Legende des Go-Spiels: Chinas Umzingelungsspiel

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Es waren ein paar Tage im November 1985, die dem Go-Spieler Nie Weiping einen festen Platz in der großen Erzählung des chinesischen Wiederaufstiegs ­sicherten. Damals besiegte er völlig überraschend im Finale eines chinesisch-japanischen Mannschaftswettkampfs hintereinander die drei besten japanischen Spieler – und markierte damit das Ende der jahrhundertelangen Vorherrschaft Japans in diesem ursprünglich vor 2500 Jahren in China entstandenen Spiel, die Rückkehr Chinas zu seiner früheren Überlegenheit auch auf diesem Gebiet.

Als Nie Weiping am vergangenen Mittwoch im Alter vor 73 Jahren in Peking starb, würdigten die chinesischen Medien diese Tage als einen epochalen Moment, und die Zeitschrift „Caixin“ erinnerte an einen Ausspruch von Marschall Chen Yi, dem Bürgerkriegsveteranen und späteren Vizepremier der Volksrepublik China: „Wenn die Nation aufsteigt, blüht auch das Go-Spiel. Wenn sich die Nation im Niedergang befindet, verkümmert auch das Go-Spiel.“

Der Oberbefehlshaber der Volksbefreiungsarmee war ein Go-Spieler

Dass diesem Spiel eine solche geopolitische Bedeutung beigemessen wird, erklärt sich aus seiner engen Verknüpfung mit der Kulturgeschichte des Landes. Weiqi, wie das „Umzingelungsspiel“ in der Umschrift der chinesischen Zeichen heißt, war in konfuzianischen Kreisen zwar zunächst nicht beliebt, wurde aber später in den Kanon der für einen kultivierten Menschen maßgeblichen „Vier Künste“ aufgenommen (neben der chinesischen Kalligraphie, der chinesischen Tuschemalerei und dem Spielen der Qin, der chinesischen Zither). Darüber hinaus galt es als Inbegriff strategischen Denkens, dessen Komplexität diejenige des Schachspiels um ein Vielfaches übersteigt: Auf einem am Anfang leeren, neunzehn mal neunzehn Kreuzungspunkte großen Brett versucht jeder der beiden Spieler mit den eigenen Steinen größere Gebiete einzukreisen als der Gegner. Chen Yi soll als Oberbefehls­haber der Volksbefreiungsarmee im Bürgerkrieg daher immer ein Go-Brett mit sich geführt haben.

Als der dreizehnjährige Nie Weiping ihn 1964 schlug, machte Chen ihm die patriotische Bedeutung der Sache klar: „Weiqi ist ein chinesisches Spiel, aber es ist von den Japanern entführt worden. China hat jetzt Nuklearwaffen, aber keinen Weiqi-Spieler der höchsten Rangstufe, also 9 Dan. Wenn du ein Meister wirst, wirst du Mao Tse-tung treffen.“ Das habe ihn damals sehr motiviert, schrieb Nie später in seiner Autobiographie.

Nie spielte wegen eines Herzfehlers mit Sauersstoffgerät

Doch erstmal kam die Kulturrevolution dazwischen, in der Go als „alte kulturelle Praxis“ verboten und Nie wie Millionen anderer Schüler aufs Land verschickt wurde. Erst nach 1973 konnte er seine Weiqi-Studien wieder aufnehmen, die ihm dann 1982 tatsächlich zum Erwerb des neunten Dan-Rangs verhalfen. Die Dramatik des historischen Wettkampfs mit Japan wurde 1985 noch dadurch erhöht, dass Nie wegen eines angeborenen Herzfehlers während der Partien zeitweise mit Sauerstoffflaschen versorgt werden musste, was ihn aber nicht davon abhielt, ansonsten tüchtig zu rauchen. Das strenge körperliche Fitness-Regiment, dem sich heutige Profispieler unterwerfen, war ihm noch unbekannt.

Nach der entscheidenden Partie, die sieben Stunden lang dauerte, feierten die Massen den Sieg auf dem Tiananmen-Platz, zumal da der Triumph mit der Weltmeisterschaft des chinesischen Frauen-Volleyballteams zusammenfiel. 1988 verlieh der Sportverband Nie den Titel eines Go-Weisen, „Qi Sheng“ (worauf sein Bridge-Partner Deng Xiaoping ihm gesagt haben soll, es sei nicht einfach, als Weiser zu leben, besser sei es, ein gewöhnlicher Mensch zu sein).

Wie es der Zufall will, war Nie auch noch ein Klassenkamerad von Xi Jinping. Die Hongkonger Zeitung „The Standard“ behauptet, von Xi sei in einem frühen Stadium seiner Karriere verlangt worden, Go zu lernen, um sein strategisches Denken zu schulen, und Nie habe ihm Unterricht gegeben. Nach seiner aktiven Profi-Zeit wurde Nie Weiping Namensgeber und Chef einer Go-Akademie und später wurde er ein scharfzüngiger Go-Kommentator im Fernsehen. Der Sieg über Japan führte zu einer allgemeinen Go-Begeisterung im Land, das Spiel wurde systematisch gefördert, und nachdem jahrelang Südkorea führend war, dominieren mittlerweile die Profispieler aus der Volksrepublik die Weltrangliste, auch wenn an deren Spitze seit 2019 der Südkoreaner Shin Jinseo steht. Seit 2016 müssen sich allerdings auch die besten Spieler aller Nationen der selbst­lernenden Künstlichen Intelligenz geschlagen geben. Was dies für die Geopolitik bedeutet, ist noch nicht ausgemacht.

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