Dem Wahren, Schönen, Guten sahen sich Museen und Theaterbauten seit dem Ende des achtzehnten bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein ausdrücklich verpflichtet. Die drei platonischen Ideale stehen meist im Dreiecksgiebel über dem Portikus solcher Gebäude, die auch deswegen gern „Musentempel“ genannt werden. Das Wahre, Schöne, Gute – die Dreizahl ist suggestiv: von der heiligen Dreifaltigkeit bis zu den Zielsetzungen der Französischen Revolution. Diderots Gleichung, der zufolge Gottvater für die Wahrheit, der Sohn für das Gute und der Heilige Geist für das Schöne stehen, verlieh den Begriffen höchste Weihen.
Schauen wir uns die Ideale im Einzelnen an und beginnen mit dem letzten: Das Gute ist natürlich moralisch zu verstehen. Und „das Moralische versteht sich“, so Friedrich Theodor Vischer, „immer von selbst“. Das heißt: Auf der richtigen Seite zu stehen, selbstverständlich bei den Guten, scheint erstrebenswert, schon um den Unguten ihr Fehlverhalten vorwerfen zu können. Generell als „Gutmensch“ bezeichnet werden möchte indes kaum einer mehr.
Eine frühe Warnung vor Wahrheitsmonopolen
Laut Sokrates setzt das Gute das Schöne und das Wahre voraus, im rechten Maß, wer auch immer das bemisst. Um es zu bestimmen, braucht es weitgehende Übereinkünfte. In einer ideologisch so wirren Zeit kann der Moralismus allerdings verheerende Folgen zeitigen, weil keine verbindliche Moral die Zuschreibungen vereinheitlicht. Das Gute wechselt je nach Perspektive munter die Gestalt: Aus ökologischer, feministischer, antikolonialistischer, sozialistischer Sicht sieht das Gute ganz anders aus als aus reaktionärer, patriarchalischer oder kapitalistischer. Unfähig, es nachhaltig zu definieren, lassen wir’s zunächst mal gut sein.
Das „Wahre“ ist ebenfalls problematisch geworden. Georg Christoph Lichtenberg, der scharfsinnigste Wahrsager seiner Zeit, hat es bereits Mitte des achtzehnten Jahrhunderts kommen sehen: „Vom Wahrsagen läßt sichs wohl leben in der Welt, nicht aber vom Wahrheit sagen.“ Er versuchte Letzteres dennoch, denn: „Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt.“ Fake News. Und als wäre er im Besitz prophetischer Fähigkeiten, sagte er voraus: „Die Entscheidung über Irrthum und Wahrheit muß nie, nie Monopol eines Charakters werden, so wenig als eines Standes.“ Das doppelte „nie“ zeigt die Dringlichkeit an: „Wahrheits-Monopole, einem einzelnen Stande oder Charakter verliehen, sind Beeinträchtigungen für alle übrigen, und wahre Injurien für die Menschheit.“
Auch Kunst ist zunächst Vertrauenssache
Das Wahre wird heute in den Bereich der Poesie verwiesen, wie in Goethes Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ (die ursprünglich übrigens „Wahrheit und Dichtung“ heißen sollte). Anstelle der schlichten Wahrheit wird inzwischen die aufgeblasene Authentizität gefordert. Die mag für Artefakte nachprüfbar sein – in Bezug auf Menschen ist das schon schwieriger. Dennoch ist Authentizität eine zentrale Sehnsucht der Gegenwart. Eine Deckungsgleichheit zwischen dem, was einer denkt, sagt und tut. Wer einen Menschen hochachtungsvoll als authentisch bezeichnet, geht offenbar von der Vorstellung aus, im Inneren jedes Menschen liege eine Art Kern verborgen, ein ebenso unsichtbares wie unveränderliches Wesentliches, der früher oft beschworenen Seele zumindest entfernt verwandt. Verhalte sich nun ein Mensch diesem innersten Wesenskern gemäß, sei er authentisch, das heißt, im Sprachgebrauch: wahrhaftig, vertrauenswürdig, echt.
Bei den alten Griechen reichte der Bedeutungshorizont etwas weiter: authentikós (Selbsthandanlegen) deutet auf aktive Täterschaft hin und schließt ausdrücklich Mörder und Selbstmörder mit ein. Adolf Hitler wäre demnach ein im höchsten Grade authentischer Mensch gewesen, genau wie – eine Nummer kleiner – Donald Trump es ist. Beide haben sich weitestgehend neu erfunden und selbst verwirklicht – auch das Eigenschaften, die von vielen positiv bewertet werden.
Wie nun sieht es bei Künstlern aus? Anders, so viel immerhin steht fest. Aber auch Kunst ist zunächst Vertrauenssache. Künstler müssen sich das Vertrauen ihrer Adepten erst verdienen. Häufig mit Hilfe von Agenten (Galeristen, Verlegern, Kritikern), die für sie um Vertrauen werben.
Der steilste Abstieg in der Werteskala
Für Künstler, die vor Publikum auftreten, gilt die Erkenntnis des Komikers George Burns: „The most important thing about acting is honesty.“ Ganz gleich, ob wir honesty mit Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit oder Redlichkeit übersetzt, wird ihm jeder recht geben. Erst der Nachsatz macht das wenig originelle Zitat brisant: „If you can fake that, you’ve got it made.“ Frei übersetzt: „Wenn du das vortäuschen kannst, hast du es geschafft.“ Schöner kann man den Widerspruch, der sich aus dem Zwang ergibt, das Immergleiche zu wiederholen, und dem Bestreben, es jedes Mal wie neu aussehen zu lassen, kaum ausdrücken. Für Komiker ist diese Fähigkeit, Spontaneität zu simulieren, übrigens noch wichtiger. George Burns musste das wissen, er wurde hundert Jahre alt, von denen er mehr als achtzig im Showbusiness aktiv war. Er rauchte gern lange Zigarren, und selbst für die Überlänge seines Leben hatte er die passende Entschuldigung parat: „I can’t die now, I’m booked.“
Bleibt das „Schöne“. Und das hat den steilsten Abstieg in der Werteskala erfahren und wird nun gar nicht mehr gern gesehen. Davon zeugen Verben wie „beschönigen“, Partizipien wie „geschönt“, Steigerungen wie „schön doof“ und idiomatische Wendungen wie „zu schön, um wahr zu sein“. Wobei „gut“ und „schön“ synonym eingesetzt werden können. Ein abschließendes „schön und gut“ zum Zeichen, dass man das Gesagte für nicht erwähnenswert hielt, belegt das.
Das Schöne unter Generalverdacht
Tröstlich mag sein, was Robert Gernhardt unter dem Titel „Als er durch Metzingen gegangen war“ dichtete:
„Dich will ich loben: Hässliches,
du hast so was Verlässliches.
Das Schöne schwindet, scheidet, flieht –
fast tut es weh, wenn man es sieht.
Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit,
und Zeit meint stets: Bald ist’s soweit.
Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer.
Das Hässliche erfreut durch Dauer.“
Gernhardt räumt hier ein, dass es das Schöne noch gibt, out of Metzingen zumindest, beklagt aber dessen Schattenseite: Das Schöne ist vergänglich. Der österreichische Dichter Heimito von Doderer bekräftigt diesen Verlustschmerz in seinem Gedicht, mit dem er den Roman „Die Strudlhofstiege“ einleitet:
„Viel ist hingesunken uns zur Trauer
und das Schöne zeigt die kleinste Dauer.“
Homer SimpsonFox / Courtesy Everett Collection / Picture AllianceAber ist diese Flüchtigkeit Grund genug, auf das Schöne ganz zu verzichten? Jacob Burckhardt war davon überzeugt, dass Homer und Phidias für „immer schön bleiben“. Nun, Homer hat als Vorname eines Trickfilmhelden überlebt. Aber wer kennt noch Phidias? Und zumindest in der zeitgenössischen bildenden Kunst hat das Schöne als Kriterium ausgedient oder sich gar als Abwertung in sein Gegenteil verkehrt. Das Schöne steht unter Generalverdacht. Es scheint gar zum Unwahren und Unguten geworden zu sein.
In Ewigkeit
Das Schöne, Gute, Wahre – wer hat’s erfunden? Platon, inspiriert von Sokrates vermutlich. Und wer hat die drei zusammengeschweißt? Shakespeare natürlich; im Sonett Nummer 105: „Fair, kind, and true, have often liv’d alone, / Which three till now never kept seat in one.“ Schön, gut und wahr, die drei sollten nach langer Trennung nun also auf ewig vereint sein. Die Wörtchen fair und kind sind allerdings mehrdeutig: Statt mit „schön“ und „gut“ können sie auch als „gerecht“ und „freundlich“ übersetzt werden oder ganz bieder als „ordentlich“ und „nett“.
Zweihundert Jahre später wird Goethe dem Freunde Schiller in seinem Epilog zu dessen „Lied von der Glocke“ nachrufen:
„Ohne Wandel durch die Jahre,
Durch die Wechsel aller Zeit.
Leuchtet hoch das reine, klare
Geistig-Schöne, Gute, Wahre
Dieser Seel’ in Ewigkeit.“
Der ewige Bestand und Zusammenhalt der drei Ideale schien gesichert; fürs Erste zumindest.
Schnell „ein alter Satz“
Der Literaturwissenschaftler Gerhard Kurz präsentiert in seinem Buch „Das Wahre, Schöne, Gute“ haufenweise Beispiele für „Aufstieg, Fall und Fortbestehen einer Trias“ (so der Untertitel). Zumal um 1800 ballen sich Zitate, welche die Kunst zum Hort aller drei Ideale bestimmen. Von nun an ist das Attribut „schön“ den Künsten ehern vorgesetzt: Akademien „des Beaux Arts“, „di Belle Arti“, „of Fine Arts“, „der Schönen Künste“ entstehen überall. Eine andere Bewertung ist kaum denkbar. In seiner „Allgemeinen Theorie der schönen Künste im Einzeln“ behauptet Johann Georg Sulzer: „Das Unedle, Niedrige oder Gemeine kann in den schönen Künsten nicht anders als zum Gegensatz und zur Erhebung des Edlen gebraucht werden, so wie der Schatten zur Erhöhung des Lichts dienet.“
Mit Schatten und Licht kannte Goethe sich gut aus; in „Dichtung und Wahrheit“ schreibt er: „Wie das Erhabene von Dämmerung und Nacht, wo sich die Gestalten vereinigen, gar leicht erzeugt wird, so wird es dagegen vom Tage verscheucht, der alles sondert und trennt, und so muß auch durch jede wachsende Bildung vernichtet werden, wenn es nicht glücklich genug ist, sich zu dem Schönen zu flüchten und sich innig mit ihm zu vereinigen, wodurch denn beide gleich unsterblich und unverwüstlich sind.“ Die schöne Form dient dem Erhabenen als unverwüstliche Schutzhülle und macht beide so unsterblich. Ein ebenso schöner wie erhabener Gedanke. Doch kein Gedanke übersteht seine allzu häufige, blindeifrige Wiederholung. Für Goethes Ex-Freund Johann Gottfried Herder war die Dreieinigkeit des Wahren, Guten und Schönen bereits „ein alter Satz“.
Für unsere Lebzeiten haben wir ein Gespür
Dennoch übersteht die Triade drei Viertel des neunzehnten Jahrhunderts einigermaßen unbeschadet. Die Naturwissenschaften stellen ihre Ideale zunächst nicht infrage, sie betonen vielmehr deren Nützlichkeit. Dem Biologen Ernst Haeckel scheint die Dreifaltigkeit zur ökologischen Ersatzreligion zu taugen. Auch englische Poeten wie Coleridge, Shelley und Wordsworth verehren die Trias als „something divine“. Die eine oder andere Tugend wird hervorgehoben: Gustav Theodor Fechner betont den Wert des Wahren, Jacob Burckhardt zieht das Zeitlos-Schöne vor, da es im Gegensatz zu seinen Schwestertugenden angeblich nicht dem Zeitgeschmack anheimgegeben sei. Dieser Geschmack wird in den alten Monarchien meist nach Herrschern oder ihren Häusern benannt: in England von den Tudors bis Königin Viktoria, in Frankreich von Louis-treize bis Louis-seize. Danach kommt das Empire. Napoleons Geschmack war kaum besser als der von Donald Trump – unser Glück, dass der Geschmack Trumps nicht mehr epochemachend ist.
Die Lobby des Trump Towers in New York in den späten AchtzigerjahrenJan HalaskaWas es zu unseren Lebzeiten an Geschmacksveränderungen gab und gibt, dafür haben wir ein Gespür und erkennen mit ziemlicher Sicherheit, aus welchem Jahrzehnt ein Film stammt, der in seiner jeweiligen Gegenwart angesiedelt ist. Wir bemerken auch, dass die Fünfziger- oder Sechzigerjahre im deutschen Fernsehen heute völlig anders aussehen als in unserer Erinnerung: viel sauberer und vor allem typischer. Wie im verfilmten Mittelalter stets ein Kübel Dreck aus dem Fenster auf die Straße geschüttet wird, so ist die Nachkriegszeit dadurch gebrandmarkt, dass jeder sich sofort eine Zigarette anzündet. Amerikaner sehen in Naziuniformen weniger echt aus als ihre deutschen Kollegen. Bei Cowboyhüten und Patronengurten ist es umgekehrt. Gespannt darf man sein, ob kommende Filme, die auf unsere Gegenwart zurückblicken, von tätowierten Müßiggängern bevölkert sind, die mit hängenden Köpfen auf kleine Bildschirme starren und dabei größere Unappetitlichkeiten in sich hineinstopfen.
Man muss nur weit genug weg sein
Schiller sah das Theater als moralische Anstalt dem Wahren, Schönen, Guten verpflichtet. Der Dichter hatte gehofft, das Gute und das Wahre würden sich im Schönen von selbst einstellen, äußerte aber als Denker erste Zweifel: „Der nämliche Gegenstand kann uns in der moralischen Schätzung missfallen und in der ästhetischen sehr anziehend für uns sein.“ Das beste Beispiel für diese mulmige Faszination lieferte anno 2001 Karlheinz Stockhausen. Der Komponist kommentierte die Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September: „Also, was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen – das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat.“ Auch der Großkünstler Damien Hirst empfand Nine Eleven als Kunstwerk, „bösartig“ zwar, doch „optisch atemraubend“. Die Urheber hätte er wohl gern kennengelernt, denn: „Auf einem künstlerischen Level sollte man ihnen gratulieren.“
Diese Haltungen sind nicht neu. Gut zwei Jahrtausende zuvor hat Lukrez festgestellt, es sei süß, vom festen Ufer aus die Seenot anderer zu beobachten, und ebenfalls süß, einer Schlacht von sicherer Warte aus zuzusehen. Man muss eben nur weit genug weg sein. Michel de Montaigne sah es gelassen: „Jedem kann es mal passieren, dass er Unsinn redet.“ Er setzt allerdings dazu: „Schlimm wird es erst, wenn er es feierlich tut.“
Geschmack hat auch mit Gewohnheit zu tun
Der populäre Philosoph Friedrich Justus Riedel feierte 1776 die wahre Empfindung: „Das höchste Principium der Philosophie ist die Empfindung. Jene teilt sich, wie ihre Quelle in drei Arme, in die Philosophie des Geistes, des Herzens und des Geschmacks. Die erste beschäftigt sich mit dem Wahren, die zweite mit dem Guten und die dritte mit dem Schönen.“ Sein Kollege Sulzer definierte Geschmack als das „Vermögen, das Schöne zu erkennen“. Das sagt sich so einfach – und womöglich war es das ja auch noch zu Winckelmanns Zeiten.
Diesem Mann verdanken wir das Ideal des Wahren, Schönen und Guten: Johann Joachim Winckelmann (1717 bis 1768). Als Archäologe wurde er zum stilbildenden Kunstgelehrten seiner Zeit, weil er den antiken Kunstwerken, die er rückhaltlos bewunderte, nicht nur ästhetische, sondern auch ethische Werte zusprach. Auf der Suche nach den von ihm zuvor nur in deutschen Museen bewunderten Altertümern reiste er nach Italien, wo seine Lebensbetrachtungsweise jedoch nicht auf ungeteilten Beifall stieß – Winckelmann wurde in Triest ermordet. Der postum entstandene Holzschnitt zeigt ihn schreibend.InterfotoJohann Joachim Winckelmann hatte nämlich Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die „Werke der Alten“ (Griechen) entdeckt und behauptete nun für die Künstler von Michelangelo bis Poussin: „Sie haben den guten Geschmack aus seiner Quelle geschöpft.“ Damit hatte der Klassizismus nun seine Vorbilder: „Edle Einfalt und stille Größe“ zeichnen sie laut Winckelmann aus. Dass die antiken Statuen groß und still waren, ist nicht zu leugnen. Ob ihr Marmor in reinem Weiß erstrahlte, wird nicht erst seit heute bestritten. Und dass die griechischen Heroen nicht mehr ganz so edel aussehen, wenn sie naturnah bemalt werden, davon kann man sich im Frankfurter Liebieghaus ein Bild machen. Wenn uns diese bunten und damit menschenähnlicheren Götter geschmacklos erscheinen, beweist das allerdings nur, dass Geschmack auch mit Gewohnheit zu tun hat.
Einflussnehmer gab es hier schon immer
Wir haben unsere Ess-, Trink-, Schlaf- und schließlich sogar Wohngewohnheiten. Kurz: Wir haben Geschmack. Wodurch der bestimmt wird, ist – genau wie es die Geschmäcker sind – sehr unterschiedlich. „Geschmäcker sind verschieden / im Essen wie im Lieben“, pflegte meine Mutter zu sagen, wenn ihr etwas nicht gefiel, was ich mochte. Und schon Leibniz wusste, dass man über Geschmack besser nicht disputieren sollte.
George Bryan Brummell auf einer undatierten Radierungakg-imagesAußer der Gewohnheit nimmt alles Mögliche Einfluss auf unseren Geschmack. Einer folgt dem seiner Zeit, der andere wirkt dem entgegen. Bisweilen entsteht daraus ein neuer, denn Einflussnehmer gab es auf diesem Gebiet schon immer. Von 1800 an bestimmt der berüchtigte George Bryan „Beau“ Brummell – Urbild des sogenannten Dandys –, was schön ist. Auf Porträts sieht er fast so aus, als hätte er die Ideale Winckelmanns auf die Herrenmode übertragen wollen. Die farbenfrohe Rüschen-, Spitzen- und Perückenpracht des Rokoko reduzierte Brummell radikal: schwarzer Anzug, weißes Hemd, Krawatte. Lord Byron, der zu Brummells Bekannten zählte, fand nur „his exquisite propriety“ an ihm bemerkenswert. Die Anekdoten und Bonmots, die sich von ihm erhalten haben, zeugen eher von einer gewissen Unverschämtheit, zumal wenn man bedenkt, dass ein Mann bürgerlicher Herkunft sie Adligen bis hinauf zum Kronprinzen, dem späteren König Georg IV., ins Gesicht gesagt haben soll. Charmant ist allerdings seine Bemerkung nach einem Unfall, bei dem er sich am Bein verletzt hatte: „Und was das Schlimmste daran ist: Es war mein Lieblingsbein.“
Eitelkeit als Selbsterhaltungstrieb
Seine Lieblingstugend war die Unauffälligkeit: „To be truly elegant one should not be noticed.“ Diese Form der Diskretion hat sich bis zur Mode von Jil Sander gehalten, die ebenfalls der Ansicht war, dass nur durch Weglassen die reinste Form von Luxus sich erreichen lasse. Beau Brummell fiel bei seinem königlichen Gönner in Ungnade und starb verarmt in Caen, Frankreich. Jil Sander lebt dem Vernehmen nach in Pöseldorf.
Karl Lagerfeld im März 2013 in ParisdpaAls optisches Pendant zu Brummell bietet sich Karl Lagerfeld an; dessen Verdammung der Jogginghose als Kontrollverlustbeweisstück und Verteidigung der Eitelkeit als reinen Selbsterhaltungstriebs grenzen Lagerfelds Einflussbereich allerdings ein, da sie viele ausgrenzen. Sein Bekenntnis, er könne hässliche Menschen nicht ertragen, lässt den Follower-Kreis noch weiter schrumpfen, zumal in Zeiten, da mit allen Mitteln versucht wird, das Erscheinungsbild zu bagatellisieren, um dem Bodyshaming die Grundlage zu entziehen. Seines Körpers schämen soll sich niemand; für dessen äußere Hülle ist indes jeder mitverantwortlich.
Wenn das Lachen schwerfällt
Schon Nathanael West sah im vorigen Jahrhundert abschreckende Beispiele auf den Straßen Hollywoods: „Viele Menschen trugen Sportkleidung, die eigentlich keine Sportkleidung war. Die dicke Dame mit Yachtmütze ging einkaufen, nicht segeln; der Mann mit Norfolkjacke und Tirolerhut kehrte nicht von den Bergen, sondern aus einem Versicherungsbüro nach Haus zurück; und das junge Mädchen mit langer Sporthose, Turnschuhen und Schweißband um die Stirn kam soeben aus einer Telefonzentrale und nicht vom Tennisplatz.“ Diese Maskeraden und Phantasiekostüme finden sich in Wests bestem Roman, „Der Tag der Heuschrecke“, erschienen 1939. Was würde der Autor heute zu Menschen sagen, die ihre Körper in hautenge Radlerhosen zwängen, was angesichts der fehlenden Kondition und Konstitution, die sie von durchtrainierten Profis unterscheiden, hinreichend Grund zum Outfitshaming böte? Schließlich wird sich gewiss niemand einen Taucheranzug anziehen, bevor er in ein Nichtschwimmerbecken steigt.
„Es fällt schwer, über das Bedürfnis nach Schönheit und Romantik zu lachen, egal wie geschmacklos oder gar abschreckend die Ergebnisse dieses Bedürfnisses sind.“ Und Nathanael West fügte hinzu: „Aber es fällt leicht zu seufzen.“ Zu einfach wäre es jedenfalls, sich über Winckelmanns edle Einfalt lustig zu machen, denn dessen Zitat geht weiter: „So wie die Tiefe des Meers allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele.“ Ja, Winckelmann schrieb anschaulicher als viele heutige Autoren, an deren Romanen Kritiker oft die „präzise Sprache“ maßlos loben, obwohl diese Romanciers doch nichts weiter beschreiben als die uns – und den Kritikern – unbekannten Produkte ihrer eigenen Phantasie.
Und was ist mit der Freiheit?
Auch Friedrich Schlegel drückt sich nicht präzise aus, wenn er seinen Namenvetter Schelling so versteht: „Das Schöne ist eine symbolische Darstellung des Unendlichen.“ Schelling und Schlegel schließen aus Kants Definition der Kunst als Selbstzweck, dass sie „um ihrer selbst willen“ zu betreiben sei: als l’art pour l’art. Und Schlegel geht noch weiter: „Vielmehr liegt es im Wesen der schönen Künste nicht nützlich seyn zu wollen.“
Heute macht sich die Kunst gern nützlich. Dient sich aktuellen Bewegungen an, visualisiert deren zeitgeistige Botschaften, was vielleicht auch mit dem Maß an staatlicher Förderung zu tun hat, die Kunstbetreibende in Anspruch nehmen. Und wehe, die Steuergelder werden weniger oder bleiben gar ganz aus – dann sehen die Empfänger sogleich die Kunstfreiheit bedroht. Was immer sie darunter verstehen, denn kann eine Kunst, die von dem, was die Subventionierten gern „Staatsknete“ nennen, abhängig ist, im eigentlichen Sinn frei sein? Das Schöne soll nämlich auch etwas mit Freiheit zu tun haben. Für Schiller setzte das eine die andere voraus: „Es ist die Schönheit, durch welche man zu der Freiheit wandert.“
Auffallend unironisch
Das Pathos des Wahren, Schönen, Guten wirkt provozierend. Und die Ironie schlägt zurück. Wilhelm Busch nimmt sich gleich alle drei Ideale einzeln vor. Zunächst:
„Das Gute – dieser Satz steht fest –
ist stets das Böse, was man läßt.“
Folgt das Wahre:
„Ich nahm die Wahrheit mal aufs Korn
Und auch die Lügenfinten.
Die Lüge macht sich gut von vorn,
Die Wahrheit mehr von hinten.“
Und schließlich das Schöne:
„Ach, der Tugend schöne Werke,
gerne möcht ich sie erwischen,
doch ich merke, doch ich merke,
immer kommt mir was dazwischen.“
Immer wieder kam Busch auf das Geschäft mit der Kunst zurück: „Leicht kommt man an das Bildermalen, doch schwer an Leute, die’s bezahlen.“ Ungewohnt ernst wird er in einer ungereimten Notiz: „Ethische Bedeutung der Kunst zweifelhaft – der Maler hält bei den Augen, der Musiker bei den Ohren in der Welt fest.“
Auch Theodor Fontane klingt dagegen auffallend unironisch, wenn er der Bourgeoisie vorwirft, ihre eigenen Ideale verraten zu haben: „In einem fort quasseln sie vom Schönen Guten Wahren und knicken doch nur vor dem Goldenen Kalb“ ein. Jesus konnte noch von sich behaupten: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Oscar Wilde fragt: „Was ist Wahrheit?“ Und antwortet sich: „In Fragen der Religion jene Anschauung, welche den Sieg gewann. In der Wissenschaft bedeutet Wahrheit die jüngste Erfahrung, die eben Aufsehen macht, in der Kunst nennen wir unsere Stimmungen so.“
Schon im Jahr der Eröffnung umstritten
Friedrich Nietzsche war in den Achtzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts auf Krawall gestimmt: „An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit zu sagen: Das Gute und das Schöne sind Eins: fügt er gar noch hinzu ‚auch das Wahre‘, so soll man ihn prügeln. Die Wahrheit ist hässlich: Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen.“ Wilhelm Busch hat das „Verzierung der Wirklichkeit“ genannt. Da konnte auch die Venus von Milo, Göttin der Schönheit, nicht helfen, da sie, wie Fontane bemerkt, „keine Arme mehr hat“. Der Abstieg der Trias „wahr, schön und gut“ ist längst nicht mehr aufzuhalten. Allein die Bourgeoisie hat das noch nicht bemerkt.
„Dem Wahren, Schönen, Guten“ wurde auch die Alte Oper in Frankfurt am Main gewidmet; doch schon im Jahr der Eröffnung, 1880, war diese Zuschreibung umstritten. Der Frankfurter Lokalpoet Friedrich Stoltze machte daraus das „Gute, Schöne, Bare“. Sein Sohn Adolf spottete in Frankfurter Mundart:
„Dem Wahre, Schöne, Gute
die Berjerschaft muss blute
Dem Scheene, Gute, Wahre
der Magistrat muss spare
Dem Wahre, Gute, Scheene
merr muss sich dran gewöhne.“
Den Anspruch les’ ich wohl, allein es fehlt an Glaube: Blick auf die Widmungsinschrift an der Fassade der Alten Oper in Frankfurt am Main.Frank RöthUm eindeutige Wirkungen bemüht
Das Wahre und das Schöne werden selten noch in einem Atemzug erwähnt, daran haben wir uns gewöhnt; die Begriffe scheinen grundsätzlich unvereinbar, als stünden sie zueinander im Widerspruch: Das Schöne ist Lüge, Anspruch auf Wahrheit darf nur das Hässliche erheben. Die Lyrikerin Marion Poschmann nennt einen der Gründe dafür: „Die vermeintliche Nähe des Schönen zum Kitschigen, zum Unreflektierten und Naiven, zur Realitätsfremdheit und Vormoderne ist ein hartnäckiges Vorurteil.“
Ist Kitsch definierbar? Am besten wohl als Gegensatz zur Gegenwartskunst, von der in der Regel weder Wärme ausgeht noch Rührung erzeugt wird. Deren Vertretern geht es im besten Fall um verstörende Empfindungen. Kitsch dagegen ist um eindeutige Wirkungen bemüht und gilt älteren Semestern deswegen als Inbegriff des schlechten Geschmacks. Dagegen hängt die Beliebtheit der sogenannten Young-Adult-Literatur bestimmt nicht nur mit der farbenfrohen Gestaltung zusammen, sondern auch damit, dass ihre Produzenten vor Kitsch nicht zurückschrecken. Im Gegenteil: Sie steuern ihre Figuren verlässlich einem Happy End entgegen, das so sicher kommt wie das Amen in der Kirche.
Gleichzeitig schockieren und dafür geliebt werden
Nicht nur von Literatur wird erwartet, dass sie auf selbst gestellte Fragen auch Antworten liefert, am besten solche, die Überzeugungen bestätigen, die man ohnehin schon hat. Auf aktuellen Kunstmessen wie der Art Cologne wird wieder gemalt, als ob’s kein Gestern gäbe. Die Vorbilder reichen von David Hockney bis zu Willi Sitte. Und selbst vor einem Silberwäldchen aus Acetatfolien schreckt kein Betrachter mehr zurück. Nur in Museen darf das Wahre, Schöne, Gute noch nicht vorbehaltlos präsentiert werden.
Der belgische Maler Michaël Borremans spricht von dem Wunsch des Künstlers, gleichzeitig zu schockieren und dafür geliebt zu werden. Was Marcel Duchamp mit der Ausstellung eines Pissoirs im Museum gelang, versucht Borremans heute durch schön gemalte Bilder zu erreichen. „Beauty is today taboo. Beauty is romantic and it’s not very en vogue.“
Allein handwerklichem Geschick zu verdanken
Aber warum ist Romantik nicht mehr en vogue und Schönheit tabu? Vielleicht spielten dabei auch die Überschätzung der Originalität und die Akzeptanz des Dilettantischen eine Rolle. Gute Kunst war einmal das Gegenteil von gut gemeinter. Doch Überwältigungsästhetik im Großformat vermag immer seltener, über die Banalität mancher Aussagen und fehlendes handwerkliches Vermögen hinwegzutäuschen.
Wilhelm Raabe sah selbst die klassische Kunst eher zunftgemäß: „Ein klassisches Kunstwerk – man sieht die Fäden nicht heraushängen, an denen die Puppen gezogen werden.“ Er liegt damit auf einer Linie mit Charles Baudelaire, der „Die Blumen des Bösen“ besang zur Illustration seiner Behauptung, das Schöne sei immer bizarr, genau wie mit Edgar Allan Poe, der anhand seines Gedichts „The Raven“ demonstrierte, dass Kunst weder mit Moral noch mit Wahrheit zu tun habe und ihre Wirkung allein handwerklichem Geschick zu verdanken sei. Goethe wusste wieder einmal Trost: „Vom Handwerk kann man sich zur Kunst erheben.“ Auch hier folgt eine barsche Einschränkung: „Vom Pfuschen nie.“
Nicht ganz so schön
Über die drei Ideale zu spotten, gehörte schon vor hundert Jahren zum guten Ton. Gerhard Kurz hat seiner Geschichte von Aufstieg und Fall der Trias ein Zitat von Robert Musil vorangestellt, das zur Charakterisierung einer Figur diente: „Sie war imstande, ‚das Wahre, Gute und Schöne‘ so oft und natürlich auszusprechen, wie ein anderer Donnerstag sagt.“ Damit wäre das Thema eigentlich erledigt.
Friedrich Heysers „Ophelia“ in WiesbadenEPADoch selbst wenn das Schöne uns als Ideal und den Künsten als Attribut verloren ging – die Sehnsucht ist geblieben. Seit Taylor Swift das Schicksal der Ophelia besang – nicht ganz so schön wie Shakespeare, aber immerhin –, strömen ihre Fans ins Hessische Landesmuseum zu Wiesbaden, um dort das Vorbild für Swifts Musikvideo zu betrachten. Um 1900 hat Friedrich Heyser – nicht ganz so schön wie der Präraffaelit John Everett Millais, aber immerhin – den Tod Ophelias gemalt; vorlagen- und naturgetreu:
„Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach
Und zeigt im klaren Strom sein graues Laub
Mit welchem sie phantastisch Kränze wand
Von Hahnfuß, Nesseln, Maßlieb, Kuckucksblumen“.
Das gefällt den staunenden Swifties, und ich bin ziemlich sicher, dass alle dieses Gemälde ganz ungeschützt „schön“ nennen würden, dem Leitsatz ihrer Abgöttin gemäß: „Just because something is over doesn’t mean it wasn’t incredibly beautiful.“ Ist das nicht schön gesagt?
Bernd Eilert lebt als Schriftsteller in Oldenburg. Zuletzt erschien die gemeinsam mit Klaus Modick verfasste „Nachlese – Hundert Bücher, ein Jahrhundert“ (Onomato Verlag).

vor 17 Stunden
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