Man hat ihn mit Leonard Bernstein verglichen, dem ersten in Amerika geborenen Dirigenten von Weltgeltung. Nicht ohne Grund, denn Michael Tilson Thomas war wie sein großer Kollege Dirigent, Komponist und Pianist in Personalunion. Zudem besaß er wie Bernstein die Fähigkeit, klassische Musik unterhaltsam zu präsentieren, ohne sie durch Popularisierung zu beschädigen. Die wichtigste Gemeinsamkeit war jedoch ihre Liebe zur amerikanischen Musik, lange Zeit kein selbstverständlicher Klang auf den wichtigen Konzertpodien und Opernbühnen der neuen Welt.
Alle Facetten der amerikanischen Musikkultur
Thomas, 1944 in einer russisch-jüdischen Einwandererfamilie in Los Angeles geboren, hat ein waches Gespür besessen für die Entwicklung amerikanischer Musik aus einer von Migranten mitgebrachten europäischen Kunstmusik zu einer selbstbewusst-eigenständigen Klangsprache. Schon zu einer Zeit, da das Land als selbständiger Staat noch gar nicht existierte, hatte der Komponist William Billings aus Boston befunden, Amerika brauche keine Händel-Oratorien, sondern eigene Musik, die „so unbehauen und kraftvoll wie das Land ist, in dem wir leben; ohne allzu viele Schnörkel und Verzierungen“.
Michael Tilson Thomas probt am 8. November 1997 mit dem London Symphony Orchestra in der Jahrhunderthalle.Lutz KleinhansWie kein zweiter Künstler am Dirigentenpult hat Michael Tilson Thomas diese selbst Amerikanern wenig bekannte Klangkunst wieder ins Bewusstsein gehoben und mit dem von ihm zwischen 1995 und 2020 geleiteten San Francisco Symphony Orchestra die großen charaktervollen und bizarren Originale zwischen Neuengland und Kalifornien, die Verächter europäischer Dogmen und altweltlicher Gelehrsamkeit mit zu Wort kommen lassen. In Festivals wie „American Mavericks“ hat er im Grunde alle Facetten der amerikanischen Musikkultur vorgestellt.
Am Anfang ein pianistisches Wunderkind
Eigenbrötlerische Kunst von Carl Ruggles und Lou Harrison, Avantgardistisches von Henry Cowell, Charles Ives und John Cage oder Jazzopernklänge von George Gershwin wie Bigband-Arrangements eines Duke Ellington, Experimentalklänge des „bösen Buben“ George Antheil oder rauschhafte Rock-Epen des kalifornischen Musikerkollektivs von Grateful Dead. Auch bei seinem zweiten Schwerpunkt, den er lang als Chefdirigent renommierter Symphonieorchester Europas wie Amerikas pflegte – russisches Repertoire von Tschaikowsky bis Prokofjew –, konnte er sich auf eine natürliche Affinität berufen, die auf seiner Herkunft gründet.

Viele Werke Igor Strawinskys hat er in preisgekrönten Einspielungen mit dem Orchester aus San Francisco vorgelegt, vor allem seltener gespielte Kompositionen aus der „russischen Periode“ wie die Kantate „Le Roi des Étoiles“, die Burleske „Renard“ und selbstverständlich „Sacre du Printemps“ in mustergültiger Präzision des Zusammenspiels und struktureller Durchhörbarkeit, ohne an Klangwucht einzubüßen.
Michael Tilson Thomas war auch der erste in Amerika geborene Dirigent, der einem der großen europäischen Orchester, dem London Symphony Orchestra, vorstand. Seine Karriere aber hatte er als pianistisches Wunderkind begonnen, war mit Piatigorsky und Heifetz aufgetreten und hatte früh schon mit Komponisten wie Aaron Copland, Pierre Boulez, Strawinsky und Karlheinz Stockhausen Kontakt. Als Dirigent begann er 1969 als Einspringer für William Steinberg beim Boston Symphony Orchestra, er leitete die Klangkörper in Buffalo, Los Angeles, Miami und London. Auf seiner wichtigsten Stelle, bei den Symphonikern in San Francisco, führte er auch eigene Werke auf, so seine Orchesterlieder „Poems of Emily Dickinson“. Am Mittwoch ist Michael Tilson Thomas mit 81 Jahren in San Francisco gestorben.

vor 3 Stunden
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