Wer über Julian Barnes spricht, kommt um Flaubert nicht herum. Weil Barnes selbst so viel über ihn spricht – derart viel, dass die Redaktion des „Times Literary Supplement“ 1998, als sie den englischen Schriftsteller mit der Rezension eines Flaubert-Briefbands betraute, im Begleitschreiben frotzelte: „Bitte schreiben Sie uns dazu eine Million Wörter.“
Von Sir Kingsley Amis, dem eine Generation älteren englischen Großschriftsteller, der – genau wie Barnes – für seinen Debütroman den Somerset Maugham Award erhielt und erst Jahrzehnte später die wichtigste englische Buchauszeichnung, den Booker Prize, gewann, ist der Wunsch überliefert, Barnes möge doch mal das Maul halten über Flaubert – kolportiert durch Amis’ Sohn Martin, auch Schriftsteller und ein enger Freund von Barnes. Aber der dachte gar nicht daran. Und so mag man es bezeichnend nennen, dass das erste ins Deutsche übersetzte Buch von Barnes 1987 ausgerechnet „Flauberts Papagei“ war, eigentlich bereits sein fünfter Roman.
Den Anfang machten vier Krimis
„Flaubert sagte einst: ‚Ìch habe keine Biographie‘“, sagte einst Julian Barnes und fügte hinzu: „Die Kunst ist alles, ihr Schöpfer nichts.“ Doch als er seine Schriftstellerkarriere begann (relativ spät, 1980, mit bereits 34 Jahren), bediente er sich gleich zweier eigener Biographien. Die eine hob so an: „Julian Barnes, geboren am 19.1.1946 in Leicester, studierte Französisch in Oxford, wurde Lexikograph, studierte Jura (wie Flaubert), war Literaturkritiker der ‚Times‘ . . .“ und so weiter. Die andere hatte mit alldem nur das Geburtsdatum gemein; als Geburtsort gab sie County Sligi in Irland an und fuhr fort: „. . . widmete seine Reifezeit dem Schulschwänzen, der Fleischeslust und Bagatelldiebstählen, verließ das Elternhaus mit siebzehn, um als Matrose auf einem liberischen Tanker anzuheuern.
Nachdem er in Montevideo heimlich von Bord gegangen war, schlug er sich mit den verschiedensten Jobs durch Nord- und Südamerika.“ Die erste Biographie gab das banale Leben wieder, die zweite war Kunst, die Barnes ersonnen hatte für das Alter Ego, unter dessen Namen er in seiner Anfangszeit insgesamt vier Krimis schrieb. Der lautete Dan Kavanagh, aber auch das war dem Leben abgelauscht, denn Barnes war verheiratet mit Pat Kavanagh, einer bekannten Literaturagentin.
Die drei großen Antworten der Menschheit: Religion, Kunst und Liebe
Sie starb 2008, kurz nachdem Barnes „Nichts, was man fürchten müsste“ veröffentlicht hatte, so etwas wie eine Autobiographie, die unter dem Zeichen des Todes stand. Das eine wie das andere war unerwartet für einen damals gerade einmal Anfang Sechzigjährigen, der zwanzig Jahre zuvor in einem Interview auf die Frage nach den großen Antworten gesagt hatte: „Es gibt im Wesentlichen drei: Religion, Kunst und Liebe. Ich glaube, die Religion ist nicht wahr; die Kunst funktioniert nicht bei jedem. Als letzter Rückhalt bleibt die Liebe.“ Den hatte Barnes nun verloren, obwohl bei ihm die Kunst funktioniert (viele Aufsätze zu Malerei, Literatur und Kino künden davon), und deshalb verdüsterte sich danach sein bis dato ebenso elegantes wie ironisches Schreiben.
Der nächste Roman, „Vom Ende einer Geschichte“, brachte Barnes dadurch prompt den schon längst überfälligen Booker Prize ein, der so grandiosen Büchern wie „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“ (1989), „Darüber reden“ (1991) oder „Arthur & George“ (2005) versagt geblieben war, weil sie bei allem emotionalen Tiefgang zu spöttisch für die Juroren und deshalb als zu leicht empfunden worden waren. Deshalb ist es für Barnes eine Genugtuung, dass das halbe Kapitel aus „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“, eines über die Liebe, immer wieder bei seinem Publikum zum Einsatz kommt, wenn es darum geht, über den Verlust eines geliebten Menschen hinwegzukommen.
Warum aus einem angefangenen Roman ein persönlicher Bericht wird
Von dieser ihm selbst tröstlichen Trostwirkung seiner Literatur erzählt Barnes in dem Band, der heute zu seinem achtzigsten Geburtstag gleichzeitig in Großbritannien und Deutschland erscheint: „Departure(s)“, auf Deutsch „Abschied(e)“, und es ist kein Roman mehr, sondern tatsächlich das, was der englische Titel (anders als der deutsche) verheißt: Aufbruch und Abschied zugleich. „Dies ist definitiv mein letztes Buch“, spricht Barnes darin seine Leserschaft an, „mein letztes Gespräch mit Ihnen.“ Zu viele Weggefährten sind gestorben seit Pat Kavanagh, zuletzt 2023 auch Martin Amis und 2024 mit Ismail Kadare ein Schriftsteller, den Barnes zutiefst bewunderte.
Da war auch bei ihm selbst längst schon eine Erkrankung diagnostiziert, die ihn, wie er nun schreibt, nicht notwendig umbringen wird, die aber auch unheilbar ist. Da er sein Erzählprinzip im neuen Buch so erklärt: „Ich schreibe meist fiktive Geschichten, und die verlangen eine langsame Kompostierung des Lebens, bevor brauchbares Material daraus wird“, ist klar, dass dieser Souverän des zeitgenössischen britischen Romans sich nun zu alt fühlt, um noch einmal genug Humus anzusammeln. Und doch ist sein letztes Buch eines, das noch einmal das fruchtbar werden lässt, was Barnes so unvergleichlich macht. Witz und Mitgefühl.
Julian Barnes bricht sein Wort
Eigentlich, so erfahren wir, war sogar noch ein Roman begonnen worden: unter dem Titel „Jules Was“. Und nun mag man rätseln, wie sehr sich der durch den eigenen Rufnamen angedeutete autobiographische Bezug darin von dem unterschieden hätte, was wir jetzt in „Abschied(e)“ lesen. In dessen Zentrum steht wie bei fast allem von Barnes seit seinem „Debütroman „Metroland“ (1980) eine melancholische Liebesgeschichte – auch die literarische Liebesgeschichte des Autors für Flaubert ist ja die Affäre mit einem längst Verstorbenen.
Diesmal wird von der Liebe zwischen Stephen und Jean erzählt, zwei Kommilitonen aus Oxford, die von Barnes in jungen Jahren zusammengebracht wurden und nach ihrer baldigen Trennung mehr als vierzig Jahre später noch einmal – um dann wieder am Zusammenleben zu zweit zu scheitern. Gegenüber Jean hatte Barnes das Versprechen abgegeben, nie darüber zu schreiben. Mittlerweile sind auch sie und Stephen tot, und Barnes bricht sein Wort. Das ist ein Eingeständnis, das ihn nicht sympathisch macht, aber auch ein Zugeständnis an die für ihn höchste Instanz, die verbleibt, wenn die Liebe gestorben ist: die Kunst.
In „Abschied(e)“ konnte er sich damit noch einmal selbst vor dem retten, was er befürchtet: „dass ich mich nach vierundvierzig Jahren mit einer Veröffentlichung nach der anderen allmählich selbst wiederholen muss, immer wieder auf dieselben alten Motive und Memes zurückgreifen, immer wieder meine Lieblingszitate meiner Lieblingsschriftsteller auftischen oder gar (was ich aber nicht hoffe) immer dieselben Witze erzählen muss“.
Das entspricht dem Albtraum vom ewigen Leben, den Barnes zum Schlusskapitel seiner „Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“ gemacht hatte, einer noch tröstlicheren Episode über das Leben als das halbe Kapitel über die Liebe. Ja, alles stirbt, aber zuletzt erst die Hoffnung, dass das letzte Wort über das letzte Buch von Julian Barnes doch noch nicht gesprochen ist. Er wird heute ja erst achtzig. Sein Vorbild Flaubert wurde zwar keine sechzig, aber schrieb bis zuletzt. Und im „Daily Telegraph“ hat Barnes vorgestern schon erklärt, dass auch er weiterscheiben werde, nur eben keine Bücher mehr. Wir werden sehen.

vor 3 Stunden
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