Ständig neue Stimmungen, Techniken, Tatsachen: modernes Leben. Wie man das aushält, wissen wenige besser als die Tochter eines schauerlich armen Tabakbauern, der es gelungen ist, sich aus dem kulturellen Kahlfraß ihrer nach Heuschrecken benannten Heimat („Locust Ridge“) zum Weltstar-Status empor zu singen.
Dolly Rebecca Parton erkennt stets, wann es Zeit für Veränderungen ist: Den Country-Sänger Porter Waggoner, der sie 1967 als Duettpartnerin in seine Fernsehshow einlud und so ihrer Karriere den Startschub gab, verließ sie 1974 keinen Moment zu früh oder zu spät; treu sein kann sie aber auch – als ihr geliebter Begleiter Carl Dean letztes Jahr nach sechs Ehejahrzehnten starb, teilte sie ihren Schmerz unverblümt mit der Welt: „Ich weine heute schneller als früher, alle kriegen es mit, ich hoffe nur, sie sehen mein Herz.“ Aus diesem Herzen stammen Hits wie „Coat of Many Colors“, „I will Always Love You“, „Jolene“ und das bedeutende Gewerkschaftsgedicht „9 to 5“.
Das Neue prüfen
Auf dem Weg über eine dreistellige Millionenzahl verkaufter Tonträger, diverse Grammys, zahlreiche philanthropische Leistungen und Beiträge zur Kunstlehre („Bei mir stecken überall Songs. Ich ziehe eine Schublade auf, weil ich ein Höschen brauche, und finde ein Lied drin“) hat sie ein Verfahren gefunden, mit der Zeit zu gehen, ohne in den Opportunismus abzugleiten. Während Totalverweigerung gegenüber Neuem bekanntlich stumpf macht, ist umgekehrt die Forderung, jede Zumutung der Zeit „gestalten“ zu sollen, oft nur Ausdruck eines Mangels an eigenem Willen. Dolly Parton jedoch prüft das Neue, ob sich damit etwas machen lässt, das sie für richtig halten kann. Als sich zum Beispiel die USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in einen üblen „Wir gegen die“-Taumel werfen wollten, ergriff sie die Gelegenheit, ihren Leuten ins Gewissen zu singen: „Can we fix it, is there time? Hate and violence just increases, we’re so selfish, cruel and blind.“
Diese Selbstinfragestellung kann es an Weisheit mit dem Rat eines anderen großen Anti-Opportunisten aufnehmen: David Lynch empfahl Leuten mit verkalktem Gewissen „to fix their hearts or die“. Dass Dolly Parton nicht nur mit schlechten Nachrichten und Herzensnöten, sondern auch mit technischen Innovationen dollytisch korrekt umzugehen weiß, bewies sie Ende 2025 wieder einmal: Man machte sich öffentlich Sorgen um ihre Gesundheit, sie aber hielt sich nicht mit Pressemitteilungen auf, sondern sagte per Instagram Bescheid: „Lately, everybody thinks that I am sicker than I am. Do I look sick to you?“ Heute wird sie achtzig Jahre alt.

vor 2 Stunden
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