper, dazu Bernsteinkette, Kamelienzweig, ein winziges Blümchen in den Händen – und ansonsten nichts. Keine Bekleidung. Nichts, das ihre Brüste verdeckte. Als sie im Mai 1906 an ihrem ikonischen „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ arbeitete, stand im Pariser Atelier die Kunstgeschichte still. Nie zuvor hatte sich eine Malerin auf der Leinwand nackt dargestellt, noch dazu schwanger, mit herausgewölbtem Bauch. Dass die Künstlerin gar nicht schwanger war, machte das Bild zum Möglichkeitsraum. Modersohn-Becker setzte sich über Gebote der Schicklichkeit hinweg. Sie gab ihren Brüsten den Ehrenplatz knapp über der Bildmitte und neigte den Kopf leicht zur Seite, als könnte sie eines Tages so durch einen Türrahmen treten.

Gemälde wie das Zimmer von Virginia Woolf

Ihr neugieriger Blick aus dem Gemälde scheint wie eine Einladung an das Gegenüber, sich ebenfalls zu fragen, ob alles nicht ganz anders sein könnte. Nein? Doch? Noch in Paris organisierte sie sich Modelle, Mütter mit ihren Babys, und malte auch sie nackt und groß wie Berge, die Brüste schwer, den Säugling wie einen kleinen Hügel neben sich.

Liegende Mutter und Kind II, 1906Liegende Mutter und Kind II, 1906Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen

Fast immer schenkt sie ihren Figuren den ganzen Raum, bis zum Bildrand. Sie sind in einem Reich, das ihnen allein gehört. Modersohn-Becker überzieht sie mit Oberflächen wie aus Lehm, dick und undurchlässig, Schutzschilder gegen die Außenwelt. Für Letztere, die Umwelt mit ihren Anforderungen, Wünschen und Pflichten, scheint sich in ihren Bildern niemand besonders zu interessieren. Mütter und Kinder schlafen. Die Freundin Lee Hoetger konzentriert sich auf ein unsichtbares Ziel. Die Künstlerin ist in den Selbstbildnissen mit sich beschäftigt. Das Zimmer für sich allein, das Virginia Woolf als Grundbedingung für das Schreiben forderte, öffnete Modersohn-Becker im Gemälde.

Später Ruhm im 21. Jahrhundert

Die Selbstporträts von ihrem letzten Paris-Aufenthalt zeigte sie nicht einmal ihren engsten Vertrauten. Zu tief saß womöglich die Angst, ausgebremst zu werden. Auch die, die es gut mit ihr meinten, etwa ihr Ehemann, verstanden sie häufig nicht. Originalität und Eigenwilligkeit wurden nicht für Setzungen gehalten, sondern für Sackgassen, Fehltritte. „Die Farbe ist famos“, schrieb Otto Modersohn über einige Gemälde seiner Frau, „aber die Form! Hände wie Löffel, Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins.“ Das Urteil fällte er 1903 in seinem Tagebuch. Im Gespräch mag er es abgemildert haben. Dass er versuchte, sie von ihrem Weg abzubringen, belegt seine bedauernde Einschätzung, sie lasse sich nur „schwer“ beraten.

Zum Glück. Mit dem 21. Jahrhundert ist die Begeisterung für Modersohn-Becker ein breites internationales Phänomen geworden. Auf bahnbrechende Ausstellungen in Bremen und Worpswede folgten große Museumsschauen in Kopenhagen, New York, London oder Chicago. Selbst Paris ließ sich 2016 mitreißen. Im Jahr darauf kauften das Museum of Modern Art und die Neue Galerie in New York zusammen das „Selbstbildnis mit zwei Blumen in der erhobenen linken Hand“ von 1907.

Fotografie von Paula Modersohn-Becker, um 1905Fotografie von Paula Modersohn-Becker, um 1905Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen

Mit den vielen Ausstellungen ist ein neues Bild der Künstlerin entstanden. Während früher Modersohn-Beckers Gefühlswelten im Mittelpunkt standen, wird nun ihre Bildung ernst genommen, ihre rastlose Suche, sich neue Mittel anzueignen, ihr Wille zu experimentieren, zu erfinden. Cézanne, Gauguin und van Gogh begeisterten sie, noch mehr allerdings die ganz Alten, die häufig Namenlosen. Nach einem ihrer Besuche im Louvre schrieb sie: „Die große Einfachheit der Form, das ist etwas Wunderbares. Jetzt fühle ich tief, wie ich an den Köpfen der Antike lernen kann. Wie sind die groß und einfach gesehen! Stirn, Augen, Mund, Nase, Wangen, Kinn, das ist alles. Es klingt so einfach und ist doch so sehr, sehr viel.“

Auch die Mumienporträts aus Ägypten bewunderte sie im Louvre. Das Selbstporträt, das kürzlich im Berliner Auktionshaus Grisebach den Rekord-Hammerpreis von einer Million Euro erlangte, setzte sie auf die kleine Leinwand wie eine Hieroglyphe in der Kartusche. „Eine der faszinierendsten Innovationen von Modersohn-Becker ist ihre drastische Reduzierung des Bildausschnitts“, schrieb anlässlich einer Londoner Ausstellung die englische Schriftstellerin Rachel Cusk, „ihre Verwendung des Close-ups.“

„Mein Kolibri“ wurde die Künstlerin von ihrer Mutter genannt, als sich diese an die komplizierte Geburt von Paula erinnerte. In einem Brief an die Tochter schrieb sie über die Nacht vor 150 Jahren, den 8. Februar 1876. Ein Unwetter tobte in Dresden. Die Elbe war über die Ufer getreten. Der Vater war nicht zu Hause, und nur eine überforderte Haushälterin half bei der Geburt. Wie durch ein Wunder kam Minna Hermina Paula Becker gesund zur Welt. Die Mutter brauchte ein halbes Jahr, um sich zu erholen: „Aber mein Kolibri gedieh rund und reizend trotz Sturm und stürzenden Dämmen.“

Der Kolibri schuf eine Welt.

Anlässlich des 150. Geburtstags eröffnet am 8. Februar das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen die Ausstellung „Becoming Paula“, die Worpsweder Museen die Ausstellung „Impuls Paula“ und das Albertinum in Dresden die Ausstellung „Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch“. ARTE zeigt ab 8. Februar den Film „Paula Modersohn-Becker. Keine Kompromisse“.

Gesamten Artikel lesen