Einen Vulkan besteigen: Wie fängt man das an? Das kann man schon vor der Lektüre der Geschichte in der Mitte des Erzählungsbands von Annette Pehnt wissen, die ihm den Titel gegeben hat: mit kleinen Schritten. Gleichgültig, ob man Tourist oder Forscher ist, ob man ein ästhetisches Interesse hat und das schaurig schöne Schauspiel der erstarrten Naturgewalt genießen möchte oder ob man wissen will, ob unter der Kruste doch noch ein Explosionsgefahrenherd schlummert – in jedem Fall wird man vorsichtig und aufmerksam einen Fuß vor den anderen setzen und nach jeder Bodenberührung eine winzige Pause einlegen. Mit einem grafischen Bild gesagt: einen Punkt machen.
Wenn man das Buch von Annette Pehnt aufschlägt, fällt einem das Druckbild ins Auge. Jeder Satz bildet einen eigenen Absatz. Die Sätze sind kurz. Viele brauchen nur eine Zeile. Die Ich-Erzählerfiguren des Bandes sprechen in Protokollsätzen. Sie führen Buch. Ihre Welt ist alles, was der Fall ist. Sie berichten zwar auch über ihre Wünsche und Phantasien, behandeln aber auch diese Unwirklichkeitsfragmente als Tatsachen des Lebens. Manchmal wird eine schlichte Mitteilung noch einmal unterteilt, sodass sie Stoff für zwei Sätze liefert.
Prägnanz des Details wie im Fotorealismus
Gleich zweimal gebraucht Pehnt dieses analytische Stilmittel am Anfang der Geschichte der Mutter, die jetzt allein in der Wohnung lebt, aus der ihre Kinder ausgezogen sind. „An den Wänden kleben ihre Plakate. Und alte Tesastreifen. Alles andere haben sie mitgenommen. In ihre neuen Zimmer.“ Warum zwei Sätze über den Wandschmuck? Die Mutter geht durch die Kinderzimmer, ihr Blick schweift über die Plakate. Dann tritt sie heran und sieht die Tesastreifen. Das vom Plakat abgelöste Detail gewinnt eine Prägnanz wie in einem Gemälde des Fotorealismus, nur dass der Vorstellungskraft von Pehnts Lesern noch etwas zu tun bleibt. Man kann sich den alten Klebefilm brüchig und nachgedunkelt denken und erinnert sich daran, dass man als Kind gehalten war, die Poster der vermeintlich schnell wechselnden Lieblingssänger mit Tesa zu befestigen und nicht mit Reißnägeln, um die Tapete zu schonen. Das Provisorium ist zum Dauerzustand geworden, die Sänger – oder was immer die Gegenstände der Plakate sein mögen – haben mit Verspätung den Lieblingsstatus doch noch verloren.
Die Mutter kann die Indizien der Vergänglichkeit nicht mit Rührung betrachten. Ihre Welt steht unter dem Gesetz der Sentenz, mit der Funny van Dannen den Trostspruch von der Wundenheilungskraft der Zeit widerlegt: Die Zeit kann nur vergehen. Es wäre sinnlos, die Plakate abzureißen, und es ist ebenso sinnlos, sie hängenzulassen. Die (in der Geschichte namenlos bleibenden) Kinder leben hier nicht mehr.
Und warum erhalten die neuen Zimmer ihren eigenen Satz? Logisch betrachtet ist der zweite Satz nur eine Implikation des ersten. Es ist ja klar, dass die Kinder ihre Habseligkeiten in ihre neuen Zimmer mitgenommen haben. Es sind normale, glückliche Kinder – sie leben nicht auf der Straße. Aber für die Mutter hat der Vorgang zwei Seiten. Die Kinder haben das Elternhaus verlassen und eine neue Welt bezogen. Das ist eine doppelte Kränkung, obwohl es eine einzige Handlung (pro Kind) war. Die Rekapitulation des Verlusts tut ein zweites Mal weh. Durch das Wiederholungsmuster, das der mütterlichen Besichtigung ihres Lebensmuseums einen stabilen Rhythmus gibt, wird der Schmerz nicht abgetötet oder anästhesiert, eher verwaltet. Unser Alltag stellt sich durch Pehnts Erzählstil als ein Land der Vulkane dar, in dem jederzeit damit gerechnet werden muss, dass ein kaum wahrnehmbares Erdbeben den Boden aufplatzen lässt. Aber die Bewohner haben sich in dem Sinne auf der Oberfläche eingerichtet, dass es für sie im Grunde keine bösen Überraschungen gibt.
Hinter ihrem Deich sind sie sicher
Das gilt sogar für die Kinder, die vor dem Unglück der elterlichen Ehe in den Wald fliehen. Sie kennen den Begriff Essstörung nicht, aber sie wissen, was los ist. „Mama muss immer kotzen. Sie schlägt die Tür zu und schließt sich im Bad ein. Stundenlang. Wir müssen ins Gästeklo.“ Im Wald spielen die beiden Schwestern, dass sie Rehe sind. Zum Ernst des Rollenspiels gehören die Pausen, in denen sie aus der Rolle treten. „Wir rennen im Zickzack, bis wir oben sind. Oben essen wir Kaugummis. So lange sind wir keine Rehe.“ Die Mädchen übernachten im Wald und schirmen sich gegen die Welt der Erwachsenen ab, indem sie ihre eigenen Regeln setzen. „Wir haben Steine gesammelt, schwarze und weiße. Damit haben wir einen Kreis gelegt. Rund um unseren Unterschlupf. Niemand darf ihn übertreten. Außer uns.“
Mit „Einen Vulkan besteigen“ war Annette Pehnt für den Bayerischen Buchpreis nominiert.Piper VerlagSo ist auch die Autorin vorgegangen, nur ohne sich das Recht der Übertretung vorzubehalten. Als „minimale Geschichten“ weist der Untertitel die Stücke des Bandes aus. Annette Pehnt hat sich in der Wortwahl und beim Satzbau einer so willkürlichen wie klar definierten Beschränkung unterworfen. Der Kreis, den sie gezogen hat, sind, wie sie im Nachwort vermerkt, die Regeln der Einfachen Sprache. Ihr Unternehmen steht in der Tradition avantgardistischer Experimente, wie sie die französische Dichterschule Oulipo angestellt hat. Von Artifizialität, wie man sie mit dem freiwilligen und konsequent durchgehaltenen Verzicht auf bestimmte sprachliche Möglichkeiten assoziiert, gibt es hier freilich keine Spur. Die einfachen Mittel begünstigen eine ungeheure Dichte, Intensität und Fülle der Mitteilungen.
Der lange Satz der deutschen Erzählprosa klassisch-realistischer Provenienz bildet in seiner Verschlingung den Entwicklungsgang der Handlung ab, nimmt es dem Leser damit aber auch ab, die Entwicklung Schritt für Schritt nachzuvollziehen. Dem Leser von „Einen Vulkan besteigen“ bleibt hingegen nichts verborgen. Man kommt sich vor, als säße man in der Elbphilharmonie, und auf dem Podium spielte eine einzelne Flöte.
Kürze und Geschlossenheit der Phrasen geben die lakonische Gesamtstimmung eines ewigen Präsens vor. Umso gewaltiger ist die Wirkung der Ankündigung eines Tempuswechsels. In der ersten Geschichte, „Jemanden aussuchen“, spricht eine Frau, die mit einer Freundin im Geheimen den Platz der Schwester besetzt, die sie in ihrem Leben nicht gehabt hat. Man ahnt von Anfang an, dass die Sache nicht gut ausgehen kann, obwohl sie zum Glück auch nicht böse ausgeht. Das Verheißungsvolle und das Bedrohliche dieses phantastischen Spiels nach selbstgemachter Regel drückt ein einziger Satz aus, den die Erzählerin der Information folgen lässt, dass sie ihrer nunmehrigen Schwester früher am liebsten die Haare abgeschnitten hätte: „Aber das ändert sich jetzt.“
Wenn man den Zeilenfall von „Einen Vulkan besteigen“ sieht, mag man zuerst denken, einen Gedichtband in der Hand zu haben. Tatsächlich bedeutet Annette Pehnts Minimalismus, dass ihre Geschichten wie Gedichte sind: Hier sitzt jedes Wort.
Annette Pehnt: „Einen Vulkan besteigen“. Minimale Geschichten. Piper Verlag, München 2025. 288 S., geb., 24,– €.

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