Dass ein DDR-Schriftsteller, der von seinem Staat überzeugt war und das auch nach dessen Ende blieb, sich von einem BRD-Schriftsteller überzeugen ließ, eine gemeinsame Haltung zu Deutschland einzunehmen, ist sicher selten vorgekommen.
Als der östliche Dramatiker Peter Hacks, den selbst Feinde wegen seiner schönen Sprache respektierten, Anfang der Neunzigerjahre beim Westschriftsteller Hermann Peter Piwitt las, jener wolle sich zu deutschen Dingen nicht mehr äußern, es sei nämlich alles gesagt, stimmte er zu und nahm sich vor, es ebenso zu halten.
Sie haben dann beide nicht geschwiegen. Das aber lag vielleicht nicht nur daran, dass sie Meinungen mitteilen wollten, sondern auch daran, dass sie ohne die Sprache der Gegend, mit der sie so wenig einig waren, nicht leben konnten, dass sie sich von dieser Sprache nehmen mussten, was sie brauchten, und ihr gaben, was sie hatten.
Piwitts Sätze haben nicht nur bei Hacks das Empfinden ausgelöst: Ja, so denke ich auch, aber erst jetzt verstehe ich’s, weil der es so deutlich sagt.
Entsetzliche Ordnungen innen und außen
Als Erzähler hat Piwitt mit „Die Gärten im März“ (1979) und „Deutschland – Versuch einer Heimkehr“ (1981) historische Erfahrungen anderen Menschen plausibel gemacht, die sich eigentlich kaum erzählen lassen: 1935 geboren, geprägt von einer Welt, die in beiden deutschen Staaten offiziell gebannt, bewältigt, überwunden werden sollte, schrieb der Dichter in „Die Gärten im März“: „Daß Ordnung nur in Gedanken bestehe. Daß es genüge, die Ordnung im Kopf zu haben.“ Und dann folgt in diesem schmalen, gewaltig wahrheitsbedrängten Buch die Wahrheit, dass das nicht stimmt, denn es ergibt sich eine gleichzeitig intime und zeitgeschichtlich taghelle Szene, deren Ineinanderkrachen von Persönlichem und Krieg eben doch eine Ordnung hat, aber eine entsetzliche: Ein Mann und eine Frau in einer Wohnung, Aufräumprobleme. „Blumen im Bierglas? Und? Es gibt doch auch Leute, die aus Blumenvasen saufen! Nie davon gehört? Soldaten? Mit Bauchschuß?“
Brutale Direktheit, dann wieder Ironie (wie im zauberhaften und grusligen Mogelroman „Der Granatapfel“ von 1986, der einen Intellektuellentyp vorstellt, dessen Gegenteil Piwitt war: den raffiniert und elegant Angepassten, den Scheinindividuellen), Piwitt konnte alle Zustände der Menschenseele schildern.
Was ihn quälte, war die Außenwelt, aber auch Inneres, zu viel Mitleid mit Natur, zu wenig Geduld mit denen, die alles mitmachen, und so genau er beschreiben konnte, wie sich etwas von innen anfühlt, so völlig transparent war ihm dann doch auch die andere Seite unseres menschlichen Hirnlebens, das Argumentieren, Begründen, Herleiten, Folgern, wie man in einem der besten Essaybände, die in deutscher Sprache nach 1945 erschienen sind, nachlesen kann: „Boccherini und andere Bürgerpflichten“ (1976) – über Warenwirtschaft und Geschmack, über Landschaften Italiens, über die Achtundsechzigerbewegung, der er so wenig angehören konnte wie irgendeiner älteren Linken mit klarer, kadertreuer Linie.
Was geklärt werden wird
Ich habe mit ihm ein paar schriftliche Worte gewechselt, ihn nur einmal getroffen, vor wenigen Monaten. Er war dabei auf eine leicht müde, gebrechliche Art ganz anwesend, völlig klar, leicht gereizt wegen seiner eingeschränkten Möglichkeiten, genau im Umgang, bescheiden, groß.
Was wird sein Platz in der Literaturgeschichte gewesen sein? Über Rolf Dieter Brinkmann, mit dem er jahrelang „einträchtig in einem Briefwechsel verkeilt“ war, wie Piwitt einmal schrieb (in beider Werk gibt es davon Spuren), hat er berichtet, wie schwer es zeitweise war, diesen Kollegen im Betrieb zu vermitteln, zu halten, zu unterstützen. „Inzwischen hören sie nicht auf, ihn zu rühmen. Durch die Bank. Mit Recht. Aber musste er erst mal sterben dazu? Nur dass auch das mal geklärt ist. Und bleibt.“
Am 15. Januar ist Hermann Peter Piwitt neunzigjährig in Hamburg gestorben.

vor 1 Tag
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